Irina Scherbakowa über Frankenstein und Beautyblogger
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von AgenturenBei einem Protest in Berlin wird Putin mit Stalin verglichen
Bild: APA/APA/dpa-Zentralbild/Britta Pedersen
Russland hat im April die Menschenrechtsorganisation "Memorial" als "extremistisch" eingestuft. "Alles Quatsch", sagte Mitgründerin und Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakowa im Gespräch mit der APA. Sie war am Mittwoch für eine Panel-Diskussion am Karl-Renner-Institut in Wien. Scherbakowa erklärte, warum die russische Führung sich von einer Beautybloggerin bedroht fühlt, und rief zur Aufarbeitung der Vergangenheit auf - damit sie nicht "wie Frankenstein" aufersteht.
Erinnerungsarbeit stellt Russland-Mythos infrage
Scherbakowa ist Gründungsmitglied der Menschenrechtsorganisation Memorial. Die Organisation setzt sich seit ihrer Gründung in den 1980er-Jahren für Aufarbeitung der politischen Verfolgung und des stalinistischen Terrors in der Sowjetunion ein. In den Jahren 1930 bis 1956 wurden über 17 Millionen Menschen zu Haftstrafen in Gefängnissen, Strafkolonien und Lagern verurteilt. Zuletzt dokumentierte Memorial auch Menschenrechtsverstöße im Ukraine-Krieg. Solche Erinnerungsarbeit sei für den Kreml gefährlich, sagte Scherbakowa, weil sie den von Putin propagierten Mythos eines makellosen und siegreichen Russlands infrage stelle. Denn der Mythos wankt - auch im Hinblick auf den Ukraine-Krieg.
Sogar unter bisher unpolitischen Russinnen und Russen mache sich Unmut über die Folgen des Ukraine-Kriegs breit, sagte Scherbakowa. Etwa bei der russischen Beautybloggerin Victoria Bonya. Die Influencerin lebt in Monaco und zählte zuletzt ihren 13 Millionen Followern eine Reihe von Problemen auf, mit denen Russland ihrer Meinung nach konfrontiert sei. "Im Kreml ist daraufhin eine gewisse Unbehaglichkeit entstanden", so Scherbakowa. Denn die Kritik sei nicht von Liberalen oder Demokraten gekommen - "das war die Stimme eines, wie wir sagen, tiefen Russlands".
Trotzdem befürchtet Scherbakowa, dass es Putin bereits gelungen sei, vielen Russinnen und Russen die "Seele zu brechen". Sie verglich ihn mit dem Drachen aus einem Drama von Jewgeni Schwarz. Der Drache sagte dem Ritter Lancelot, dass es keinen Sinn habe, ihn zu besiegen. Während seiner Herrschaft habe er die Seelen der Menschen zerstört, sie hätten kein Verlangen mehr nach Freiheit. Dabei verhalte sich Putins Regierung nicht unähnlich wie das Regime des Sowjetdiktators Josef Stalin. "Der Mensch ist absolut in den Händen des Staates - der Staat kann ihm alles antun."
"Man darf nicht lügen oder Schulbücher umschreiben"
Die Geschichte stalinistischen Terrors versteht Scherbakowa wie keine andere. 1979 begann die damals 30-Jährige, heimlich Überlebende der Gulags zu interviewen. "Das waren nicht unbedingt Helden ohne Makel. Es waren einfach Menschen, die von einem repressiven System falsch beschuldigt wurden." Scherbakowa hatte an diese Menschen Fragen, die sie nicht mehr losließen: "Wie wird der Mensch mit diesen unmenschlichen Bedingungen fertig - oder auch nicht?"
Ihre Schicksale müssten in Erinnerung bleiben. "Leichen der Vergangenheit" müssten aufgearbeitet werden, damit sie "nicht plötzlich wie Frankenstein wiederauferstehen". Aufarbeitung heißt für Scherbakowa: "Man darf nicht lügen oder Schulbücher umschreiben." Langfristig müsste auch die autoritäre Rolle des russischen Staates überwunden werden.
(Das Gespräch führte Pia Hecher/APA)
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