Wiener Festwochen: "Repertório N.1" begegnet Gewalt mit Tanz
Veröffentlicht:
von AgenturenTanztrilogie gegen Gewalt mit "Repertório N.1" vollendet
Bild: APA/APA/Wiener Festwochen/Genevieve Reeves
Nicht alle Tage sieht man im Anschluss an eine Performance eine Zuseherin halb-barfuß über die Bühne humpeln, um ihren entwendeten Schuh zurückzuholen. Mit "Repertório N.1" liefert das brasilianische Duo Davi Pontes und Wallace Ferreira einen unterhaltsamen sowie zum Nachdenken anregenden Abschluss für seine Trilogie, die struktureller Gewalt einen Tanz der Selbstverteidigung entgegensetzt. Das Premierenpublikum im MAK bejubelte den gelungenen Festwochen-Programmpunkt.
Für das vierzigminütige "Repertório N.1" wird die Halle des MAK zur Bühne umfunktioniert. In der Mitte sind zwei kniehohe Podeste platziert, rundherum zwei Sesselreihen, die sich nach und nach füllen. Einige Zuseher setzen sich hemmungslos auf das Podest - bei Pontes und Ferreira durchaus gewollt. Hier verschmelzen Bühnen- und Publikumsraum. Eine vierte Wand gibt es nicht.
In der Ruhe liegt die Kraft
Pontes betritt fast unbemerkt die hell erleuchtete Halle - bis auf grell-pinke Sneakers und Socken nackt. Sein Blick tastet suchend die Zuschauerreihen ab. Ebenfalls unbekleidet gesellt sich Ferreira zu ihm. Einander zugewandt verharren sie in einem Moment der Stille, wortlose Kommunikation. Wie abgesprochen bewegen sie sich auf einen Zuseher zu, bleiben vor ihm stehen, halten Blickkontakt. Für den Premierengast scheinbar nicht allzu unangenehm - er kaut gelassen Kaugummi. Die Performenden wenden ihm den Rücken zu, nehmen eine athletische Pose ein und halten inne. Ein Posenwechsel: den Arm vom Körper gestreckt, offene Handfläche nach oben, das Bein in Tendu-Haltung. Es folgen die nächsten Positionen: Manche strahlen Verwundbarkeit aus, andere Frieden, Kraft, Schutz.
"Wie inszeniert man Selbstverteidigung?", lautet die verbindende Frage, die sich das Duo bei der Erarbeitung seiner Trilogie gestellt hat. Als Reaktion auf zunehmende Gewalt gegen Schwarze und queere Menschen unter dem Regime des brasilianischen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro ergänzt jede Performance das Gesamtwerk um eine weitere Facette. Part zwei und drei erfreuten sich in den vergangenen Jahren bei ImPulsTanz bereits großer Beliebtheit, "Repertório N.2" gewann zudem den Young Choreographers' Award 2022. Der bis zuletzt unvollendete erste Teil, uraufgeführt 2025 beim Londoner Dance Umbrella Festival, knüpft an den Erfolg der anderen Werke an und bringt ein gänzlich neues Element ins Spiel, das jede Vorstellung zu einem unvorhersehbaren Unikat macht.
Ein Geben und Nehmen
Die Pausen zwischen den Posenwechseln verkürzen sich schlagartig. Peacezeichen, Mittelfinger, Herzsymbole werden an das Publikum gerichtet. Einer Zuseherin wird kurzerhand der Rucksack abgeknöpft, um mit ihm als Accessoire zu posen. Danach wird der Gegenstand bei einer anderen Zuseherin deponiert, die stattdessen den eigenen Fahrradhelm abtreten muss - belustigend für das Publikum, für die Besitzerin des Helms womöglich nicht. Eine radikale Umverteilung ist im Gange. Sogleich wird einem Gast sein Schuh abgenommen. Mit diesem verschwindet Pontes über die Stufen ins Obergeschoß des MAK. Freilich kehrt er ohne den Schuh wieder zurück, der nun vom Sockel einer Säule aus einwandfreie Sicht auf die Show genießt.
Dass die beiden auch nicht - wohl erst recht nicht - vor dem Notizbuch der emsig mitschreibenden APA-Rezensentin Halt machen, sollte niemanden überraschen. Dennoch sorgte diese im Sinne der Pressefreiheit eher unerfreuliche Entwendung für die lautesten Lacher des Premierenabends.
Die Choreografierenden bleiben während ihrer Aktionen durchgehend ernst, verziehen keine Miene. Unterbrochen werden die Umverteilungen immer wieder von synchronem Stampfen, rhythmischem Springen: Ein lauter Gegenpol zur Stille des Innehaltens in dieser musikfrei gestalteten Performance. Ein plötzlicher Sprung in Richtung des eigenen Sitzplatzes kann kurzzeitig erschrecken. Es wird zwischen der ersten und zweiten Sesselreihe hindurchgetanzt, teils kaum Abstand zum Publikum gewahrt. "Repertório N.1" ist demnach eher nichts für jene, die Berührungsängste haben oder krampfhaft an ihren Rucksäcken - und Schuhen - hängen.
Ungeplante Pointen
Eine Zuseherin verlässt hastig ihren Platz am Podest, um ihre Tasche hinter einer der Säulen zu verstecken. Zweifelsohne bereitet das Geben und Nehmen nicht allen Freude. Spätestens als sich ein Premierengast vehement weigert, seine Kopfbedeckung zu überreichen, zeigt sich, dass hier auch eine grenzüberschreitende Dimension zum Tragen kommt. "Nein" lautet die Antwort des Zusehers - ein Akt der Selbstverteidigung? Der Druck auf ihn steigt. Ferreira bleibt regungslos vor ihm stehen, hält Blickkontakt. Ein Machtkampf. Von allen Seiten aus werden Sonnenbrillen und Armbänder entgegengestreckt, erst nach Minuten gibt sich das Duo mit einem Ersatz zufrieden.
Abschließend müssen die am Podest sitzenden Gäste ihre Plätze aufgeben, hier wird noch einmal ordentlich gestampft. Ein kraftvoller Höhepunkt, in dem Selbstverteidigung und Widerstand gipfeln. Ein Abend, wie kein anderer - zumal die Gestaltung der einzelnen Vorstellungen maßgeblich vom Publikum abhängt. Am Premierenabend verselbstständigte sich schließlich die zuvor kooperationsunwillige Person, holte den verwaisten Schuh aus dem Obergeschoß und kehrte just in jenem Moment zurück, als das brasilianische Duo abging: Für manche eine Schlusspointe, für andere bekundeterweise ein Paradebeispiel des "White Saviour Complex".
Davi Pontes' und Wallace Ferreiras Trilogie mag mit "Repertório N.1" nun vollendet sein. Unabgeschlossen bleibt die Suche nach Selbstverteidigungspraxen in einer von Bolsonaros Radikalismus geprägten Gesellschaft - und womöglich auch die Suche nach so manchem Fahrradhelm oder Schuh.
(Von Selina Teichmann/APA)
(S E R V I C E - "Repertório N.1" im Rahmen der Wiener Festwochen im MAK - Museum für angewandte Kunst. Konzept, Performance: Davi Pontes, Wallace Ferreira. Koproduktion von Wiener Festwochen, Serpentine Galleries, Dance Umbrella, Something Great, Arsenic - Centre d'art scénique contemporain, VIERNULVIER und Festival DDD / Teatro Municipal do Porto. Hinweis: Das Stück beinhaltet Nacktheit, empfohlen ab 14 Jahren. Weitere Vorstellungen am 30. und 31. Mai um 20.00 Uhr. Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung am 30. Mai. festwochen.at/repertorio-n-1)
Mehr entdecken

Schlagersängerin Woitschack gewinnt "Let's Dance"

Wiener Festwochen: Die Religion steht im Theater vor Gericht

Hergovich vor Wiederwahl zum Chef der SPÖ Niederösterreich

Hegseth attackiert Europa - und warnt vor Chinas Hegemonie

Buckelwal in Dänemark an Land gezogen

Entspannte Verkehrslage unmittelbar vor Brenner-Demo
