Tag der Freundschaft
Psychologin erklärt: Woran wir (un)gesunde Freundschaften erkennen
Veröffentlicht:
von Seyda GünCafé Puls
Webflash: Die Netz-News vom 30.07.2026
Videoclip • 04:25 Min
Am 30. Juli ist Internationaler Tag der Freundschaft. Wie wichtig Freundschaften für unser psychisches Wohlbefinden sind, woran wir gesunde Freundschaften erkennen und welche Warnsignale darauf hindeuten, dass eine Freundschaft uns nicht mehr guttut – das erklärt die Klinische Psychologin Felicitas-Maria Jakobsen im Interview mit JOYN News.
Das Wichtigste in Kürze
Freundschaften sind ein wichtiger Schutzfaktor für unsere psychische Gesundheit.
Psychologin Felicitas-Maria Jakobsen erklärt, woran wir gesunde Freundschaften erkennen, welche Warnsignale auf belastende Beziehungen hindeuten und warum dabei die Qualität wichtiger ist als die Anzahl unserer Freundschaften.
JOYN News: Wie wichtig sind Freundschaften für unser psychisches Wohlbefinden?
Felicitas-Maria Jakobsen: Menschen haben ein grundlegendes Bedürfnis nach sozialen Beziehungen. Das Gefühl, dazuzugehören, verstanden und angenommen zu werden, zählt zu unseren wichtigsten psychischen Grundbedürfnissen. Freundschaften erfüllen dabei weit mehr als eine soziale Funktion: Sie fördern unser psychisches Wohlbefinden, stärken unser Gefühl sozialer Verbundenheit und helfen uns, Belastungen besser zu bewältigen. Die Forschung zeigt außerdem, dass enge soziale Beziehungen mit einem geringeren Risiko für Depressionen und Angststörungen sowie mit einer besseren körperlichen Gesundheit und einer höheren Lebenserwartung verbunden sind.
Was macht aus psychologischer Sicht eine gesunde Freundschaft aus?
Freundschaften zeichnen sich durch Vertrauen, emotionale Nähe und Gegenseitigkeit aus. Gleichzeitig sind sie freiwillige Beziehungen – anders als familiäre oder berufliche Beziehungen entscheiden wir selbst, mit wem wir Zeit verbringen und eine enge Verbindung eingehen möchten. Gerade diese Freiwilligkeit macht Freundschaften für viele Menschen besonders wertvoll und zu einer wichtigen Ressource für unsere psychische Gesundheit. In einer gesunden Freundschaft müssen wir keine Rolle spielen, sondern können uns mit unseren Stärken, Schwächen und Eigenheiten zeigen. Wir können Gedanken, Gefühle oder Sorgen offen ansprechen, ohne Angst haben zu müssen, dafür verurteilt oder abgelehnt zu werden.
Ebenso wichtig sind ein grundsätzlich ausgewogenes Geben und Nehmen. Dabei geht es nicht darum, Unterstützung gegeneinander aufzurechnen, sondern darum, sich darauf verlassen zu können, dass beide füreinander da sind, wenn es darauf ankommt.
Woran erkennen wir, ob uns eine Freundschaft guttut?
Eine Freundschaft tut uns gut, wenn wir uns nach dem Kontakt überwiegend gestärkt statt erschöpft fühlen. Wir erleben Verständnis, Wertschätzung und ehrliches Interesse. Wir können offen über unsere Sorgen sprechen, aber genauso schöne Erlebnisse teilen und erleben, dass sich unser Gegenüber ehrlich mit uns freut. Studien zeigen, dass genau diese emotionale Verbundenheit, gegenseitige Unterstützung und gemeinsam erlebte Freude unser psychisches Wohlbefinden stärken. Mit der Zeit gewinnen gesunde Freundschaften an Tiefe: Wir sprechen offener über das, was uns bewegt, belastet oder inspiriert. Dieses gegenseitige Vertrauen und die Erfahrung, mit allen Stärken, Schwächen und Eigenheiten angenommen zu werden, stärken die Beziehung und geben Sicherheit.
Ein hilfreicher Selbsttest kann sein: Kann ich in dieser Freundschaft ich selbst sein? Fühle ich mich ernst genommen und respektiert? Kann ich sowohl über meine Sorgen als auch über meine Erfolge sprechen? Und verlasse ich die Begegnung meist mit einem guten Gefühl?
Wenn wir diese Fragen überwiegend mit Ja beantworten können, spricht vieles für eine gesunde Freundschaft.
Welche Anzeichen deuten darauf hin, dass eine Freundschaft nicht mehr gesund ist?
Keine Freundschaft ist konfliktfrei. Unterschiedliche Meinungen oder belastende Lebensphasen gehören zu jeder Beziehung. Problematisch wird es jedoch, wenn wir uns dauerhaft nicht mehr wertgeschätzt fühlen oder sich belastende Muster entwickeln. Warnsignale können sein, wenn wir regelmäßig abgewertet oder kontrolliert werden, unsere Grenzen nicht respektiert werden oder wir das Gefühl haben, uns ständig verstellen zu müssen. Auch wenn Gespräche zunehmend oberflächlich werden, die gegenseitige Verbundenheit verloren geht oder wir uns nach Treffen häufiger ausgelaugt als gestärkt fühlen, kann das ein Hinweis darauf sein, dass uns die Freundschaft nicht mehr guttut. Wichtig ist jedoch, zwischen einer schwierigen Lebensphase und einer dauerhaft belastenden Beziehungsdynamik zu unterscheiden. Freundschaften verändern sich im Laufe des Lebens – manchmal werden sie enger, manchmal lockerer oder man lebt sich auseinander. Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass jemand Schuld trägt. Gleichzeitig ist es gesund, sich von Beziehungen zu lösen, die dauerhaft von Neid, Missgunst oder mangelndem Respekt geprägt sind.
Brauchen wir mehrere enge Freundschaften, um glücklich zu sein oder reicht auch eine beste Freundin oder ein bester Freund?
Die Forschung gibt hier eine beruhigende Antwort: Nicht die Anzahl unserer Freundschaften macht uns glücklich, sondern ihre Qualität. Für viele Menschen reichen wenige enge Bezugspersonen völlig aus. Entscheidend ist, Menschen zu haben, denen wir vertrauen und bei denen wir uns aufgehoben fühlen. Studien zeigen außerdem, dass unser Freundeskreis im Laufe des Lebens häufig kleiner wird – gleichzeitig werden die verbleibenden Beziehungen oft enger und emotional bedeutsamer. Qualität ist also wichtiger als Quantität. Wichtig hier ist allerding, dass Freundschaften entstehen aber nicht von selbst bestehen bleiben – sie brauchen Aufmerksamkeit und Pflege. Oft reichen schon kleine Gesten wie eine Nachricht, ein Anruf oder die Frage, wie ein wichtiges Gespräch verlaufen ist, um Verbundenheit aufrechtzuerhalten. Entscheidend ist nicht, wie viele Menschen wir Freundinnen oder Freunde nennen, sondern ob wir diese Beziehungen aktiv pflegen und uns gegenseitig als verlässliche Bezugspersonen erleben.
Im Zeitalter von Social Media entstehen immer mehr digitale Freundschaften. Können digitale Freundschaften echte Freundschaften ersetzen?
Digitale Medien sind eine großartige Möglichkeit, Freundschaften über Distanz aufrechtzuerhalten oder neue Kontakte zu knüpfen. Sie können Nähe erleichtern – ersetzen persönliche Begegnungen aber meist nicht vollständig. Die Forschung zeigt, dass emotionale Verbundenheit besonders durch gemeinsame Erlebnisse, nonverbale Kommunikation und persönliche Begegnungen entsteht. Deshalb profitieren wir am meisten von einer Kombination aus digitalen und persönlichen Kontakten. Entscheidend ist nicht, wie viele Follower:innen oder Kontakte wir haben, sondern ob wir uns mit diesen Menschen wirklich verbunden fühlen und ob die Beziehung von Vertrauen, Gegenseitigkeit und echtem Interesse geprägt ist.
Studien zeigen zudem, dass persönliche Treffen für Empathie, emotionale Nähe und das Erleben von Verbundenheit eine besondere Bedeutung haben. Digitale Kommunikation ist deshalb kein Ersatz für Freundschaft – sie ist am stärksten, wenn sie echte Beziehungen ergänzt und unterstützt.
Zur Person: Mag.a Felicitas-Maria Jakobsen, Studium der Psychologie in Graz, Postgraduelle Ausbildung zur Klinischen, Gesundheits-, Neuro- und Gerontopsychologin. Derzeit ist sie beschäftigt an der Neurologie des KH der Elisabethinen Graz und seit 2016 auch in freier Praxis tätig. Jakobsen ist seit Oktober 2022 Mitglied im Leitungsteam der Fachsektion Gerontopsychologie des Berufsverbands Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP). Ihre fachlichen Schwerpunkte liegen in den Bereichen Neurologie, Gerontopsychiatrie, Palliative Care und professionelle Kommunikation
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