Experte: Österreich soll Beobachter bei Arktisrat werden
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von AgenturenArktisrat kommt jedes zweite Jahr zu Ministertreffen zusammen
Bild: APA/APA/AFP/POOL/MANDEL NGAN
Wegen der zunehmenden Bedeutung der Arktis für die internationale Politik und den Klimawandel sollte sich auch Österreich um einen Beobachterstatus im Arktisrat, dem Zusammenschluss der Anrainerstaaten des Nordpols, bemühen. Die Schweiz habe diesen Status schon seit Jahren, sagte der finnische Arktisexperte Lassi Heininen im APA-Gespräch. Auch Österreich stünden die Türen grundsätzlich offen, weil das hochalpine Klima jenem in der Arktis ähnle, erläuterte er.
Ein weiteres Kriterium sei die Unterstützung für die indigene Bevölkerung der Arktis, weil diese im Arktisrat ein Mitspracherecht habe, sagte der Politikwissenschafter. Wegen des Ukraine-Krieges würden aktuell aber keine neuen Anträge erörtert, so der frühere Professor für Arktisstudien an der Universität Lappland. Neben den Vollmitgliedern Kanada, Dänemark, Finnland, Island, Norwegen, Russland, Schweden und USA gibt es aktuell 13 Beobachterstaaten, darunter die sechs EU-Staaten Deutschland, Frankreich, Italien, Niederlande, Polen und Spanien. Aktuell hat Dänemark den Vorsitz im Rat, alle zwei Jahre finden Ministertreffen statt.
"Die Arktis ist ein globales Thema", betonte Heininen, der vergangene Woche auf Einladung des Austria Instituts für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES) in Wien war. Einerseits haben Klimawandel und globale Entwicklungen starke Auswirkungen auf die Arktis, "aber es ist auch umgekehrt". So hätten indische Wissenschafter schon vor Jahren festgestellt, dass das Klima in der Arktis große Auswirkungen auf die Monsuns auf dem indischen Subkontinent hätten.
USA und Russland "vollen nicht eine weitere Front eröffnen"
Entgegen Unkenrufen nach Ausbruch des Ukraine-Krieges funktioniere der Arktisrat mit Russland als Vollmitglied weiter, sagte Heininen. "Die USA und Russland wollen nicht eine weitere Front eröffnen, sondern die Situation so bewahren wie sie ist." Daher habe es in den vergangenen vier Jahren keinerlei militärische Auseinandersetzungen in der Arktis gegeben. "Ich würde sagen, dass das durchaus eine Leistung ist." Eine wichtige Rolle hätten dabei Kanada und Norwegen gespielt, wobei letzteres - anders als etwa Finnland - nicht alle Grenzübergänge zu Russland geschlossen habe.
Einig seien sich die Arktisstaaten auch darin, dass sie keine auswärtigen Mächte in die Region lassen wollen. China sei zwar - wie etwa auch Indien, Singapur, Südkorea oder Japan - ein Beobachterstaat des Arktisrates, scheine aber das Interesse verloren zu haben. "Sie konzentrieren sich auf die Antarktis", so Heininen. "Wenn man sagt, dass China ein großer Spieler in der Arktis werden will, dann ist das eine Legende."
"Wir verlieren Zeit"
Hingegen zeigte sich Heininen besorgt über die Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf den Kampf gegen den Klimawandel. Weil westliche und russische Wissenschafter nicht kooperieren können, fehlen wichtige Erkenntnisse über das Voranschreiten des Klimawandels gerade in einem Gebiet, in dem sich dieser besonders rasch vollziehe. "Wir haben kein genaues Verständnis davon, wo wir uns derzeit befinden." Ohne exakte Daten würden auch die dringend erforderlichen politischen Entscheidungen verschoben. "Wir verlieren Zeit", warnte der Experte auch vor unwiederbringlichen Verlusten im Bereich der Biodiversität. "Wir werden den letzten Ozean verlieren, in dem es noch Robben gibt. Und das wird bald passieren, wenn die Arktisregion so schnell schmilzt."
"Wir können nicht einmal Daten austauschen, was völlig dumm ist", beklagte er. So hätten finnische Forscher vor der Pandemie neue Messinstrumente in eine russische Arktisstation gebracht, um dort die Temperatur und Luft zu messen. "Die Instrumente sind dort, aber die Russen sind nicht entsprechend ausgebildet, um sie zu bedienen." Somit habe man kein genaues Bild über den Klimawandel, und insbesondere auch den Rückgang der Permafrost-Gebiete, die besonders wichtig seien, weil sie das viel klimaschädlichere Methan im Boden halten. Gerade auf dem Gebiet des Permafrost seien russische Wissenschafter große Experten, weil große Landstriche in Sibirien das ganze Jahr lang gefroren seien. In Europa gebe es mit Ausnahme der norwegischen Arktisinsel Svalbard (Spitzbergen) keine solchen Gebiete.
Grönländer verärgert über EU-Linie bei Robben
Mit Blick auf das Ringen um Grönland kritisierte Heininen die mangelnde Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der dortigen indigenen Bevölkerung seitens der Europäischen Union. Dass man den Robben- und Walfang nicht einmal für den einheimischen Bedarf erlaube, "hat die Grönländer sehr verärgert". "Wir kommen ja auch nicht nach Mitteleuropa und sagen: 'Ihr dürft eure Kühe nicht schlachten', denn für uns ist das so ziemlich dasselbe", veranschaulichte Heininen. Die EU habe das Verbot erst aufgehoben, als es von den Inuit innerhalb Kanadas zum Thema gemacht wurde und das nordamerikanische Land einen EU-Kanada-Gipfel absagte.
Befragt zu den US-Ansprüchen auf die dänische Insel sagte der Politikwissenschafter, dass Washington diese "militärisch und strategisch völlig kontrolliert". Solange die Regierung von US-Präsident Donald Trump im Amt sei, werde die Gefahr nicht völlig gebannt sein. "Aber sie haben nie zu einer konkreten aggressiven Handlung angesetzt", fügte Heininen hinzu. Zugleich verwies er auf die Vernachlässigung der Arktis durch die USA in der Vergangenheit. Ein US-Senator habe ihm vor 15 Jahren in Alaska gefragt, ob die USA nicht einen Eisbrecher mieten sollten. "Hören Sie einmal: Ihr seid die größte Volkswirtschaft der Welt. Habt ihr nicht genug Geld, um selbst einen Eisbrecher zu bauen", habe er damals geantwortet. Zu lange habe Washington gedacht, dass die Stationierung von ein paar Atom-U-Booten in der Arktis ausreichend sei.
(Das Gespräch führte Stefan Vospernik/APA)






