Krisenintervention: Rund 2.000 Menschen helfen im Akutfall
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von AgenturenKriseninterventionsteams unterstützen Menschen in Ausnahmesituationen
Bild: APA/APA/Scheriau/ERWIN SCHERIAU
In Österreich arbeiten etwa 2.000 Menschen im Kriseninterventionsteam (KIT) des Roten Kreuzes. Die Teams bestehen ausschließlich aus Ehrenamtlichen und betreuen Menschen in Akutsituationen. Der häufigste Anforderungsgrund ist ein natürlicher, plötzlicher Todesfall in der Familie, der die Betroffenen in einem Ausnahmezustand zurücklässt. Auch nach dramatischen Unfällen oder bei Großeinsätzen kommt die Krisenintervention zum Einsatz, wie etwa beim Amoklauf in Graz im Juni 2025.
Oft begleiten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Polizei bei der Überbringung einer Todesnachricht. Angefordert werden sie auch bei Gewaltvorfällen oder Suizid - also bei Ereignissen, die den Betroffenen den Boden unter den Füßen wegziehen. Aktiv wird die Krisenintervention zudem bei außergewöhnlichen Todesfällen, bei tödlichen Unfällen, bei Fällen von plötzlichem Kindstod oder bei der Betreuung von Angehörigen vermisster Personen.
Handlungsfähigkeit im Vordergrund
Ziel der Krisenintervention ist es, die Menschen wieder handlungsfähig zu machen und gemeinsam die weiteren Schritte zu planen. Das KIT unterstützt bei der Bewältigung der Eindrücke und erklärt Vorgänge - etwa, wenn jemand im eigenen Heim reanimiert und dann abtransportiert wird und ein Angehöriger im angerichteten Chaos alleine zurückbleibt. Das Kriseninterventionsteam versucht, unter anderem mit sachlichen Informationen Sicherheit herzustellen und das familiäre Netzwerk zu aktivieren. Die Unterstützung in der Akutsituation soll den Menschen nicht nur im Moment helfen, sondern auch Folgeerkrankungen reduzieren.
"Wir geben keine Ratschläge, wir trösten nicht. Wir treffen keine Entscheidungen", betonte Monika Stickler, die die organisatorische Leitung des Kriseninterventionsteams beim Roten Kreuz innehat. "Wir versuchen, die Entscheidungen bei den Leuten zu lassen." Denn die Betroffenen sollen möglichst viel selbst machen. In der Akutphase gehe es noch nicht um Trauer oder Verarbeitung. "Wir nehmen die Menschen an der Hand und gehen die ersten Schritte mit ihnen", beschreibt die stellvertretende Bundesrettungskommandantin ihre Tätigkeit im Gespräch mit der APA. Und fügte hinzu: "Man muss Menschen mögen, wenn man das macht."
Im Akutfall steht die psychosoziale Unterstützung im Vordergrund. Das KIT hilft jedoch bei der Weitervermittlung an Nachsorgeeinrichtungen, falls danach noch eine individuelle psychologische oder psychotherapeutische Unterstützung notwendig sein sollte. Es wird versucht, die Selbsteffizienz der Klientinnen und Klienten auch im Krisenfall aufrechtzuerhalten.
Einsatzzahlen steigen
Mit dem steigenden Bewusstsein, dass psychische Gesundheit wichtig ist, hat sich auch die Akzeptanz, dass Hilfe angenommen werden darf, erhöht. Und damit steigt die Zahl der Einsätze des KIT. Im Jahr 2025 waren es nach Angaben vom Roten Kreuz etwa 6.500 Einsätze mit 25.000 betreuten Personen. Die Kriseninterventionsteams sind lokal an die jeweiligen Dienststellen vom Roten Kreuz angebunden. Alarmiert wird über eine Einsatzorganisation, in der Regel über den Rettungsdienst vor Ort oder über die Polizei. Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeiter gehen dann als Zweier-Teams in den Einsatz.
In sieben Bundesländern wird das Kriseninterventionsteam vom Roten Kreuz organisiert. In Vorarlberg gibt es das KIT Vorarlberg - einen Zusammenschluss mehrerer Organisationen, die Krisenintervention anbieten. Und in Wien wird dieser Bereich durch die Akutbetreuung Wien (ABW) abgedeckt. Die ABW besteht laut Informationen der Stadt Wien aus mehr als 60 speziell ausgebildeten psychosozialen Fachkräften. Diese rücken demnach zu rund 600 Einsätzen im Jahr aus.
Längere Entstehungsgeschichte
Doch die moderne Krisenintervention wurde nicht von einem Tag auf den anderen erfunden, sondern sie ist entstanden - und zwar vor allem durch Erfahrungen aus der Praxis. Ein markanter Meilenstein für die Entwicklung der Kriseninterventionsteams in Österreich war das Grubenunglück von Lassing im Jahr 1998. Bei der Bergwerkskatastrophe starben zehn Bergleute, nur ein Kumpel konnte lebend geborgen werden. Die Rettungsaktion zog sich über Tage - der Zustand machte klar, dass die Betroffenen im Ort und die Angehörigen eine besondere Art der Betreuung brauchten. Diese war damals aber noch recht unstrukturiert vorhanden.
Auch das Lawinenunglück von Galtür im Jahr 1999 mit mehr als 30 Toten führte vor Augen, dass die Menschen in einer solchen Extremsituation ganz spezielle Hilfe benötigen. Nach diesen beiden tragischen Ereignissen versuchte man in Österreich, eine fixe Struktur in der Krisenintervention aufzubauen, gemeinsam mit dem Roten Kreuz.
Beim Amoklauf in Graz im Juni 2025 funktionierte das schon sehr professionell. Es wurden KIT-Beschäftigte aus dem ganzen Land zusammengezogen. 170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter standen tagelang im Einsatz. Von der Zusammenführung verzweifelter Familien, über die Überbringung von Todesnachrichten, der Identifizierung von Leichen mit Familienangehörigen, der Begleitung zu Begräbnissen bis hin zur Unterstützung bei Gedenkveranstaltungen war alles dabei. Die Erkenntnisse aus diesem Einsatz fließen wieder in die Weiterentwicklung des KIT ein.
Wie wird man KIT-Mitglied?
Wenn man für das Kriseninterventionsteam arbeiten möchte, muss man sich zuerst einem Auswahlverfahren unterziehen. Dabei wird darauf geachtet, dass die Anwärter selbst keine unverarbeiteten Erlebnisse mittragen, dass sie stabile Persönlichkeiten sind, sich selbst nicht zu wichtig nehmen und gut zuhören können. Wird man als geeignet erachtet, darf man eine umfassende Theorieausbildung und eine Prüfung absolvieren. Danach warten noch mindestens fünf Einsätze im Rettungsdienst und fünf Einsätze mit erfahrenen Beschäftigten des Kriseninterventionsteams. Nach einem Abschlussgespräch darf man dann seine ersten Einsätze auf eigenen Beinen durchführen. Ein Mindestalter von 25 Jahren wird vorausgesetzt.
Die KIT-Mitwirkenden haben eine achtstündige Fortbildungsverpflichtung pro Jahr, im Rahmen von Teambesprechungen gibt es immer wieder Intervision und bei Bedarf Supervision. Die Menschen im KIT sind zu zwei Dritteln Frauen, zu einem Drittel Männer. Oft treten sie in gemischten Teams am Einsatzort auf, um unterschiedliche Zugänge zu ermöglichen, so das Rote Kreuz. Und die wichtigsten Eigenschaften im Kriseninterventionsteam: da sein und zuhören können.
Den Mitarbeitern werde beigebracht, die eigenen Grenzen zu kennen. "Wie bei einem Sanitäter. Der entscheidet auch: Brauche ich einen Notarzt oder nicht?", veranschaulichte Stickler. Für den persönlichen Austausch und die Psychohygiene steht ein Peer-System zur Verfügung, es gibt viele Nachbesprechungen im Team. "Wir schauen schon darauf, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder gut aus einem Einsatz rauskommen," stellte Stickler klar. Wichtig sei es, eine professionelle Distanz zu wahren: "Mitgefühl ist gut, Mitleid nicht." Und natürlich beschäftigen einen die Einsätze auch abseits des Arbeitsalltags. "Man wird nachdenklicher, aber man wird auch sehr dankbar", so die erfahrene Einsatzkraft.
Freien Fall abbremsen
In der Ausbildung wird den Freiwilligen gelehrt, den freien Fall, in dem sich die Menschen in der Akutsituation befinden, abzubremsen. Manche Leute, die sich dem Auswahlverfahren und dem restlichen Prozedere unterziehen, haben selbst einmal Krisenintervention als Betroffene erlebt und dabei die Erfahrung gemacht, dass das wirksam ist und helfen kann. Deswegen wollen sie sich revanchieren und für andere Personen da sein. Manche haben wieder andere Beweggründe. "Ich mag das Akute. Nicht vorbereiten, nicht lange überlegen, einfach da sein", schilderte eine angehende KIT-Mitarbeiterin im Gespräch mit der APA ihre Motivation. "Wir verlassen die Betroffenen zwar an einem Punkt, an dem es noch nicht gut ist", ist sich die 45-Jährige bewusst. "Aber es ist nachher besser als vorher."
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