Nestervals "Donaugold": Publikum als Dienerschaft

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Nestervals "Donaugold": Publikum als Dienerschaft

Bild: APA/APA/Nesterval/Alexandra Thompson/Alexandra Thompson


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Füße massieren, Haare hochstecken und Geschichten vorlesen - als "Helotenanwärter" findet sich das Publikum von "Donaugold" auf der untersten Stufe der gesellschaftlichen Hierarchie wieder. Das Wiener Theaterensemble Nesterval brachte am Sonntag im brut nordwest die immersive Zukunftsvision "Donaugold" als Teil des Projekts "Nestervals Nibelungen" zur Premiere. Das Stück spielt im Jahr 2044, nach dem "Zweiten Wiener Wasserkrieg", nun ist Wasser kostbarer als Gold.

Die Inszenierung verbindet den Nibelungenstoff mit einer dystopischen Erzählung über Ressourcenknappheit und beginnt schon beim Einlass: Geld wird gegen kleine Kugeln, die Währung von Donaugold, eingetauscht. Nur mit dieser Währung können Besucherinnen und Besucher Getränke an der Bar kaufen. Es werden strenge Regeln verkündet und Gesundheitschecks durchgeführt. Wer sich nicht wohlfühlt, muss eine FFP2-Maske tragen. Überhaupt alle Gäste müssen zu Beginn Schutzbrillen aufsetzen, die die Gesichter vollständig verdecken. Das Publikum betritt eine große Halle, in der kühles Licht und die sichtbare soziale Hierarchie eine beklemmende Atmosphäre erzeugen.

Publikum wird Teil einer dystopischen Gesellschaft

Im Zentrum steht die von Kriemhild regierte Ordnung, die durch eine fehlerhafte Prophezeiung ins Wanken gerät: Erstmals erscheint der jährliche Traum Erdas in nur zwei statt drei Strophen. Um weiterhin Wasser von der Göttin zu bekommen, muss die Gesellschaft Donaugolds jedes Jahr ein Opfer bringen, dieses wird durch Erdas Träume bestimmt. Nach der Verkündung des diesjährigen Opfers werden die Besucherinnen und Besucher durch verschiedene dunkle Räume geführt, immer tiefer hinein in die Welt von Donaugold.

Das Stück wird fast zu einem Spiel: Besucherinnen und Besucher sind "Helotenanwärter", Menschen, die das "2019-Syndrom" haben und raus aus der verdammten Welt ohne Wasser wollen, kämpfen für einen Platz in Donaugold. Um in diese ressourcenreiche Gesellschaft zu gelangen und "Helot" zu werden, muss der "Elite" gedient werden. Das Publikum ist wie so oft bei Nesterval keine beobachtende Instanz, sondern ein wahrer Teil eines sozialen Gefüges, das von Kontrolle, Unterwerfung und Machtkämpfen geprägt ist. In unmittelbarer Nähe zu den Darstellerinnen und Darstellern entfaltet sich die Handlung in Gesprächen und Konfrontationen.

Nestervals Wagner-Welt

Wie schon in früheren Produktionen greift das Theaterensemble auf Motive aus Richard Wagners Nibelungen-Kosmos zurück und übersetzt sie in eine zeitgenössische Dystopie. Figuren wie Kriemhild oder Siegmund erscheinen hier nicht als klassische Opernhelden, sondern als Teil einer postapokalyptischen Machtstruktur. "Donaugold" ist Teil von "Nestervals Nibelungen" und läuft parallel zu "Wallden", das im Rahmen der Wiener Festwochen in der freien Natur gezeigt wird und zeitgleich im Augarten Premiere feierte.

In "Donaugold" wird "Wallden" als Parallelwelt thematisiert, es steht die Frage im Raum, ob diese Gesellschaft noch existieren kann. Beide Produktionen sind eigenständig, spielen jedoch im selben Universum und spiegeln einander thematisch. Die Inszenierungen sind die Fortsetzung von Nestervals "Götterdämmerung", die zuletzt 2025 im NEST, der Neuen Staatsoper, zu sehen war. "Donaugold" ist die letzte Produktion im brut nordwest, bevor man sich unter der neuen Direktion von Tomasz Kireńczuk in der kommenden Saison erneut auf Wanderschaft begibt, bevor die neue Spielstätte in St. Marx im Herbst 2027 bezogen werden kann.

(Von Lili Androsch/APA)

(S E R V I C E - "Donaugold", Künstlerische Leitung, Konzept, Regie: Martin Finnland, Co-Regie: Tove Grün, Choreografie, Co-Regie: Jerôme Knols. Eine Koproduktion von Nesterval und brut Wien, Weitere Vorstellungen: 18., 20.-24., 25., 27-31.5., 1., 3.-6.6., jeweils 18:45 Uhr, https://brut-wien.at/de/Programm/Kalender/2026/05/Nesterval; https://www.nesterval.at/ )

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