"Baustelle Erinnerung" zur NS-Zeit im vorarlberg museum

Veröffentlicht:

von Agenturen

Ansicht Ausstellung ""Baustelle Erinnerung / 'Hitler entsorgen' - Arbeiten am belasteten Erbe" im vorarlberg museum

Bild: APA


- Anzeige -
- Anzeige -

Die neue Ausstellung "Baustelle Erinnerung / 'Hitler entsorgen' - Arbeiten am belasteten Erbe" im vorarlberg museum versteht die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus als eine Baustelle und gemeinsame Verantwortung. Die Schau ab 8. Mai im Rahmen des Programmschwerpunkts "erinnern!" in Kooperation mit dem Haus der Geschichte Österreichs (hdgö) zeigt, welche langen Schatten das damals alle Lebensbereiche durchdringende NS-Gedankengut nach 1945 warf.

"Eine Baustelle ist nicht abgeschlossen, man muss daran arbeiten, hinschauen, auch bei uns als Institution selbst", beschrieb Museumsdirektor Michael Kasper die Herangehensweise. Diese Haltung zur Erinnerungskultur, die sich das Haus in einem Strategieprozess erarbeitete, wolle man auch in Zukunft beibehalten. In der bis Sommer 2027 dauernden Kernausstellung zum Programmschwerpunkt wolle man vor allem die nicht so offensichtlichen Nachwirkungen zeigen, denn vieles aus der NS-Zeit erlebte nach 1945 keinen Unterbruch, sondern vielmehr Kontinuität.

Tracht als textiler Code

So lebten die den NS-Vorstellungen entsprechenden Entwürfe der 1939 in Innsbruck gegründeten "Mittelstelle Deutsche Tracht", deren Leiterin Gertrud Pesendorfer Trachten katalogisierte, "erneuerte" bzw. erfand, nach dem Krieg praktisch unverändert fort in den Schnitten des für viele Blasmusiken arbeitenden Bregenzer Schneiders Hans Konzett, damals Obmann des Landestrachtenverbandes. Tracht wurde im Nationalsozialismus zur Definition verwendet, wer dazugehören durfte - und wer nicht: Bereits ab Mitte 1938 galt ein Trachtenverbot für Juden in Vorarlberg und Tirol. Verbindungen fanden die Kuratoren Theresia Anwander und Felix Wittwer in dem Zusammenhang zudem zur Vorarlberger Textilindustrie.

Materie gewordene Ideologie sind auch die 17 Vorarlberger Südtiroler Siedlungen. Ihr Aufbau unter fragwürdigen Bedingungen - Grundenteignungen und Zwangsarbeit - wird ebenso thematisiert wie das private Leben darin und die derzeitige Diskussion in Bregenz über den Fortbestand oder Abriss der in die Jahre gekommenen Häuser. Der Rolle von Ausstellungen und Kunst im "Dritten Reich" - sie sollte "gefällig" sein, der Propaganda dienen und keinesfalls zu Regimekritik Anstoß geben - ist ebenfalls ein Kapitel gewidmet. Das vorarlberg museum macht dabei Leerstellen und Netzwerke sichtbar und hinterfragt die eigene Sammlung. Das Kuratorenteam zeigte sich bei der Presseführung am Freitag überzeugt, dass die Thematik noch viel Potenzial für die Forschung böte.

Zusammenarbeit mit dem hdgö

Mit ein Ausgangspunkt für die Schau war die Ausstellung "Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum" des hdgö, die das vorarlberg museum zum Teil übernahm. Nach seiner Eröffnung 2018 hatte das Wiener Haus zahlreiche Anfragen und Zusendungen erhalten: Orden, Bücher, Fotos und Erinnerungsstücke aus der NS-Zeit, stets mit der Frage verbunden, was damit geschehen soll. Gründungsdirektorin Monika Sommer betonte am Freitag in Bregenz, ein Museum dürfe in der Hinsicht nicht zur "Altstoffsammelstelle" oder "Clearingstelle" der Gesellschaft werden, vielmehr gehe es um eine gemeinsame Übernahme von Verantwortung. "Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und der Erinnerungskultur ist ein wichtiges Fundament zur Stärkung des demokratischen Rechtsstaats und für das Aufstehen gegen Rassismus und Antisemitismus", so Sommer.

Auch in Vorarlberg können die Besucher und Besucherinnen nun anhand von Fallbeispielen von NS-Objekten selbst entscheiden: Bewahren? Zerstören? Verkaufen? Das vorarlberg museum bietet zur Ausstellung Beratungstage an, zu welchen Private belastete Gegenstände mitbringen können. Kuratorin Anwander und Direktor Kasper rechneten mit regem Zulauf.

- Anzeige -
- Anzeige -

Erinnern als konkrete Arbeit vor Ort

Um der Arbeit am belasteten Erbe etwas Nutzbares für das Heute abzugewinnen, endet die Schau unter Einbindung von Jugendlichen mit Fragen nach der Bedeutung von Demokratie und Mitbestimmung und will so Werkzeug gegen Instrumentalisierung sein. Man verstehe Erinnern als konkrete Arbeit vor Ort, so Kasper. So sind im Rahmenprogramm zur Ausstellung Veranstaltungen zur Rolle der Kriegerdenkmäler, zur Zwangsarbeit in Vorarlberg und der Verfolgung von Homosexuellen am Landesgericht Feldkirch geplant.

(S E R V I C E - Ausstellung "Baustelle Erinnerung / 'Hitler entsorgen' - Arbeiten am belasteten Erbe" von 9. Mai 2026 bis 29. August 2027, vorarlberg museum, Bregenz. Eröffnung am 8. Mai, 17.00 Uhr. www.vorarlbergmuseum.at)

- Anzeige -
- Anzeige -

Mehr entdecken