"Kassandra Chorus": Warnrufe als Lied der Ermächtigung

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Der "Kassandra Chorus" im Akademietheater

Bild: APA/APA/Festwochen/Magda Hueckel/Magda Hueckel


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"You are all idiots." Die Begrüßung, die den Besuchern des Akademietheaters auf T-Shirts, Projektionen, aber auch mündlich entgegengebracht wird, klingt nicht gerade freundlich. Dabei scheinen die rund zwei Dutzend Menschen, die die in den Zuschauerraum vorgezogene Bühne bevölkern, durchaus sympathisch. Es ist eine bunt zusammengewürfelte Truppe, die mächtig ihre Stimme erhebt - der "Kassandra Chorus" gastiert noch bis Freitag bei den Wiener Festwochen.

Geleitet wird der vorwiegend aus Frauen bestehende Chor, in dem sich Menschen unterschiedlicher Herkunft und auch drei Kinder befinden, von Marta Górnicka. Die 1975 geborene polnische Regisseurin wird im Programmheft als "Wiederentdeckerin des Chor-Prinzips im zeitgenössischen Theater" vorgestellt. Für das Publikum in Wien und Berlin, wo sie 2019 am Maxim Gorki Theater das Political Voice Institute gründete und vor wenigen Wochen auch diese 70-minütige Produktion herausbrachte, wandelt sie freilich auf den Spuren von Einar Schleef.

Für den 2001 gestorbenen, deutschen Regisseur war der rhythmische, druckvolle Sprechgesang eines der wichtigsten Stilmittel. Auch Elfriede Jelineks "Sportstück" machte er so zu einem unvergesslichen Erlebnis. Górnickas Ansatz ist es, "Menschen verschiedener Generationen, Sprachen, Erfahrungen, mit und ohne Behinderung, zu einem Chor von Kassandras zusammenzubringen". Es geht also darum zu warnen, Entwicklungen anzusprechen, die wir gerne ignorieren, einen Blick in die Zukunft zu werfen, vor der wir unsere Augen am liebsten verschließen.

Auch Lieder und Solos

Nun kann man nicht oft und laut genug vor dem drohenden Untergang, den wir uns selbst bereiten, warnen. Funktioniert das aber als Theaterabend? Nur bedingt, muss man feststellen. Es wird die Ballade "Der Bauer schickt den Jockel aus" gesungen und das "Lied von den glücklichen Geschoßen". Górnicka baut witzige Momente ein und setzt immer wieder auf Einzelstimmen. Solopassagen geben Gelegenheit, unterschiedlichste Geschichten zu erzählen. Diese scheinen teilweise selbst erlebt und teilweise in den Mund gelegt. Die Texte des Abends sind eines seiner Probleme. Sie wirken beliebig und beschäftigen sich vor allem mit Deutschland.

So erfährt man, dass angeblich mehr Deutsche an Aliens und Zombies glauben als an den Klimawandel und hört aus Kindermund: "Und denkt nicht die ganze Zeit an den Scheiß, den Alice Weidel erzählt." Es geht auch um Aussagen des deutschen Bundeskanzlers und um das "G-Wort", womit man Genozid meint und die israelische Politik kritisiert.

"Apokalypsen haben Hochkonjunktur"

"Wir sind in einer Dauerkrise", heißt es, und "Apokalypsen haben Hochkonjunktur." Ja, eh. Aus der Erkenntnis, dass den Warnern meist nicht geglaubt wird und dies zu Frustrationen führt ("Kassandra-Syndrom"), wird aber kein Mehrwert gewonnen, mit dem auf der Bühne etwas angefangen wird.

"Jeden Tag werden ganze soziale Gruppen gesellschaftlich ignoriert und zum Schweigen gebracht. Ihre verletzlichen Stimmen sind für mich wie der Gesang der Kanarienvögel im Bergwerk", sagt Marta Górnicka, die den "Kassandra Chorus" aus dem Publikum selbst dirigiert, "um gemeinsam ein Lied der Ermächtigung zu singen. Solange die Kanarienvögel weiter singen, sind wir am Leben." Selbstbestätigung statt Weltveränderung? Am Ende wird einem versichert, man wolle die Herzen wärmen, und wirft für einen Zukunftsblick die Windmaschine an. Und das Publikum darf sich abschließend fragen, wie dieses Schlussbild zu interpretieren ist: Wer Wind sät, wird Sturm ernten? Oder doch eher: Bloß viel Wind gemacht.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - "Kassandra Chorus or Songs of the Canaries" von Marta Górnicka. Musik: Marta Górnicka, Wojciech Frycz, Bühne: Mirek Kaczmarek, Kostüm: Pola Kardum, Choreografie: Evelin Facchini. Eine Produktion des Maxim Gorki Theaters Berlin bei den Wiener Festwochen. Weitere Aufführungen im Akademietheater am 4. und 5. Juni um 19.30 Uhr, Publikumsgespräch am 4. Juni im Anschluss an die Vorstellung. www.festwochen.at )

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