Pflegetag: "Enorme Herausforderungen", Schritte gefordert
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von AgenturenPflegebereich: Alterung bringt viele Herausforderungen
Bild: APA/APA/THEMENBILD/HANS KLAUS TECHT
Vor dem Internationalen Tag der Pflege am Dienstag wurden am Montag Rufe nach einer besseren Absicherung des Pflegesystems laut. Die Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes (ÖGKV), Elisabeth Potzmann, sieht in einem neu veröffentlichten Buch (Titel: "Löcher stopfen") u.a. angesichts der gesellschaftlichen Alterung "enorme Herausforderungen". Schritte forderten auch der ÖGB und die Arbeiterkammern.
Als eine der größten Herausforderungen benennt Potzmann den demografischen Wandel mit der zunehmend alternden Gesellschaft. Dies betreffe nicht nur die Altenpflege und -betreuung, sondern auch die Versorgung im Krankenhaus.
Optimierungsmöglichkeiten sieht sie etwa bei der nach wie vor zersplitterten Ausbildungslandschaft mit einer "unübersichtlichen Vielfalt an Ausbildungsmodellen" und bei den unklaren Qualitätsstandards. Thematisiert wird in ihrem Buch auch die fehlende Kompetenz des Bundes, die Rekrutierung von Pflegekräften aus dem Ausland, die Patientenlenkung und bauliche Mängel von Pflegeeinrichtungen, etwa beim Schutz vor Hitzeperioden.
ÖGB: Pflege darf "keine Frage des Geldbörserls" sein
Seitens des Gewerkschaftsbundes hieß es am Montag, Pflege dürfe "keine Frage des Geldbörserls sein". "Wer Hilfe braucht, muss sie auch bekommen - unabhängig vom Einkommen", so die Vorsitzende der ÖGB-Pensionistinnen und -Pensionisten, Monika Kemperle, in einer Aussendung.
Die Politik müsse eine langfristige und verlässliche Finanzierung des Pflegesystems schaffen. Es brauche gute Arbeitsbedingungen mit besserer Bezahlung und ausreichend Zeit zur Erholung. Auch ein Ausbau und eine ausreichende Finanzierung von Palliativeinrichtungen sowie höhere Ausbildungsstandards für 24-Stunden-Betreuerinnen und Betreuer stehen auf der Wunschliste des ÖGB.
Der Samariterbund hob in einer Aussendung die angespannte Personalsituation im Pflegebereich hervor. "Wenn es nicht gelingt, Menschen für Pflegeberufe zu gewinnen und langfristig im Beruf zu halten, gerät das gesamte System weiter unter Druck", sagte Geschäftsführer Andreas Balog. Flexible Arbeitszeitmodelle, individuell abgestimmte Dienstzeiten und die Berücksichtigung von wunschfreien Tagen könnten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern.
Studie: Mängel in Niederösterreich
Handlungsbedarf zeigt auch eine aktuelle Studie des KDZ - Zentrum für Verwaltungsforschung, im Auftrag der Arbeiterkammer Niederösterreich: Diese mache "strukturelle Finanzierungsprobleme" in Niederösterreich sichtbar, wie AK Niederösterreich-Präsident und ÖGB Niederösterreich-Vorsitzender Markus Wieser betonte. Während die Ausgaben für das hauptsächlich vom Bund finanzierte Pflegegeld moderat steigen, würden die Kosten für Pflegedienstleistungen (die von Land und Gemeinden getragen werden) deutlich stärker zunehmen.
Im Bundesländervergleich würde sich für Niederösterreich eine unterdurchschnittliche stationäre Versorgung und kein bedarfsgerechter Ausbau von mobilen und teilstationären Angeboten zeigen. Daraus resultiere ein höherer Pflege-Aufwand durch Angehörige. Die Studie empfiehlt daher "dringend", die mobilen Pflegedienste, die Alltagsbegleitung sowie die Plätze in der (teil)stationären Pflege und Betreuung auszubauen. Nötig dazu seien sowohl mehr Personal als auch mehr finanzielle Mittel.
Von einem "massiven Pflegenotstand" sprach die Vorarlberger ÖGB-Frauenvorsitzende und ÖGB FCG-Landesvorsitzende Iris Seewald. Das System funktioniere nur noch, weil Beschäftigte und Angehörige "dauerhaft an ihre Belastungsgrenzen gehen". Auf die Notwendigkeit besserer Arbeitsbedingungen verwies auch Kärntens AK-Präsident Günther Goach.
Migration und Klimawandel
In Potzmanns Buch wird auch auf Themen eingegangen, die auf den ersten Blick nichts mit der Pflege zu tun haben - wie etwa der Klimawandel. In sechs Interviews lässt die Präsidentin Expertinnen und Experten zu Wort kommen, darunter die Klimaökonomin Sigrid Stagl. Unzureichende bauliche Infrastruktur wie fehlende Klimaanlagen in Pflegeheimen führe dazu, dass Bewohner und Bewohnerinnen im Sommer einer hohen Hitzebelastung ausgesetzt sind, so Potzmann und Stagl. Notwendig wären daher Maßnahmen wie etwa Klimaanlagen in Pflegeheimen.
Auch die Pflegewissenschaftlerin Daniela Schoberer von der Meduni Graz fordert in Potzmanns Buch eine Harmonisierung der Ausbildungen. Migrationsforscherin Judith Kohlenberger verweist auf die Notwendigkeit der Zuwanderung, um den Pflegekräftemangel abzufedern, betont aber gleichzeitig, dass Auslandsrekrutierung allein das Problem nicht lösen werde. Daher müssten die Arbeitsbedingungen verbessert werden.
Unklare Regelungen und fehlende Bundeskompetenz
Gesundheitsexperte Ernest Pichlbauer thematisiert in seinem Beitrag ebenfalls fehlende Kompetenzen der Gebietskörperschaften: Während die Pflegeheime aufgrund der Historie der "Siechenhäuser" in die Zuständigkeit der Gemeinden fallen, sei die ambulante Pflege "nicht klar geregelt und deshalb auch wenig vorhanden". Hier geschehe "nichts anderes als Löcher stopfen" - über mobile Pflege und 24-Stunden-Betreuung.
Ähnlich sieht er die Finanzierungsfragen: Pflege sei bekanntlich Aufgabe der Bundesländer, da sie Teil des Sozialsystems ist, das föderal organisiert ist. Daher fehle die Bundeskompetenz, um "Long-Term-Care" bundesweit gesetzlich zu erfassen.
In der Politik will man das Thema ernst nehmen. ÖVP-Klubobmann Ernst Gödl betonte in einer Aussendung die Notwendigkeit, "die Pflege nachhaltig zu stärken und Betroffene wie Angehörige bestmöglich zu unterstützen". FPÖ-Pflegesprecher Christian Ragger kritisierte die föderalen Strukturen. "Das führt zu unterschiedlichen Leistungen, unterschiedlichen Förderungen und am Ende zu einem System, das für Betroffene oft nicht mehr nachvollziehbar ist."
(S E R V I C E - Elisabeth Potzmann: LÖCHER STOPFEN. Pflegepolitik in Österreich zwischen Versagen und Hoffnung. AMPULS VERLAG, 157 Seiten, ISBN: 978-3-9505385-7-1)






