Sprachgewalt im Machtgerippe: "Sankt Falstaff" in der Burg

Veröffentlicht:

von Agenturen

Maria Happel als Quasi-König

Bild: APA/APA/BURGTHEATER/TOMMY HETZEL


- Anzeige -
- Anzeige -

"Die Faktenlage fuckt mich ziemlich an": Mit diesem Satz, den Ewald Palmetshofer in seiner "Heinrich IV"-Überschreibung "Sankt Falstaff" dem Protagonisten in den Mund legt, bringt er die aktuelle Stimmung treffend auf den Punkt. Und doch ist es nur einer von vielen schnoddrig-poetischen Sätzen, die dieses Stück, das Karin Henkel am Samstag im Burgtheater zur österreichischen Erstaufführung gebracht hat, zu einem scharfsinnigen, sehenswerten Gegenwartskommentar machen.

Mit der Ermordung Richard II. hat Heinrich IV. Fakten geschaffen und sich in Shakespeares Königsdrama ins Zentrum der Macht katapultiert. Bei Palmetshofer muss er als autoritärer Quasi-König einer illiberalen Demokratie nun nach einer letalen Diagnose aber feststellen, dass er das Land nicht über seinen Tod hinaus regieren kann. Eine Tragik, an der auch aktuelle Machthaber von den USA bis Russland leiden, wenn es um die gesetzlich beschränkte Anzahl von Amtsperioden geht. Was also tun? Einen möglichst gleichwertigen Nachfolger suchen, bevor das Volk auf die Idee kommt, das mühsam etablierte Regime in der Sekunde des Machtvakuums zu stürzen.

Macht als Kostüm, das jeder tragen kann

Thilo Reuther hat das "Haus der Macht" im Burgtheater in das Innere eines riesigen Thorax' verwandelt, von dem das Fleisch längst abgefallen ist. Und so sitzt Maria Happel als Quasi-König Henry unter dem Brustkorb-Gerippe wie unter einem Kirchengewölbe und schart ihre Vertrauten zwecks Schlachtplan zur Machtübergabe um sich. Auf dem Kopf trägt sie eine mickrige Papierkrone. "Die Macht ist bloß ein Kostüm. Jede:r kann es tragen", schreibt Palmetshofer in den Anmerkungen zu seiner Auftragsarbeit, die im Jänner 2025 im Münchner Residenztheater uraufgeführt wurde.

Während man in München auch optisch auf die Trennung der beiden Welten - neben dem Haus der Macht spielt die Parallelhandlung in einer Container-Bar - gesetzt hat, dient der tiefe Bühnenraum des Burgtheaters, an dessen Ende ein Totenschädel von der Wirbelsäule baumelt, auch als jene Bar, in der Falstaff sich die Nächte um die Ohren trinkt und auf bessere Zeiten wartet. Oder, wie Palmetshofer es in zweihebigem Versmaß ausdrückt: "durch alle Krisen durch / von Fakt zu Fakt ergraut / den Wechsel des Regimes noch nicht verdaut / glotzt mich am Horizont ein Abgrund an / und wart anscheinend immer noch auf bessre Zeiten, / was sich zugegeben ganz genau so scheiße anfühlt, / wie es klingt."

Rüpelhaftigkeit mit Versmaß

Birgit Minichmayr gibt den betrunken herumstolpernden Mann aus dem Volk mit konsequenter Rüpelhaftigkeit, die in starkem Kontrast zu seiner geschliffenen Sprache steht. Eine bewusste Entscheidung Palmetshofers, wie er im Voraus im APA-Interview erläuterte: Er wolle zeigen, dass die Sprache der Ohnmächtigen der Sprache der Macht in nichts nachsteht. "Durch die strenge sprachliche Form, durch diese künstlerisch geformte Sprache in meinem Stück, können die Figuren mehr sagen oder wahrhaftiger sprechen, als sie es im Alltag tun würden." Und so ist dem Publikum in dieser fast dreistündigen Inszenierung einiges an Konzentration abverlangt, um dem Fortgang der Handlung zu folgen.

Schließlich arbeitet Henkel, die zu Beginn von Stefan Bachmanns Burgtheaterdirektion eine bemerkenswerte Dekonstruktion von Shakespeares "Hamlet" gezeigt hat, wie vom Autor intendiert mit Doppelrollen. So wechselt Maria Happel flugs vom Quasi-König zur eloquenten Wirtin Frau Flott, Minichmayr entledigt sich ihrer Bierbauch-Prothese, um in die Rolle der Lady Percy (hier: Kate) zu schlüpfen. Bibiana Beglau gibt Kates Ehemann "Hitzkopf" Henry Percy, der im Kampf um die Nachfolge des Quasi-Königs gegen dessen Sohn Harri (brutal: Tristan Witzel) antritt. Diesen gabelt Falstaff zu Beginn in der Bar auf, wo er ihn nach einer Alkoholvergiftung wiederbelebt und zarte Gefühle für ihn entwickelt, die jedoch bald enttäuscht werden.

- Anzeige -
- Anzeige -

Ende mit Hoffnungsfunken

In der Schlacht um die Macht im Staat mischen auch noch Oliver Nägele als Percys Vater, Tim Werths als "Das Mundwerk" und Beglau als "Das Hirn" mit. Mit Teilmasken, Kostüm- und Statuswechseln meistert das sechsköpfige Ensemble die zahlreichen Rollenwechsel mit Bravour, mit der nötigen Aufmerksamkeit lässt sich der brutale Machtkampf nachverfolgen, den Palmetshofer mit einem bei Shakespeare nicht vorgesehenen Mord beschließt, der Falstaff zum titelgebenden Heiligen macht.

Mit einem Funken Hoffnung auf bessere Zeiten endet dieser fordernde, komplexe Abend, der Shakespeares Königsdrama glaubwürdig ins Heute transferiert und daran erinnert, welche Macht Sprache doch hat. Also sollten wir vielleicht wieder genauer hinhören. Herzlicher Applaus für Ensemble, Regie und Autor.

(Von Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - "Sankt Falstaff" von Ewald Palmetshofer im Burgtheater, österreichische Erstaufführung. Regie: Karin Henkel, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Teresa Vergho, Musik: Matthias Grübel. Mit Birgit Minichmayr, Maria Happel, Bibiana Beglau, Tristan Witzel, Tim Werths und Oliver Nägele. Weitere Termine: 19., 22. und 24. Mai sowie am 8., 20. und 27. Juni. www.burgtheater.at )

- Anzeige -
- Anzeige -

Mehr entdecken