Alfons Muchas "slawisches Epos" erhält in Prag neues Zuhause
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von AgenturenDer Savarin-Palast im Herzen Prags
Bild: APA/APA/Manuel Meyer/Manuel Meyer
Bauschutt, kaputte Fensterscheiben, fehlende Pflastersteine. Die verwitternden Gebäude im Hinterhof eines Palais im Herzen Prags werden schon bald abgerissen. In rund vier Jahren soll diese triste Lokalität einen der wichtigsten Kunstschätze der Tschechischen Republik beherbergen - das "Slawische Epos" des berühmten Jugendstilkünstlers Alfons Mucha (1860-1939).
Das Projekt ist Teil des groß angelegten Renovierungsplans des Savarin-Palastes, der seit einem Jahr das neue Mucha-Museum der Familienstiftung des Künstlers beherbergt. "Normalerweise entsteht zunächst das Museum, und dann werden die Kunstwerke in die Räume eingepasst. Wir entwerfen hingegen einen Ausstellungsraum, der sich an die Gemälde anpasst", erklärt Stiftungsdirektor Marcus Mucha, ein Urenkel des Künstlers .
Eigene Halle für zwanzig monumentale Gemälde
Das macht bei der Dimension der Werkserie auch Sinn. Jedes einzelne der zwanzig monumentalen Gemälde misst 6 mal 8 Meter. Sie würden weder in den Barock-Palast noch in die historische Reithalle passen, die sich ebenfalls im Hinterhof befindet. Deshalb beauftragte man den britischen Designer und Stararchitekten Thomas Heatherwick, der nun unter dem Hof eigens eine unterirdische, lichtdurchflutete Gemäldegalerie für das "slawische Epos" schafft, während im Innenhof selber Cafés, Büros, Geschäfte, Plätze und weitere Räume für Kultur- und Kunstveranstaltungen entstehen. Die barocke Reithalle von 1720 wird dabei in eine U-Bahn-Station verwandelt, die den direkten Zugang zum Hof gewährt.
Bereits im ersten Jahr zählte das Ende Februar 2025 eröffnete Mucha-Museum fast 115.000 Besucher. "Doch sobald wir das 'Slawische Epos' hier zeigen können, werden sich die Besucherzahlen vervielfachen", ist sich der Stiftungsdirektor sicher. Der Gemäldezyklus sei nämlich mehr als mehr als nur Kunst. "Er ist ein politisches Statement und ein Symbol der tschechischen Identität sowie der kulturellen Emanzipation vom österreichischen Habsburgerreich", erklärt Mucha im Gespräch mit der APA.
Sein Urgroßvater schuf die Gemäldeserie zwischen 1910 und 1928, nachdem er vom damals aufkommenden Panslawismus gepackt wurde. Das Epos handelt von der Geschichte, den Mythen, Heldentaten und Traditionen der slawischen Völker - insbesondere der Tschechen. Damit wollte Mucha eine eigenständige Identität in der von deutscher Sprache und Kultur dominierten österreichischen Habsburgermonarchie betonen, zu der die heutige Tschechische Republik damals als Böhmen und Mähren gehörte.
Stiftungsdirektor Mucha: "Meinem Urgroßvater hätte dieser Ort gefallen."
Mucha hatte die Werkserie der Stadt Prag mit der Bedingung vermacht, für den Zyklus eigens ein Museum zu schaffen. Es gab aber keine passenden Räumlichkeiten für diese riesigen Leinwände und auch wohl kein Geld und keinen politischen Willen für ein kulturelles Großprojekt von dieser Dimension. Deshalb brachte man sie zunächst ins Schloss Moravský Krumlov, wo das "Slawische Epos" seit den 1960er-Jahren dauerhaft gezeigt wird. Ab 2030 soll es nun im Savarin-Palast sein neues und endgültiges Zuhause finden.
"Meinem Urgroßvater hätte dieser Ort gefallen. Er war zudem ein großer Fan von Wolfgang Amadeus Mozart, der 1787 schräg gegenüber im Ständetheater die Uraufführung seines 'Don Giovanni' feierte und dabei selbst dirigierte", erzählt Marcus Mucha während einer Führung durch die Räume.
Unter den verspielten barocken Deckenmalereien und pompösen Kronleuchtern führt das Museum seine Besucher zurück in die Zeit der Belle Époque. Alfons Muchas Schaffensphasen sind chronologisch präsentiert. Während das seit 1998 existierende Mucha-Museum im Kaunitz-Palais vor allem Werke aus der Sammlung der Tennislegende Ivan Lendl ausstellt, zeigt die neue Mucha Foundation deutlich mehr und bisher selten gezeigte Arbeiten Muchas.
230 Kunstwerke und Erinnerungsstücke
Unter den 230 Ausstellungsstücken befinden sich neben Kunstwerken auch zahlreiche Fotos aus der Familiensammlung und private Gegenstände. Marcus Mucha zeigt eine von seinem Urgroßvater kunstvoll gestaltete Schachtel, "in der meine Großmutter immer Kekse für uns Enkelkinder aufbewahrte". Ein biografisch bedeutsames Objekt ist vor allem der handgeschriebene Brief der berühmten Theaterschauspielerin Sarah Bernhardt an den Künstler vom 1. Februar 1897. "Bernhardt war damals ein Weltstar vom Rang einer heutigen Angelina Jolie, und sie machte meinen Urgroßvater zum bekanntesten Künstler unseres Landes", erklärt Marcus Mucha.
Alfons Mucha zog 1887 nach Paris, wo er sich schon früh auf Plakatkunst in einem neuartigen Stil spezialisiere, der Art Nouveau, dem Jugendstil. Er hob sich von den grellen und textlastigen Plakaten für Theaterveranstaltungen durch sanfte Farben, harmonische Kompositionen und ornamentale Eleganz ab. Seine Plakate wirkten eher wie Kunstwerke als wie Werbung. Der Erfolg war zunächst aber bescheiden. Er konnte sich nicht einmal eine eigene Wohnung leisten und teilte sich ein Mietzimmer mit dem französischen Maler Paul Gauguin. "Die beiden waren damals sogar zu arm, um Modelle für ihre Bilder zu bezahlen und standen jeweils für den anderen Modell", sagt Marcus Mucha.
Sarah Bernhardt machte ihn berühmt
Damals lief der Kartenverkauf für Sarah Bernhardts neues Theaterstück "Gismonda" mehr als schlecht. Kurz vor Weihnachten 1894 bat sie die Druckerei deshalb um neue Werbeplakate. Kurz vor den Feiertagen waren aber die meisten infrage kommenden Künstler schon nicht mehr in Paris. Der unbekannte Plakatmaler Mucha war jedoch gerade in der Druckerei. Er zeichnete schnell einen Entwurf.
Der Drucker fand diesen grauenhaft, schickte Mucha weg, zeigte ihn aber dennoch Bernhardt, weil er kein anderes Bild hatte. Das war der Beginn von Muchas großen Karriere, sagt sein Urenkel: "Als Mucha später wieder nach Hause kam, hing ein Zettel an seiner Tür: 'Kommen Sie zum Théâtre de la Renaissance, Anweisung von Madame Sarah'. Die Theaterdiva öffnete ihm höchstpersönlich die Tür, umarmte ihn und sagte: "Herr Mucha, Sie haben mich unsterblich gemacht."
Noch auf der Türschwelle unterzeichnete er einen Sechsjahresvertrag als künstlerischer Leiter der Schauspielerin. Mucha wurde verantwortlich für Bernhardts Bühnenbilder sowie die Entwürfe von Kostümen, Schmuck und Plakaten. "Was Bernhardt erkannt hatte, aber der Drucker nicht, war die Geburt des Jugendstils", schildert Marcus Mucha, während er im Museum die damaligen Original-Plakate zeigt.
"Seine Plakatkunst inspirierte sogar Disney bei der Gestaltung von Prinzessin 'Frozen'", erklärt Marcus Mucha und zeigt das Plakat für das 1911 im Prager Nationaltheater uraufgeführte Ballett "Prinzessin Hyazinthe".
Prägte das Design der Tschechoslowakei mit
Alfons Mucha wurde damals weltberühmt. 1900 entwarf er für die Weltausstellung in Paris das Plakat für Österreich-Ungarn und gestaltete den gesamten Pavillon von Bosnien und Herzegowina, das damals ebenfalls zum Österreich-Ungarischen Kaiserreich gehörte. Um die Arbeit vorzubereiten, reiste er in die Mittelmeerregion und entdeckte dabei die Ähnlichkeiten zwischen den südslawischen Völkern und seiner südmährischen Heimat. Es war der Ursprung zu seinem "Slawischen Epos".
Nach der Gründung der Tschechoslowakei 1918 wirkte er künstlerisch stark bei der Gestaltung des neuen Staates mit. Er entwarft die ersten Geldscheine, Briefmarken und Staatsurkunden des Landes. 1931 fertigte er die berühmten Jugendstil-Glasfenster "Die Slawen" im Veitsdom der Prager Burg an. Er dekorierte den Empfangssaal des Prager Rathauses mit seinen "slawischen" Darstellungen.
Der Slawische Epos sei ein "Schrei nach Frieden für die slawische Bevölkerung unter österreichischer Herrschaft" gewesen, so Marcus Mucha. Sein Urgroßvater spielte zweifellos eine wichtige Rolle bei der Identitätssuche seines Landes. Doch im neuen Museum der Familienstiftung wolle man ihn vor allem auch als das zeigen, was er war, nämlich "ein Künstler, ein überzeugter Europäer, Weltbürger und Brückenbauer zwischen Kulturen und Nationen", so der Urenkel.
(Von Manuel Meyer/APA)
(S E R V I C E - www.mucha.eu/en )
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