Klimawandel
Glaziologin sieht Österreich auf Weg zur "Entgletscherung"
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von Quelle: APA, JOYN NewsPULS 24 Live
"Historischer Moment": Pasterze verliert Titel als größter Gletscher
Videoclip • 09:39 Min
Dort, wo die Glaziologin Andrea Fischer am Tiroler Jamtalgletscher vor drei Jahren noch auf rund 20 Meter dickem Eis stand, kämpft sich mittlerweile erfolgreich eine Blume zwischen dem Geröll hervor. Seit dem Sommer 2023 hat die Schmelze erneut mächtig Fahrt aufgenommen. Die Forscherin sieht das Land auch angesichts des Rekordsommers auf dem Weg Richtung "Entgletscherung", wie sie gegenüber der APA erklärte. Die Auswirkungen der Entwicklung werden weithin spürbar.
Den fortschreitenden Gletscherzerfall bis zum Jahr 2023 dokumentiert ein Team österreichischer Gletscherforscherinnen und -forscher um Lea Hartl vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung (IGF) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Innsbruck im Fachmagazin "The Cryosphere" im neuen österreichischen Gletscherinventar.
Die umfassenden Messungen und Analysen zeigen, dass seit Mitte der 2000er-Jahre rund ein Drittel der gesamten Gletscherfläche im Land abhandengekommen ist. Knapp 100 kleinere Eiskörper verschwanden bis 2023 komplett - und seither hat sich der Prozess noch einmal verstärkt, wie Fischer am Jamtalferner - immerhin einem der (einst) 30 größten seiner Art in Österreich - betonte.
Gletscher gehen "rasant zurück"
Der Vergleich ist frappant: Wo man bei einem APA-Besuch Ende August vor drei Jahren im Silvrettagebiet noch auf Gletscherzungeneis gewandert ist, machen sich nun erste Pionierpflanzen breit. Sucht man nicht von viel Schutt bedecktes, wirklich als Eis erkennbares Gefrorenes, muss man weit hinauf Richtung Gipfel, wie der zwischen Tirol, Vorarlberg und der Schweiz liegenden Dreiländerspitze (3.197 Meter), blicken. De facto ist die in den 1980er und 1990er-Jahren noch stattliche Gletscherzunge nach den Temperaturrekorden des Sommers und der ausgesprochenen Niederschlagsflaute seit fast einem Jahr nicht mehr vorhanden, wunderte sich die Glaziologin, die sich nicht gedacht hätte, dass es zu ihrer aktiven Zeit als Gletscherforscherin so weit kommen würde.
Tatsächlich entwickelt sich die Schmelze in einem Tempo, das alle Expertinnen und Experten noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten haben. So weist das Inventar um das Jahr 2005 eine Gletscherfläche von rund 415 Quadratkilometern aus. In den Jahren 2021 bis 2023 waren es hingegen nur noch ungefähr 285 Quadratkilometer - Abwärtstendenz stark steigend. Vor Kurzem habe man sich noch gedacht: "Schlimmer kann es eigentlich nicht mehr kommen. Das heurige Jahr dürfte zumindest hier in der Silvretta aber noch um einiges negativer gewesen sein", sagte IGF-Wissenschafterin Fischer. Die Gletscher gehen aktuell "rasant zurück". Der Jamtalferner und viele andere sind "mittlerweile in der vollkommenen Auflösung begriffen", werden fragmentiert und die isolierten Restflächen zusehend dezimiert.
Dramatische Entwicklung mit Auswirkungen weiter unten
Da jetzt die früher oft dicken Gletscherzungen vielerorts schon quasi weg sind und die einstigen Nährbereiche massiv ausdünnen, bedeutet das auch, dass der Gesamtabfluss "mittlerweile sinkt. Das heißt, sie tragen weniger zum Wasserhaushalt bei". Während man früher dachte, dass die "Gletscherspende" in Österreich in den Sommermonaten für die Flusspegel nicht so wichtig ist, zeigt das heurige Jahr mit seiner extremen Trockenheit und der sehr hohen Verdunstung dank Extremtemperaturen, dass sie sehr wohl ins Gewicht fallen kann, so die Glaziologin: "Alles, was oben passiert, paust sich nach unten in die großen Flussläufe durch."
So etwa auch in Form von sehr viel Gesteinssediment im Wasser, das Turbinen von Wasserkraftwerken schädigt, sich in der Donau und anderen Flüssen sammelt, dort die Schifffahrt behindert und den Effekt der Hochwasserverbauungen verringert. Zudem ändern sich die Wassertemperaturen und die Ökologie in den Flusssystemen.
Angesichts der Dramatik müsse das wissenschaftlich fundierte Beobachten der Restflächen fortgeführt werden bzw. auf neue, solide Beine gestellt werden, betonte Fischer. Die zurückweichenden Gletscher hinterlassen nämlich unglaubliche Mengen an Schutt, die durch Starkregen jetzt viel leichter bewegt und zu Muren werden können. Das nun nicht mehr durch und unter dem Eis fixierte Material kann rasch zum Problem für die Täler werden. Die klimawandelbedingt tauenden Permafrostböden in höheren Lagen sorgen für weitere Destabilisierung. "Die Auswirkungen von Massenbewegungen in diesem Raum können auch die Siedlungsräume erreichen", so Fischer.
Längeres Warten auf neue Stabilität
Denn: In den kommenden Jahren und Jahrzehnten muss sich dort erst "ein neues Gleichgewicht einstellen". Bis in solchen Bereichen rund 80 Prozent der Flächen mit Pflanzen bewachsen sind, ist die Lage instabil. "Es wird einige Jahre dauern, bis diese Flächen hier zur Ruhe kommen."
Um bei der Dokumentation dieses historisch gesehen rasant ablaufenden Prozesses Schritt zu halten, brauche es auch Ressourcen. Hier passieren Dinge, "die vorher noch nie beobachtet wurden", so die Wissenschafterin: Was geschieht mit den zurückweichenden Toteisflächen? Wie schnell kommt die Vegetation nach? Wo entwickeln sich Gefährdungen, auch für Siedlungen?
"Je weiter Klimawandel fortschreitet, desto höher werden Folgekosten sein"
Um die Gletscher als "Klimazeiger" richtig lesen zu können, müsse die Wissenschaft auch ihre Methoden in hohem Tempo weiterentwickeln: "Änderungen, wie wir sie früher über 20, 30 Jahre gesehen haben, haben wir mittlerweile in einem oder zwei Jahren." Dementsprechend öfter müsse man messen und dokumentieren. Dafür gebe es aber keinen gesetzlichen Rahmen, wie etwa für den Wetterdienst. Da es jedoch zunehmend gefährlich werde, brauche es hier ein besseres wissenschaftliches Beobachten, das mit den zuständigen Behörden und der Wasserwirtschaft verbunden ist. Ein Basismonitoring der Gletscherflächen wäre mit Kosten von rund 50.000 Euro pro Jahr schon zu bewerkstelligen, so Fischer.
Denkt man daran, was das Entfernen von Muren von Straßen kostet und wie hoch die Folgekosten von Infrastruktur-Schäden und -Sperren sind, "ist das wirklich sehr gut investiertes Geld". Die Erkenntnisse könnten auch bei den schwierigen Fragen helfen, wo ein Reparieren von Bauten regional noch Sinn macht und wo diese eher verlagert werden sollten. Schon heuer im Sommer war so manche alpine Infrastruktur von zwei oder drei Muren betroffen. Um all das einzuordnen, "brauchte es wirklich Forschung", betonte Fischer: "Je weiter der Klimawandel fortschreitet, desto höher werden auch die Folgekosten sein."
Österreichs größter Gletscher liegt bald in Tirol
Klarerweise ist auch Österreichs traditionell größter Eiskörper - die Pasterze unterhalb des Großglockners - mitten in dieser Entwicklung. So wird erwartet, dass sich hier bald die letzte, dünne Verbindung zur Gletscherzunge verabschiedet. Dann wird der oberhalb des Tiroler Kaunertals liegende Gepatschferner zum größten Vertreter seiner schwindenden Art im Land. "Der Gepatschferner verfügt noch über einen sehr hoch gelegenen geschlossenen Eiskörper mit Tiefen deutlich über 100 Meter. Das heißt, er wird einer der Gletscher sein, die in Österreich noch übrig bleiben und von denen sogar noch Ende des Jahrhunderts einzelne Eisflecken vorhanden sein können", so Fischer. Dort, wo einst der Jamtalferner thronte, wird außer der dann bewachsenen Geröllmoräne hingegen schon lange nichts mehr auf einen Gletscher hindeuten.
Sieht man sich die Gletschergebiete an, kann man gut sehen, was der Klimawandel alles verändert. Aber auch weiter unten ist viel in Veränderung, wie man an den Dürren oder Waldbränden sieht. Insgesamt habe man es mit Prozessen zu tun, die alle in Österreich betreffen. So führen die langen Hochdrucklagen, die die Gletscher schmelzen lassen, in den Tälern und im Alpenvorland zu Trockenheit mit Ernteausfällen. Wälder, die im Gebirge vor Muren und Lawinen schützen, werden durch Dürren geschwächt. Die Zunahme von Starkniederschlägen führt in Kombination mit dem Schutt der nun eisfreien Flächen vermehrt zu Muren in den Bergen, aber auch zu Hochwässern in allen Regionen, da der Verlust von "Speichern" wie Schnee, Firn und aufnahmefähigen Böden das viele Wasser besonders rasch abfließen lässt. "Wo wir die Änderungen der Temperaturen momentan am stärksten sehen, sind die Gletscher. Spüren tun wir sie unten aber genauso", resümiert die Forscherin, die auf einen Lerneffekt hofft.
Man wisse jetzt, "dass die Vorgänge sehr viel schneller ablaufen, als wir uns jemals vorstellen konnten, und Dinge auf uns zukommen, die wir uns nicht vorstellen können. Es würde mich emotional vor allem treffen, wenn wir es nicht schaffen, diese Erkenntnisse jetzt umzusetzen. Wenn wir im Nichtstun verharren und quasi die Steine auf uns zurollen lassen, wäre das nicht notwendig und sinnvoll", betonte Fischer.
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