"Music Music": Harrell tanzt bei Festwochen seine Geschichte

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Festwochen: Trajal Harrell überwindet Sprachlosigkeit durch Tanz

Bild: APA/APA/Wiener Festwochen/Bea Borgers


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Gefangen an einem Ort zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem durchtanzt Trajal Harrell in "Music Music" seine eigene Geschichte. Die Solo-Performance reiht sich als siebentes Werk in die Reihe "Histoire(s) du Théâtre" und verkörpert in nur einer Stunde eine beeindruckende Bandbreite an Emotionen. Für seine Verwundbarkeit erntete der Choreograf am Samstagabend bei der Weltpremiere im Wiener Volkstheater großen Beifall. Ein gelungener Programmpunkt der Wiener Festwochen.

Die Serie "Histoire(s) du Théâtre" fordert verschiedene Künstler dazu auf, ihre persönliche Geschichte des Kunstschaffens zu reflektieren. Bei Trajal Harrell beginnt diese mit einem nahezu leeren Raum: ein Lautsprecher, ein Klavierhocker, dahinter eine Stoffleinwand, die eine Felsenklippe zeigt. Der Saal ist noch hell erleuchtet, als Harrell in einem üppigen Kostüm aus vielen Schichten an Kleidung die Bühne betritt und eine Sprachaufnahme auf seinem Handy abspielt: "I lost my voice", erklärt eine fremde Stimme und fordert dazu auf, das Musikvideo zu "Cold Heart" von Dua Lipa und Elton John anzusehen. Im Publikumsraum ertönt aus Smartphone-Lautsprechern dutzende Male dasselbe Lied, asynchron, eine kanonartige Struktur. Man meint, Walter Benjamin zitiere im Jenseits aus seinem Werk "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit".

Der New Yorker Choreograf legt indes Schicht für Schicht Kleidungsstücke sowie Perücke und Brille ab und erklärt schließlich mittels Sprachaufnahme: Das Gefühl dieses Musikvideos wollte er mit der folgenden Performance wecken.

Wo Worte fehlen, spricht der Tanz

Zu Klavier und Gesang hopst und dreht sich der Tänzer über die Bühne, führt seine Hände graziös um seinen Körper. Der nächste Song folgt, Harrell schließt die Augen, greift nach den Sternen: ein Bild der Leidenschaft. Die Bewegungen werden flüssiger, schwungvoller, weichen schließlich einem sanften Hüftkreisen. Lautes Atmen zieht den Fokus auf die Mimik: Anstrengung und Schmerz sind dem hierzulande vor allem durch ImPulsTanz bekannten Choreografen ins Gesicht geschrieben.

Der Tanz gibt ihm eine Stimme, vermittelt Emotionen, die er nicht in Worte zu fassen vermag. Rund zehn Werke, die zwei Jahrzehnte seines künstlerischen Schaffens geprägt haben, tragen archivierte Erinnerungen zusammen, verschmelzen zu einer gemeinsamen Geschichte. Dabei stammen viele Stücke aus Gruppenchoreografien und lassen sich nicht in ihrer ursprünglichen Form wiederbeleben. "Music Music" kreiert stattdessen eine Zwischenwelt: Sie ist weder das Alte noch das Neue. Ein Feststecken in Erfahrungen, die sich nicht reproduzieren lassen und gleichzeitig dem Neuen seine Entfaltung verwehren.

Körper und Geist in Erinnerungen hüllen

Stille, dann ein Rhythmuswechsel: dynamische Schrittfolgen münden in jenen schwungvollen Armbewegungen, auf die so mancher Zuseher wohl schon gewartet hat: Der Voguing-Stil - entstanden in der queeren Subkultur New Yorks - ist Harrells Markenzeichen und enttäuscht auch in seinem Beitrag zu "Histoire(s) du Théâtre" nicht. Die Mimik des Tänzers hat sich schlagartig verändert: Selbstbewusstsein, Genuss, Stolz. "Yes! Yes!", wiederholt er: Stimmlos ist er längst nicht mehr.

Als hätte er im tänzerischen Ausdruck neue Kraft getankt, widmet er sich nun dem zuvor unbeachteten Berg an Kleidung, hält einzelne Stücke vor seinen Körper und schwelgt tanzend in den damit verbundenen Erinnerungen. Sie rühren ihn schließlich zu Tränen. In gekrümmter Haltung dem Zuschauerraum zugewandt, wimmert und schluchzt er, ehe er einen finalen Zuruf an das Publikum richtet und das Licht erlischt.

Wenngleich die Performance ab der zweiten Hälfte phasenweise an Spannung verliert, ist das Spektrum an Emotionen überwältigend. Harrells Darbietung wirkt keinesfalls wie eine Inszenierung, sondern wie ein zutiefst persönlicher, emotional und körperlich mitnehmender Verarbeitungsprozess. Mit "Music Music. Histoire(s) du Théâtre VII" ist ein durchdachtes Meisterwerk gelungen: authentisch und ausdrucksstark. Nicht nur hinterfragt das Solo, ob live Performende in Zeiten der zunehmenden Verschiebung von Kunst in den digitalen Raum noch eine Stimme haben. Es ist zudem eine unausgesprochene Aufforderung, sich mit den eigenen Erinnerungen auseinanderzusetzen, sie musikalisch - vielleicht sogar tänzerisch - wiederzubeleben und dabei vor keiner Emotion zurückzuschrecken.

(Von Selina Teichmann/APA)

(S E R V I C E - "Music Music. Histoire(s) du Théâtre VII" im Rahmen der Wiener Festwochen im Volkstheater Wien. Choreografie, Performance, Kostüm, Bühne, Sounddesign, Licht: Trajal Harrell. Ein gemeinsames Projekt von Wiener Festwochen und Zürich Dance Ensemble, in Kooperation mit ImPulsTanz. Weitere Vorstellungen am 24. und 25. Mai um 19.30 Uhr. festwochen.at/music-music)

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