"Stiffelio" im MaW: Ein Pfaffentheater
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von AgenturenZum Ohren-Zuhalten ist diese Oper eigentlich nicht
Bild: APA/APA/MaW/Werner Kmetitsch/Werner Kmetitsch
Bei Italianitá denkt man für gewöhnlich nicht unbedingt an Amish - schon alleine wegen des fehlenden Schnurrbarts. Doch Vasily Barkhatovs Entscheidung, Giuseppe Verdis weitgehend vergessene Oper "Stiffelio" am Mittwoch im Musiktheater an der Wien in die protestantische Glaubensgemeinschaft zu verlegen, geht auf. Die religiösen Dimensionen des kammerspielartigen Ehedramas behalten so ihre existenzielle Schärfe.
Somit legt der Russe die nächste stimmige Regiearbeit nach seiner gefeierten "Norma" im Haus vor. Dabei ist der 1850 uraufgeführte "Stiffelio" kein einfaches Werk. Unmittelbar vor der Trilogia popolare geschrieben, handelt es sich bei der Oper um ein echtes Ehedrama, das Psychogramm einer Krise, in der den einzelnen Personen Raum zum Leid, aber wenig Platz für Geschehen gelassen wird. Barkhatov gelingt hier eine vorsichtige Dynamisierung, ohne dem Stück künstlichen Drive aufzuoktroyieren.
Gottesmann im Racherausch
Der Amish-Pfarrer Stiffelio muss nach seiner Rückkehr von einer längeren Reise entdecken, dass seine Ehefrau Lina ihn mit dem Gemeindemitglied Raffaele betrogen hat. Der Gottesmann muss sich zwischen Rache- und Gewaltimpulsen und seinem Glauben entscheiden.
Im Musiktheater an der Wien strukturiert Barkhatov dieses etwas sperrige Drama im Stile einer Streamingserie, erzählt während der legendär langen Ouvertüre mittels Einspieler die Vorgeschichte Stiffelios, der sich auf der Flucht vor einem betrogenen Ehemann in der Amish-Gemeinschaft versteckt. Und dank konsequent eingesetzter Drehbühne gelingt der schnelle Wechsel der häuslichen Schauplätze, in denen sich das Geschehen vollzieht.
Rhorer sprengt den Rahmen
Bleibt die Inszenierung behutsam dem vorgegebenen Setting treu, sprengt etwas überraschend die musikalische Interpretation durch Dirigent Jérémie Rhorer den Rahmen des Kammerspiels. Der 52-jährige Franzose treibt das RSO an diesem Abend in einen Furor, der beim parallel ablaufenden Eurovision Song Contest nur mittels massiver Verstärkung erreicht wird.
Die Sängerriege steht dem allerdings in nichts nach. Luciano Ganci beeindruckt mit einer gewissen Schärfe der Intonation und mächtigem Volumen für seinen Stiffelio, während die gewissensgeplagte Lina von Joyce El-Khoury ebenfalls so schneidend wie tragend daherkommt.
Und während der mit Gewalt am Glaubenssystem festhaltende Schwiegervater Stankar in Person von Franco Vassallo einen berührend weichen Bariton bekommt, wundert man sich nicht, dass Lina beim Raffaele von Luigi Morassi schwach geworden ist. Gerade in den Duetten zeigt das Ensemble, dass im "Stiffelio" durchaus echter Verdi steckt. Auch ohne Schnauzer.
(Von Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E - "Stiffelio" von Giuseppe Verdi im Musiktheater an der Wien, Linke Wienzeile 6, 1060 Wien. Musikalische Leitung des RSO: Jérémie Rhorer, Inszenierung: Vasily Barkhatov, Bühne: Christian Schmidt, Kostüm: Stefanie Seitz, Licht: Alexander Sivaev. Mit Stiffelio - Luciano Ganci, Lina - Joyce El-Khoury, Dorotea - Štěpánka Pučálková, Stankar - Franco Vassallo, Jorg - Alessio Cacciamani, Raffaele - Luigi Morassi und Federico - James Kryshak. Weitere Aufführungen am 15., 17., 19. und 21. Mai. www.theater-wien.at/de/spielplan/saison2025-26/1514/Stiffelio )
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