PFAS im Wasser vermutlich verbreiteter als gedacht
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von AgenturenHandfeuerlöscher mit PFAS dürfen noch bis 2030 verwendet werden
Bild: APA/APA/THEMENBILD/BARBARA GINDL
Erneut wurden im Grundwasser per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) gefunden. Dieses Mal war der niederösterreichische Ort Mannswörth betroffen. Verursacht wurde die Kontamination durch Löschschaum der Feuerwehr am Gelände der OMV-Raffinerie in Schwechat. Seit Jahren ist bekannt, dass der Schaum zu weitreichenden Umweltkontaminationen führt, dennoch wurde er weiter genutzt. Die Kontamination durch PFAS dürfte in Österreich gravierender sein als bisher angenommen.
PFAS-Feuerlöschschäume galten als besonders effektiv, weil sie auf festem und flüssigem Brandmaterial einen dünnen Film bildeten, der der Flamme die Sauerstoffzufuhr entzieht. Über die Gefährlichkeit der Chemikalie war man sich anfangs nicht bewusst. Durch den massenhaften Einsatz gelangte PFAS in die Luft, in den Boden sowie in das Grund- und Trinkwasser. Und somit wird die Chemikalie über die Atmung, die Haut und die Nahrung aufgenommen. Helmut Burtscher-Schaden, Umweltchemiker bei Global 2000, hält deshalb das Aufspüren der Kontaminations-Hotspots nun für essenziell.
Experte: Nicht allzu lange mit Schadstoffbeseitigung warten
Seit einigen Jahren werden schon Gewässer, Kläranlagen und Böden immer wieder auf PFAS untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass in manchen Regionen Österreichs bereits gesundheitsbezogene Richtwerte im Grund- und Trinkwasser überschritten wurden. Betroffen waren u.a. in der Südsteiermark Leibnitz und Lebring, die Region entlang der Mur, der Bereich beim Flughafen Salzburg und jetzt eben auch Mannswörth. Doch man geht davon aus, dass die Chemikalie verbreiteter ist, als gedacht, wie auch die Aufarbeitung in anderen EU-Ländern zeigt. Und je länger man mit der Schadstoffbeseitigung wartet, desto teurer, schwieriger oder unmöglicher sei die Sanierung, betonte Burtscher-Schaden.
Das Umweltbundesamt (UBA) warnt ebenfalls ausdrücklich auf seiner Homepage, "weitere Einträge dieser Stoffe in die Umwelt zu vermeiden" und gerade den Löschschäumen "besondere Aufmerksamkeit" zu schenken. Es stellt sich die Frage, wie lange schon die PFAS-Löschschäume in Österreich verwendet werden und wie lange die Chemikalie in die Umwelt gelangen konnte. Experten gehen davon aus, dass es seit Jahrzehnten der Fall ist. PFAS gibt es bereits seit den späten 1930er- und 1940er-Jahren und wird seit den 1940er- und 1950er-Jahren industriell genutzt. Die erste Substanz wurde etwa bei den Teflonpfannen verwendet.
PFAS-Schaum als "Non-Plus-Ultra" bei Brandbekämpfung
Weil PFAS besonders hitze- und chemikalienbeständig ist, wurde es eben auch bei der Brandbekämpfung eingesetzt - vor allem bei Flüssigkeitsbränden. Die Chemikalie sei "das Non-Plus-Ultra" damals gewesen, sagte Richard Berger, Pressesprecher vom Österreichischen Bundesfeuerwehrverband im Gespräch mit der APA. Die Löschmittel seien damals "sogar behördlich vorgeschrieben worden", so Berger. "Irgendwann ist man draufgekommen, da hat es doch etwas." In den 1990er-Jahren wurden erste Umweltskandale bekannt. PFOS ist etwa seit 2010 in der EU verboten und darf weder hergestellt noch als Stoff in Verkehr gebracht oder verwendet werden, Einschränkungen für PFOA erfolgten 2020. Inzwischen könnten PFAS bald im Ganzen betroffen sein. Die EU-Chemiebehörde (ECHA) hat Ende März ein weitreichendes Verbot sogenannter Ewigkeitschemikalien empfohlen - hält aber eine Reihe von Ausnahmen für sinnvoll. "Die derzeit geltenden Regeln reichen nicht aus", teilte die ECHA mit Sitz in Helsinki mit.
Die österreichischen Feuerwehren verwenden seit Oktober 2025 PFAS-Löschschäume bei Übungen und Schulungen rigoros nicht mehr, betonte Berger. Seit sechs Jahren wurde der Einsatz sukzessive reduziert, die Restbestände - etwa aus Tanks und Containern - fachgerecht entsorgt. Jetzt dürfen für die Ausbildung nur noch fluorfreie Löschmittel oder Wasser verwendet werden. Allerdings, betonte Berger, dürfen bis zum Oktober 2026 immer noch PFAS-haltige, tragbare Feuerlöscher verkauft und bis Ende 2030 auch verwendet werden. Und diese können in Österreich noch an den Wänden von privaten Räumlichkeiten, Unternehmen oder öffentlichen Gebäuden hängen. Allerdings sei die Menge der darin enthaltenen PFAS laut dem Feuerwehrsprecher vernachlässigbar, so Berger.
Für die Zukunft werden synthetische fluorfreie Mehrbereichsschaummittel und die Nutzung von Druckzumischanlagen empfohlen, damit hoch konzentrierte und auch zähflüssige Feuerlöschschaummittel künftig genutzt werden können. Am Vertrieb von umweltfreundlichen Alternativen für den effektiven PFAS-Löschschaum wird gerade mit Hochdruck gearbeitet, sagte Berger. Diese Schäume sind dann nicht nur PFAS-frei, sondern auch lösungsmittelfrei und frei von schädlichen chemischen Tensiden.
Beseitigung von PFAS-Kontamination teuer
Wie man gerade in Salzburg sieht, sind die Maßnahmen, um eine PFAS-Kontamination zu beseitigen, mit einem enormen finanziellen Aufwand verbunden. Die Sanierung der Altlasten im Grundwasser am Salzburger Flughafen kostet etwa eine Million Euro pro Jahr, wie der Airport am Jahresanfang in seiner Bilanz-Pressekonferenz bekannt gab. Die teure Sanierung dürfte der Grund sein, dass das Aufspüren der Ewigkeitschemikalie, wie PFAS auch genannt wird, schleppend verläuft. Der Rechnungshof (RH) kritisierte nämlich in seinem Bericht im März das langsame Vorgehen bei Altlastensanierung und Altlastenerfassung abseits von PFAS. Zwischen Veranlassung und Beginn der Untersuchung von Altlasten würden laut RH durchschnittlich 1,6 Jahre vergehen, es gibt aber auch Fälle von fast 15 Jahren Dauer. Das Umweltministerium betonte gegenüber der APA, dass sich die Schlagzahl der Untersuchungen inzwischen erhöht habe.
Zurück nach Mannswörth, wo die Bevölkerung der rund 2.000-Seelen-Gemeinde Mitte Mai von der PFAS-Kontamination erfahren hat: "Bis zur abschließenden fachlichen Bewertung wird empfohlen, Grundwasser in den betroffenen Bereichen jedenfalls nicht als Trinkwasser und auch vorsorglich nicht für die Gartenbewässerung, Poolbefüllung, Tierhaltung, Fischzucht oder ähnliche Anwendungen zu verwenden", wurde auf der Webseite der von der OMV eingerichteten Ombudsstelle informiert. Den Bewohnerinnen und Bewohnern wurden Handzettel mit den Details in die Post gesteckt, was von einigen übersehen wurde, weil das Schreiben zwischen Werbematerial steckte, wie ein Betroffener der APA berichtete.
Darin steht, dass im März privates Brunnenwasser untersucht und erhöhte PFAS-Werte festgestellt wurden. In dem Schreiben, das der APA vorliegt, wird kein Verantwortlicher für die Kontamination und deren Folgen genannt. Vielmehr wird betont, dass PFAS ja in "zahlreichen Alltagsprodukten" vorkommen würde, dass die Beprobungen "kostenlos" im Raum Mannswörth durchgeführt und dass die PFAS-haltigen Löschschäume "gemäß ihrer Zulassung" am OMV-Gelände eingesetzt wurden. Doch was heißt das jetzt für die Betroffenen, die das belastete Wasser seit Jahrzehnten verwenden? Denn niemand weiß, wie lange schon das Brunnenwasser aus der Gemeinde bei Schwechat kontaminiert ist. Auch die weitere Vorgehensweise ist für die Betroffenen völlig unklar. Die OMV war für eine Stellungnahme zunächst nicht erreichbar.
Schwechater Bürgermeisterin verweist auf OMV als "Verursacher und Beheber"
Die zuständige Schwechater Bürgermeisterin Karin Baier (SPÖ) verwies dabei auf die OMV, die in der Causa quasi in der Verantwortung und "Verursacher und Beheber" sei. Für sie sei die Informationspolitik in Ordnung gewesen, wie sie im APA-Gespräch betonte. Eine Warnung über AT-Alert - wie es etwa bei einem Großbrand eines Hotels im Tiroler Tourismusort Seefeld im April der Fall war - gab es in Mannswörth nicht. Jeder, der sich grundsätzlich nicht ausreichend beraten fühle, könne und solle sich jederzeit an die Gemeinde oder die OMV wenden, meinte Baier. Auch eine persönliche Betreuung durch Techniker der OMV sei möglich, etwa beim Umschließen der Wasserversorgung von Hausbrunnen auf das öffentliche Trinkwassernetz. Dieses komme "aus einer viel tieferen Quelle", werde regelmäßig gemonitort und sei in Ordnung, unterstrich die Bürgermeisterin. In einem ORF-Interview meinte sie gar: "In einem Wohnhaus in unmittelbarer Nähe von einem riesengroßen Industriegebiet und einem Flughafen würde ich das Grundwasser freiwillig eher nicht trinken - mit oder ohne PFAS -, weil man nie ganz genau weiß, was sich im Grundwasser bewegt." Umweltchemiker Burtscher-Schaden gibt aber zu bedenken, dass eine bestehende Kontamination sich weiter ausbreiten könnte, Hausbrunnen, Nutzwasserbrunnen oder landwirtschaftliche Bewässerung betreffen und später auch Trinkwasserressourcen gefährden könnte.
Für die Hausbrunnenbesitzer bedeutet die Umstellung der Bewässerung aber eine deutliche Mehrbelastung, wenn das Wasser ausschließlich von der Trinkwasserleitung bezogen wird. Genau aus diesem Grund hat sich ein Betroffener von Mannswörth vor 18 Jahren den Brunnen bohren lassen, um mit dem Grundwasser seinen Garten zu bewässern, die Pflanzen, das Gemüse und die Obstbäume zu gießen und den Pool zu befüllen. "Damals wurde mir Trinkwasserqualität garantiert", sagte der zweifache Familienvater. Die gesamte Familie ernährt sich seit Jahren von den Erträgen des Gartens, schwimmt regelmäßig im Pool. "Meine Kinder sind von an Beginn mit diesem Wasser konfrontiert", sagte er zur APA. Darauf muss der 49-Jährige nun verzichten und er weiß nicht, wie lange schon PFAS in seinem Brunnenwasser war und ob nun sein gesamtes Grundstück mit der Chemikalie kontaminiert ist. Zwar hat die OMV den Brunneneigentümern finanzielle Unterstützung "für die Zeit der Überbrückung" angeboten, aber wie das im Detail aussieht, wurde dem 49-Jährigen nicht gesagt.
PFAS-Kontamination in ganz Europa umfassend
"PFAS-Altlasten aus AFFF-Löschschäumen bestehen zu einem großen Teil aus Stoffen, die im Boden und im Grundwasser keinem Abbau unterliegen. Als sogenannte Ewigkeitschemikalien bleiben sie in der Umwelt auf unabsehbare Zeit - es sei denn, man holt sie wieder heraus und entsorgt sie in speziellen Giftmüll-Verbrennungsanlagen. Doch das ist ein enorm kostenintensives Verfahren. Tatsache ist, dass die PFAS-Kontamination in ganz Europa inzwischen derart umfassend ist, dass es de facto nicht möglich ist, diese Stoffe flächendeckend wieder zurückzuholen", lautet die Einschätzung von Umweltchemiker Burtscher-Schaden.
Umso wichtiger sei es zu wissen, wo hochbelastete Grundwässer und Böden sind. "Nur so kann sichergestellt werden, dass PFAS-kontaminiertes Wasser nicht von Menschen - ohne dass sie es wissen - als Trinkwasser verwendet wird und PFAS-kontaminierte Böden nicht von Landwirten - ebenfalls ohne ihr Wissen - für Viehhaltung oder Pflanzenproduktion genutzt werden", so Burtscher-Schaden. Wichtigstes Ziel müsse sein, Menschen vor vermeidbarer Exposition zu schützen.
Hohe Gesundheitsrisiken durch Chemikalie
Für den Menschen birgt die Chemikalie viele Gesundheitsrisiken. Mehrere Studien der vergangenen zwei Jahrzehnte stellten Verbindungen zwischen PFAS und verschiedenen Arten von Krebs, Schilddrüsenerkrankungen, negativen Auswirkungen auf das Immunsystem und einen erhöhten Cholesterinspiegel fest. Auch wurden diese Chemikalien in Nabelschnurblut, Plazenta und Muttermilch nachgewiesen. Eine Studie deutet darauf hin, dass damit eine höhere Wahrscheinlichkeit für ein geringeres Geburtsgewicht und eine geringere Größe des Neugeborenen einhergehe. Aufgenommen werden bestimmte PFAS durch die Atemluft, aber auch über die Haut und Trinkwasser beziehungsweise Lebensmittel. Dadurch sind diese im Blut fast aller Menschen weltweit nachweisbar.
Aufgrund der Langlebigkeit, Gesundheitsrisiken und Umweltschäden werden diese Stoffe nun sukzessive verboten. Aber nicht sofort - ein umfassendes Verbot in der EU ist erst in Planung. Nicht verwendet werden darf PFAS bereits in Spielzeug. Erst im August ist die Chemikalie in Lebensmittelkontaktverpackungen verboten, im Oktober folgen dann Beschränkungen für Textilien und Kosmetika sowie für die Feuerlöschschäume. "Österreich befürwortet eine EU-weite Regelung, im Rahmen derer gleiche Bedingungen für den Umgang mit PFAS für alle Wirtschaftsakteure in der EU geschaffen werden", hieß es aus dem Umweltministerium. "Es ist aber auch darauf hinzuweisen, dass schon jetzt Beschränkungen und Verbote von bestimmten PFAS im Rahmen der bestehenden Gesetzgebung bestehen - auch in Konsumgütern."
Besonders interessant: Seit Jänner 2026 gilt EU-weit ein neuer strenger Summengrenzwert für 20 relevante PFAS-Verbindungen im Trinkwasser. Böden sind allerdings davon nicht betroffen. "Eine weitere Erhebung zu PFAS und Mikroplastik in Böden und zur Erarbeitung von Richtwerten für Schadstoffe in Böden befindet sich in Durchführung", hieß es dazu aus dem Umweltministerium.
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