Wiens Kulturstadträtin will in Sparzeiten "weiter kämpfen"
Veröffentlicht:
von AgenturenKulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler: Nachdenklich und kämpferisch
Bild: APA/APA/HANS KLAUS TECHT/HANS KLAUS TECHT
Kulturpolitik in unsicheren Zeiten ist keine einfache Sache. Im Interview mit der APA legt Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) daher den Fokus darauf, "Sorge und Angst zu nehmen". Man sei resilient und profitiere davon, dass das Kulturbudget unter ihrer Ägide zuvor ordentlich zugelegt habe. Mit dieser Grundlage lasse sich auch manche Sparnotwendigkeit ertragen. Und überhaupt: Hätten heimische Künstlerinnen in Cannes und Venedig nicht gerade für Furore gesorgt?
Im Detail sieht das freilich etwas anders aus. Als Kaup-Hasler im Dezember ein Minus von 7,8 Prozent im Wiener Kulturbudget für 2026 zu verkünden hatte, gab sie u.a. die Streichung des städtischen Zuschusses für das Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker und eine Reduktion der Subvention für die Musical-Sparte der Vereinigten Bühnen Wien (VBW) um 5 Mio. Euro bekannt. Herausgekommen ist eine im Wiener Gemeinderat beschlossene Extra-Zuwendung von 100.000 Euro statt der bisherigen 250.000 aus dem Kulturbudget sowie die (laut Plänen: vorübergehende) Schließung der zur VBW gehörenden Kammeroper.
Manches "nicht ausreichend gelungen", anderes "mutmachend"
Ihr Einfluss sei begrenzt, verweist die Kulturstadträtin darauf, dass sie in manchen Fragen zwar argumentieren könne, die Entscheidungen aber in der (zur Finanzstadträtin Barbara Novak ressortierenden) Wien Holding getroffen würden. "Ich gebe zu, dass der kulturpolitische Auftrag, den wir in dieser Sache den handelnden Personen in der VBW mitgegeben haben, aus meiner Sicht nicht zu jenem Ergebnis geführt hat, das ich mir erhofft hatte", zählt Kaup-Hasler diese Causa zu jenen Dingen, die "nicht ausreichend gelungen" seien. "Gelungen" sei aber das Ziel, langfristige Initiativen wie das Atelierhaus, die neue Heimstätte für das brut oder das Kinderkulturhaus weiter voranzutreiben oder bei kleinen Initiativen nicht zu sparen. "Fast die gesamte Theaterlandschaft inklusive der Freien Szene hat keine nennenswerten Einschnitte zu verzeichnen. Das ist eine enorme Leistung, über die sich viele in persönlichen Begegnungen freuen, die aber keine Schlagzeilen macht."
Am Otto Wagner Areal (OWA) bleibt der Umzug des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands (DÖW) und der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK) sowie die Schaffung eines Atelierhauses auf dem Plan: "Das ist ja ein ungeheurer Schritt, einen ganzen Stadtteil dem Thema Kunst und Kultur zu widmen, das ist mutmachend, avantgardistisch, ja revolutionär! Das alles wird passieren! Ich hoffe, dass die Stadt das weiterhin mit dieser Verve verfolgen kann." Dass die Umsetzung des deutlich über 100 Mio. Euro veranschlagten Gesamtprojekts sich jedoch verzögern könnte, um das kommende Budget zu entlasten (eine Vorgangsweise, die der Bund bei den Bauprojekten der Bundesmuseen eingeschlagen hat), schließt sie nicht aus, sei aber eine Entscheidung, die nicht in ihrem Ressort getroffen werde.
Verteidigt Schauspielhaus-Neubesetzung
Mit einer im Kulturressort gefällten Entscheidung ist Kaup-Hasler jedoch zuletzt deutlich in Kritik geraten. Das traditionsreiche Schauspielhaus Wien, einst Wirkungsstätte von Hans Gratzer und George Tabori, später Sprungbrett für Barrie Kosky und Andreas Beck, soll künftig ebenfalls vom Team um Sara Ostertag bespielt werden, die ihr TEATA in der Gumpendorfer Straße aufgrund von notwendigen Sanierungsmaßnahmen noch gar nicht eröffnen konnte.
Dass für diese Entscheidung auch finanzielle Gründe eine Rolle gespielt hätten, wurde bei der Pressekonferenz in Abrede gestellt, und auch im Interview weist die Stadträtin den Verdacht auf einen angestrebten Konzentrationsprozess zurück: "Aus diesem Fall ein Muster erstellen zu wollen, ist falsch." Es handle sich um eine aufgrund der vorgefundenen Bewerbungslage getroffene Einzelentscheidung einer unabhängigen Jury, der sie wie stets gefolgt sei.
Lob für Ostertag und Gratzer
"Ich habe eine einstimmige Empfehlung erhalten und bin dieser ebenso gefolgt wie 2022 bei der Bestellung des aktuellen Leitungsteams." Dass die Hälfte der Jurymitglieder ihrem unmittelbaren Einflussbereich entstammt, sorgte für Unmut, den Kaup-Hasler nicht versteht. Ostertags Konzept habe überzeugt, und schon bei ihrer Bewerbung für die Gumpendorferstraße "war klar gewesen, dass sie Ideen für sehr viel mehr hat". Die Theatermacherin, die das renovierte TEATA im Jänner 2027 eröffnen will, sei auch schon "bei einigen großen Institutionen im Gespräch gewesen" und dabei "sehr gut bewertet worden".
In einer anderen Institution der Wiener Theaterszene setzt Kaup-Hasler dagegen auf Kontinuität: Thomas Gratzer, der seit 2003 das Rabenhof Theater leitet und ebenfalls immer wieder für größere Häuser gehandelt wurde, wünscht sie ein langes Weiterwirken. "Er ist nach wie vor ein so vitaler Theatermann und Berserker im schönsten Sinn. Ich freue mich, wenn er gesund bleibt und wünsche uns, dass er weiter diese Strahlkraft im Rabenhof erzeugt. Danach diese Fußstapfen zu füllen, wird nicht einfach sein."
"Spielserien verlängern, weniger produzieren!"
Dass man in der Freien Szene und den Koproduktionshäusern jedoch relativ häufig vor verschlossenen Türen steht, wie der "Kurier" unlängst konstatierte, erfüllt auch die Kulturpolitikerin mit Sorge. Nicht eine Reduktion der Vorstellungen, sondern eine Fokussierung auf die Stärken solle das Ziel sein: "Es gibt großartige Inszenierungen im Feld der Mittelbühnen, denen man längere Spielzeiten wünschen würde. Deshalb mein Vorschlag, Spielserien zu verlängern und dafür im Gegenzug weniger zu produzieren." Man stehe dazu aber "in engem Austausch mit unseren Beiräten".
Was wird 2027 bringen? Für jene Häuser, die wie das Wien Museum, eine "Einbehalteklausel" in ihren Förderverträgen haben, voraussichtlich ein Minus von 5 Prozent (nach einem Minus von 2,5 Prozent heuer). Auf der Einnahmenseite sind für den "Kultureuro", mit dem die Kultur, die zu den internationalen Hauptattraktionen Wiens zählt, am Tourismus-Boom mitpartizipieren soll, nach der Ablehnung des Erstentwurfs in der gemeinsam mit den NEOS gebildeten Stadtregierung Alternativpläne erarbeitet worden. "Ideen liegen auf dem Tisch." Alle ihre Aktivitäten folgten einer Devise, fasst Veronica Kaup-Hasler zusammen: "Ich muss die Kulturlandschaft vor Schritten bewahren, die etwas unwiederbringlich zerstören würden. Ich werde weiter kämpfen."
(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)






