Viel PS und Sperrholzpanzer bei Holzingers "Pfingstspiel"
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von AgenturenPrinzendorf lebt weiter
Bild: APA/Wolfgang Huber-Lang
Prinzendorf lebt weiter. Das lässt sich nach diesem Samstagabend konstatieren, auch wenn man bei diesem "Pfingstspiel" zwischendurch am Grab von Hermann Nitsch stehend darüber sinnieren konnte, wie der 2022 verstorbene Gesamtkunstwerker über viele Wirkensjahre hier seine Feste zelebriert hat. Mit Florentina Holzinger hat Nitschs Witwe Rita aber tatsächlich den denkbar besten Auftakt für ihren Plan gefunden, das Weinviertler Schloss zum Zentrum der Performancekunst zu machen.
Holzinger, die seit wenigen Wochen mit ihrer Truppe auch die Kunstbiennale Venedig aufmischt und den Österreich-Pavillon mit ihrer "Seaworld Venice" zum absoluten Must-see der internationalen Kunstschau gemacht hat, hat sich auf Einladung der Nitsch Foundation und der Wiener Festwochen ein siebenstündiges Spektakel an zwei Schauplätzen einfallen lassen. Den Auftakt machte eine Performance auf dem Gelände des Wiener Eislaufvereins, wo schon zehn Busse bereitstanden, rund 700 Kunstinteressierte ins Weinviertel zu transportieren. Vor wenigen Wochen hatte es bei der Vorstellung des Projekts noch geheißen, die Fahrt würde zum Teil der Performance werden. Tatsächlich war es nur eine Ortsverlagerung.
Start mit "Oratorium für Körper und Maschinen"
Das für den Eislaufverein angekündigte "Oratorium für Körper und Maschinen" hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. Mochte man die Performerin, die eingangs vom Dach des Hotel Intercontinental an einem gespannten Seil hängend die Fassade entlang zu den Menschen herabstieg, noch als vom Himmel kommenden Heiligen Geist deuten, war das, was sich nach anfänglichem Harfenkonzert auf dem parkplatzähnlichen Betongeviert ereignete, vor allem ein Motorenspektakel.
Zwar wurde das schwarze Auto zunächst von einer vorgespannten Frau in die Arena gezogen, zur anschließenden kreisrunden Schleuderpartie mit funkensprühendem Rodeo-Ritt auf dem Autodach wurde jedoch der Motor dröhnend angelassen. Holzinger liebt Stunts und hat sich schon in einigen Arbeiten mit der mächtigen Bedeutung der Kraftfahrzeuge in unserer Kultur auseinandergesetzt. Doch was sie hier zeigte, war wenig überzeugend - aber glücklicherweise nur das Vorspiel. Nicht nur, weil im Schlosshof in Prinzendorf anschließend ein Panzer und ein Monster-Truck warteten.
Malen mit Drohnen
Der technische Aufwand war hier enorm - und fügte sich dennoch nicht nur stimmig in den zauberischen Schauplatz, sondern auch in die Erinnerung an die Pfingstfeste und das Orgien Mysterien Theater des Hermann Nitsch ein. Holzinger nahm viele seiner Motive auf und interpretierte sie auf ihre Art neu. Es begann mit Schüttbildern, bei denen die rote Farbe von zwei Drohnen verspritzt wurde, während eine Performerin in der Mitte des Bildes "gekreuzigt" ausharrte - nackt, versteht sich. Wie man überhaupt beeindruckt war, wie selbstverständlich Holzingers Mitstreiterinnen sich nackt durch die Zuschauer bewegten. Im Laufe des Nachmittags, der mit intensiver Abendsonne in eine prächtige Nacht überging, kam man immer wieder auf Tuchfühlung - und begann sich zunehmend dafür zu schämen, etwas an zu haben.
Der Panzer spielte eine Hauptrolle im nächsten, mit Live-Musik unterstützten Akt. Er wurde zentral positioniert - und mit einem gewagten Motorrad-Stunt mehrfach bezwungen. Noch spektakulärer fiel jedoch seine Konfrontation mit einem Monster-Truck aus, der zwar mit E-Fuel unterwegs war, aber über den Panzer einfach drüberfuhr und ihn dabei gründlich beschädigte. Denn er entpuppte sich als Sperrholz-Nachbau und die Aussage als simpel: "No war" erschien als Insert.
Friedenstaube kam mit dem Fallschirm
Nach einem spektakulären per Blech erzeugten Donnergrollen an der Fassade kam der Heilige Geist tatsächlich vom Himmel. Was man zuvor als Flugzeug-Live-Video wahrgenommen hatte, entpuppte sich als Vorbote eines Fallschirmsprungs, der wenige Minuten später unter Applaus des Publikums auf einem Acker neben dem Schloss endete. Die Performerin war als weiße Taube verkleidet, brachte die weiße Fahne mit und pflanzte diese auf dem Panzer-Überrest auf. Es war nicht gerade der Tag der subtilen Botschaften, doch spektakulär vorgebracht wurden sie allemal.
In der anschließenden ruhigeren Phase gab es Gelegenheit für Gespräche, Essen und Trinken, die Erkundung des Areals, die Begutachtung weiterer Vorbereitungen der Truppe und das Lauschen von musikalischen Klängen in den unterschiedlichsten Formationen. Das Einbrechen der Dunkelheit wartete man dann weiter unten im Schlosspark ab, wo auf einem Gestell, wie man es von Nitschs Umzügen kannte, nicht nur eine Performerin, sondern auch ein Nitsch-Doppelgänger Platz genommen hatte.
Schwebende "Apostelinnen"
Im Fackelzug ging es wieder zurück ins Schloss und zum langen Abschlusskapitel, das auf das letzte Abendmahl verwies. Am Ende hatte die Friedenstaube gemeinsam mit zwölf "Apostelinnen" an einem schwebenden Tisch Platz genommen, der plötzlich zu Boden glitt und dabei offenbarte, warum alle Mitstreiterinnen zuvor in sorgsamen Mini-Operationen die bereits aus anderen Performances von Holzinger bekannten Haken in die Rückenhaut getrieben bekommen hatten. Zu Musik und Glockengeläut entwickelte sich eine imposante Schlusschoreografie der schwebenden Performerinnen, die gegen 22.30 Uhr, sieben Stunden, nachdem das "Pfingstspiel" in Wien seinen Anfang genommen hatte, zu Ende ging.
Es war eine einmalige Sache, die nicht nur Holzingers Einsatz- und Ideenfreude neuerlich unterstrich, sondern auch deutlich machte, dass die Idee von Rita Nitsch, Prinzendorf mit regelmäßigen neuen Kräften zum dauerhaften Zentrum der Performancekunst machen zu wollen, eine lohnende ist. Das zweite Handicap neben der offenen Finanzierung sprach Rita Nitsch an diesem tollen Abend selbst aus: Die Latte liegt nun sehr, sehr hoch.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)






