Kunstbiennale in Portugal als Aufschrei gegen Krieg
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von Agenturen"Freiheitsmarsch"-Performance in Coimbra
Bild: APA/APA/Manuel Meyer/Manuel Meyer
Mit indirekten Anspielungen auf den Iran-Krieg und die israelische Besetzung des Gazastreifens eröffnete der portugiesische Künstler Vasco Araújo am Samstagnachmittag mit einer "Freiheitsmarsch"-Performance die internationale Kunstbiennale Anozero im portugiesischen Coimbra. Dabei sangen die Teilnehmer den "Gefangenen"-Chor "Va, pensiero" aus Giuseppe Verdis Oper "Nabucco".
Mehr als 100 in weiß gekleidete Personen marschierten unter der Leitung Araújos vom Zentrum der ältesten Universitätsstadt Portugals bis zum hoch über dem Mondego-Fluss gelegenen ehemaligen Nonnenkloster Santa Clara, dem Hauptaustragungsort der noch bis zum 5. Juli laufenden Biennale. Sie steht unter dem Motto "Halten, Geben, Empfangen".
"Meine Performance ist ein Aufruf zum Frieden und einem Ende der Gewalt, die wir heute nicht nur im Nahen Osten erleben. Es geht um die Freiheit der Menschen und eine Rückkehr zum gemeinsamen friedlichen Zusammenleben, zum Dialog", erklärte der Künstler am Rande der Protest-Performance der APA.
Araújo wählte gerade mit Blick auf Gaza bewusst "Nabucco" als "Lied über verlorene Heimat". Dabei hatte der portugiesische Künstler weniger die biblische Geschichte vom Freiheitskampf der Hebräer aus der Gefangenschaft des babylonischen Herrschers Nabucco im Sinn. Er inspirierte sich vielmehr im Befreiungskampf Norditaliens gegen die österreichische Vorherrschaft im 19. Jahrhundert. Viele Italiener sangen damals "Va, pensiero" gegen die Fremdherrschaft und politische Unterdrückung durch die Habsburgermonarchie.
Krieg, Verlust und Unterdrückung
Araújo ist längst nicht der einzige Künstler auf der Biennale, der sich in seinem Werk mit den Geschehnissen in Gaza und im Nahen Osten beschäftigte. Krieg, Verlust und Unterdrückung sind in vielen Arbeiten der fast 60 internationalen Künstler auf dem Kunstfestival präsent. Im Franziskanerkloster von Coimbra, einem von sieben weiteren Biennale-Standorten der Stadt, verwandelt die Portugiesin Maria Trabulo Nachbildungen zerstörter Kunstobjekte aus dem syrischen Museum von Raqqa zum Symbol für den Verlust kulturellen Erbes durch den Bürgerkrieg.
Im Círculo Sereia - einem umgestalteten Stadtarchiv - fällt sofort das "Just in Case"-Werk des palästinensischen Künstlers Taysir Batniji auf. Es handelt sich um eine Foto-Serie von 240 Schlüsseln geflüchteter Menschen aus dem Gaza-Streifen. Sie sind handschriftlich mit den Geschichten der Menschen versehen, die auf der Flucht vor dem israelischen Militär nur wenig mitnehmen konnten. Doch fast alle hatten ihre Hausschlüssel in der Hoffnung auf Rückkehr im Gepäck. Es geht um Verlust von Heimat, Vertreibung. Dabei erhalten Schlüssel als alltägliche Objekte eine politische Bedeutung.
"Politische" Fotoarbeiten
Im Nebenraum hängen "politische" Fotoarbeiten des bekannten deutschen Fotokünstlers Thomas Demand. Er baute in Installationen reale Orte oder Szenen aus Nachrichtenbildern nach, die er dann abfotografierte - Wassermelonen, das Symbol des palästinensischen Freiheitskampfes, oder ein Meer aus Regenschirmen von einer Protestdemo in Tel Aviv gegen die Politik Benjamin Netanyahus. Der südafrikanische Künstler Adam Broomberg stellt in den Fokus seiner Fotoarbeiten hingegen Olivenbäume palästinensischer Bauern, die der israelischen Siedlungspolitik zum Opfer fallen.
Noch explizierter nimmt das internationale Künstlerkollektiv Forensic Architecture aus London den Gazakrieg auf. In ihrer Video-Installation zeichnet das Kollektiv mit einer räumlichen Karten-Rekonstruktion der von Israel vorgegebenen Evakuierungsrouten im Gaza-Streifen den Leidensweg von Nadia und Ahmad nach, einem palästinensischen Ehepaar. Nadia konnte ihren Mann vor dem sicheren Tod retten. Doch seitdem trägt Ahmad einen Davidstern auf dem Rücken, den ihm israelischen Soldaten mit einem Messer in die Haut ritzten.
Die im ehemaligen Santa Clara Kloster von der Decke hängenden Anti-Kriegs-Skulpturen des Portugiesen Rui Chafe, die Sound-Installation der bekannten indischen Künstlerin Shilpa Gupta: Viele Werke beschäftigen sich auf der Biennale mit Krieg, politischer Unterdrückung, Meinungsfreiheit, Gewalt, Trauer, Erinnerung, Widerstand - und mit Tod.
Trauergesänge in Schleife
Direkt hinter dem Eingang des Santa Clara Klosters wird es stockdunkel. Nur ein schmaler Lichtspalt am Ende des fast 200 Meter langen Flurs gibt ein wenig Orientierung. Langsam schreiten die Besucher dem Licht am Ende des Tunnels entgegen. Aus den seitlichen Zellen dröhnen beunruhigende, aufwühlende Gesänge. Es sind Trauergesänge, die in einer Schleife abgespielt werden. Die US-amerikanische Künstlerin Taryn Simon integrierte in ihrer Sound-Installation "Start again the lament" akustische Trauerrituale aus verschiedensten Kulturen, Ländern und Religionen.
"Natürlich drehen sich viele Werke auf der Biennale ums Thema Krieg und Verlust. Doch Kunst kann die Realität kaum ändern, wohl aber den Blick der Gesellschaft erneut für das Leiden und die Missstände sensibilisieren", betonte der niederländische Biennale-Kurator Hans Ibelings im Gespräch mit der APA. Dabei will man in Coimbra aber vor allem auch einen positiven Ansatz suchen. So stellten Ibelings und der kanadische Co-Kurator John Zeppetelli die Biennale, in der neben Kunst auch Design, Architektur und Landschaftsgestaltung Platz finden, unter das Motto "Halten, Geben, Empfangen".
"Es geht um gegenseitige Fürsorge, Hilfe, um friedliches Zusammenleben zwischen uns und unserer Umwelt als Gegenpol zu dem, was wir heute in unseren Gesellschaften erleben", so Ibelings. Das Motto ist in den Ideen des russischen Denkers Peter Kropotkin inspiriert, der im frühen 19. Jahrhundert die schon damals radikale Vorstellung vertrat, dass Wettbewerb nicht der zentrale Motor von Fortschritt und Entwicklung sein kann. Solidarität, Vertrauen und freiwillige Zusammenarbeit seien keine moralischen Ideale, sondern reale Kräfte, die Gemeinschaften stabiler und widerstandsfähiger machen, so Kropotkin. Gegenseitiger Austausch, Verantwortung füreinander statt auf Konkurrenz oder Ausgrenzung.
Bedeutung von "Gastfreundschaft"
In Nan Goldins Videoarbeit "Stendhal-Syndrom" stellt die weltberühmte Fotokünstlerin in Porträts von Freunden und Familienangehörigen die Meisterwerke aus verschiedensten Museen nach. In der Arbeit, die im städtischen Museum Sala da Cidade zu sehen ist, geht es um Schönheit und menschliche Erfahrung.
Im Santa Clara Kloster beschäftigen sich gleich zehn portugiesische Architekturbüros im Projekt "Xenia" mit der Bedeutung von "Gastfreundschaft". In einem der Klostertürme zeigt der Schweizer Künstler Julian Charrière in seiner beeindruckenden Videoarbeit "Controlled Burn" Ölplattformen und stillgelegte Tagebauminen, die im Licht implodierender Feuerwerkskörper erleuchten. Mögliche Zukunftsszenarien einer Welt, in der die Menschheit aufhört, den Erdball auszubeuten. Um unsere Symbiose zu unserer Umwelt geht es auch in den Werken von Alberto Carneiro, Fina Miralles und Pedro Vaz im Círculo de Artes Plásticas.
Doch womit die vielen Konflikte unserer heutigen Welt wirklich beendet werden könnten, wird vielleicht in den Sound-Installationen von Vasco Araújo am besten deutlich. Araújo, dessen Protest-Performance mittlerweile das Santa Clara Kloster erreicht hat, nennt sie "Máquinas de escuta" - "Maschinen des Zuhörens". Sie stehen in verschiedenen Klosterzellen und sind ein starkes Symbol: Kunst für eine bessere Welt.
Wie wollen wir miteinander leben?
In Zeiten globaler Krisen - von Klimawandel bis soziale Ungleichheit - rückt die Frage nach Kooperation und gemeinschaftlichem Handeln wieder ins Zentrum. Die Kunst wird so zum Experimentierfeld für eine einfache, aber weitreichende Frage: Wie wollen wir miteinander leben? Kropotkins Antwort wäre klar gewesen: nicht gegeneinander, sondern miteinander.
(Von Manuel Meyer/APA)
(S E R V I V E - https://all.anozero-bienaldecoimbra.pt/en )
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