Ermittlungen gegen heimischen "Snipertourist" in Bosnien
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von AgenturenSarajevo wurde im Bürgerkrieg drei Jahre lang belagert
Bild: APA/APA/AFP/CHRISTOPHE SIMON
Seit April ermittelt eine österreichische Staatsanwaltschaft gegen einen Staatsbürger, der während des von 1992 bis 1995 andauernden Bosnienkrieges in Sarajevo als Scharfschütze auf Zivilisten geschossen haben soll. Die Informationen dazu stammen aus dem Justizministerium, wie "Standard" und "Kronen Zeitung" am Dienstag berichten. Das Ermittlungsverfahren laufe demnach gegen den Österreicher sowie einen weiteren bisher unbekannten Täter.
Die Informationen gehen auf eine parlamentarische Anfrage von Alma Zadić zurück, der ehemaligen Justizministerin und jetzigen Justizsprecherin der Grünen. Es handelt sich bereits um ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren, es gibt also valide Verdachtsmomente gegen die Personen. Diese sollen an sogenannten "Sniper-Touren" während des Bosnienkrieges in Sarajevo teilgenommen haben.
In besagten Touren sollen ausländische Männer dafür bezahlt haben, um auf Menschen in Sarajevo zu schießen. Behauptungen für die Existenz der "Sniper-Touren" stammen von dem italienischen Autor Ezio Gavazzeni. Der Autor veröffentlichte am 17. März sein Buch mit dem Titel "Cecchini del Weekend" ("Wochend-Scharfschützen") im römischen Verlag Paperfirst. Beweise liegen bisher keine vor.
Zadic: "Kein Platz für Straflosigkeit"
Das österreichische Justizministerium verweist darauf, dass die Ermittlungen hierzulande nicht auf den Recherchen von Gavazzeni beruhen, es sei auch nicht bekannt, ob andere österreichische Behörden oder Vertretungen über Informationen von Gavazzeni verfügten. Der Hinweis stamme wohl aus einer anderen Quelle innerhalb Österreichs, so der "Standard".
"Bei den Vorwürfen handelt sich um schwerste Kriegsverbrechen, denen nachgegangen werden muss. Diese müssen lückenlos untersucht und verfolgt werden. Es darf keinen Platz für Straflosigkeit geben", sagt Zadić in einer Presseaussendung des Grünen Parlamentsklubs am Dienstag. "Dass Menschen offenbar dafür bezahlt haben sollen, gezielt auf Zivilistinnen und Zivilisten, sogar auf Kinder, zu schießen ist kaum vorstellbar in seiner Grausamkeit. Solche Taten stehen für eine Menschenverachtung, die sprachlos macht", so Zadić. "Die Opfer und ihre Angehörigen haben ein Recht auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Aufklärung", fordert Zadić.
Auch in Italien wird gegen Verdächtige ermittelt
In Italien werden ebenfalls mögliche Verdächtigte vernommen. So ist ein Fall bekannt, in dem ein Italiener öffentlich damit geprahlt haben soll "auf Menschenjagd" gegangen zu sein. Er räumte ein "beruflich" dort gewesen zu sein, jedoch "nicht zur Jagd". Seine vorangegangenen öffentlichen Äußerungen seien übertrieben gewesen. Ein anderer Verdächtigter, der 65-jährige Lucio C. gab Sympathien für die extreme Rechte und Muslimenhass als Motivation dafür an, auf den Balkan gefahren zu sein. Seine Anwältin stempelte diese Aussagen als "Prahlerei" ab, der Mann wäre gerne den Spezialkräften beigetreten, habe aber aufgrund einer Sehbehinderung den Wehrdienst nie beendet, sagte sie. In Mailand sollen noch zwei weitere Personen einvernommen werden.
Hunderte Söldner aus ganz Europa, überwiegend mit ex-jugoslawischem Hintergrund - auch aus Österreich - nahmen am Bosnien-Krieg teil. Die Armee der Republika Srpska (serbische Republik) belagerte und beschoss die bosnische Hauptstadt Sarajevo dreieinhalb Jahre lang. Dabei wurden Scharfschützen auf den Hügeln oberhalb der Stadt positioniert, die gezielt auf Zivilisten schossen.
Autor Gavazzeni begrüßt Aufnahme der Ermittlungen in Österreich
Der Mailänder Autor Gavazzeni begrüßte im Gespräch mit der APA die Aufnahme der Ermittlungen in Österreich. "Die Tatsache, dass jetzt auch die österreichische Justiz ermittelt, bezeugt, dass die in meinem Buch enthaltenen Informationen stimmen. Meine Recherchen haben einen Lawinen-Effekt ausgelöst. Auch in der Schweiz und in Frankreich kommt bezüglich der Sniper-Touristen einiges ins Rollen", erklärte Gavazzeni. Über die Aufnahme der Untersuchung in Österreich hätten seine Anwälte die zuständigen Mailänder Staatsanwälte informiert. "Ich hoffe, dass die Mailänder Staatsanwaltschaft Kontakt zu den Justizbehörden in Österreich aufnimmt", so der 66-jährige Autor.
Dass es Sniper-Touristen in Österreich gegeben habe, überrascht Gavazzeni nicht. "Auch der kroatische Journalist Domagoj Margetic, der im Fall der Sniper-Touristen recherchiert hat, erzählt von einem österreichischen Adeligen, der hohe Summen gezahlt hatte, um auf schwangere bosnische Frauen zu schießen", meinte Gavazzeni. Er lobte Alma Zadić, die mit ihrer parlamentarischen Anfrage in Österreich den Stein ins Rollen gebracht habe.
Neue Impulse für Ermittlungen im Ausland erhofft sich der Schriftsteller von der Übersetzung seines Buches, das demnächst in acht Sprachen erscheinen soll. Die Veröffentlichung des Buches in deutscher Sprache beim Kopp Verlag sei im Sommer geplant. Am 10. Juni wird das Werk in ungarischer Sprache veröffentlicht. Auch in Slowenisch, Bosnisch und Albanisch soll es demnächst übersetzt werden. "Viele ausländische Verlage wollen die Rechte für das Buch erwerben. Dies gibt mir Anlass zur Hoffnung, dass die Ermittlungen sich bald auch auf andere Länder ausdehnen werden", so Gavazzeni.
Der Autor bestritt, dass sein Buch keine handfeste Beweise enthalte und lediglich auf Gerüchten beruhen. "Meine Quellen sind selbst zur Mailänder Staatsanwaltschaft gegangen und haben dort ihre Aussagen bestätigt, die sie zuvor auch mir gegenüber gemacht haben. Sie haben sich dabei persönlich zu ihren Angaben bekannt und Verantwortung für ihre Aussagen übernommen.Aus diesem Grund handelt es sich hier nicht um bloße Gerüchte, sondern um Informationen, die auch gegenüber den zuständigen Jusitzbehörden wiederholt wurden", so Gavazzeni.
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