Auswirkungen nach Tschernobyl-Katastrophe in Österreich

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von Agenturen

Vor 40 Jahren ereignete sich die Katastrophe in Tschernobyl

Bild: APA/APA/THEMENBILD/HELMUT FOHRINGER


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Am dritten Tag (29. April 1986) nach der Reaktorexplosion in Tschernobyl erreichte eine radioaktive Wolke die Landesgrenze Österreichs. Sie hatte den Unfallort eine Nacht nach der Katastrophe (27. April) verlassen und drang vom niederösterreichischen Weinviertel ins gesamte Bundesgebiet vor. Am 30. April verzeichneten die hiesigen Messgeräte die größte Belastungswelle in der Luft. Im Alpenvorland regnete es dann stark und große Mengen Radioaktivität landeten am Boden.

Österreich hatte damals die zweite radioaktive Luftströmung über Europa abbekommen. Die erste wehte am 26. April von Tschernobyl aus nach Norden über Weißrussland und drehte dann in Richtung Westen nach Skandinavien, wo erhöhte Radioaktivität gemessen wurde, noch bevor der Unfall bekannt geworden war. Am 27. April änderte sich die Strömung und brachte Luftmassen aus Tschernobyl über andere Teile Weißrusslands, Polen und Tschechien vom 29. April bis 1. Mai nach Österreich. In der Nacht vom 27. auf 28. April hatten die Winde beim Unfallort bereits gedreht, die kontaminierten Wolken gelangten daraufhin vor allem in die Sowjetunion, den Balkan und die Türkei.

Vor allem Alpennordseite in Oberösterreich und Salzburg betroffen

Der Zustrom radioaktiver Luft war also nach wenigen Tagen für Österreich beendet, aber große Niederschlagsmengen am 29. April und den ersten Maitagen hatten große Mengen radioaktiver Elemente vor allem an der Alpennordseite in Oberösterreich und Salzburg abgeregnet. Österreich zählt daher zu den am stärksten von der Reaktorkatastrophe betroffenen Regionen in Mitteleuropa. Nur in Ostösterreich, zum Beispiel dem Weinviertel, Marchfeld und Nordburgenland fiel in diesem Zeitraum kaum Regen und die Bodenkontamination blieb dort eher gering. In einer späteren Phase brachte die Strömung nochmals belastete Luft von Süden nach Österreich, die vor allem über der Steiermark und Kärnten abregnete.

Schon damals gab es in Österreich ein sehr feinmaschiges Messnetz für Radioaktivität. 336 Messsonden waren mit nur durchschnittlich 15 Kilometern Abstand vor allem auf Dächern öffentlicher Gebäude verteilt. "Es war ein Riesenvorteil, dass ein gewisser Ministerialrat Peter Vychytil sogar Jahre vorher ein Strahlenfrühwarnnetz aufgebaut hatte", erklärte die Wiener Meteorologin und Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb im Gespräch mit der APA: "Vor dem Reaktorunfall hat er allerdings deswegen ein Disziplinarverfahren wegen sozusagen Vergeudung von Volksvermögen am Hals gehabt." Die Nachbarstaaten hatten damals nur Messstationen rund um ihre eigenen Kernkraftwerke, aber nicht in Siedlungsgebieten und nicht flächendeckend, wie sie erklärte: Sie konnten demnach Kontaminationen nicht so gezielt nachverfolgen wie in Österreich.

333 dieser Messstationen waren an ein Übertragungsnetz angeschlossen und lieferten verlässlich die Daten. "Die meteorologischen Messwerte wurden damals aber noch nicht automatisch übertragen", sagte Kromp-Kolb, die damals auch an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG, heute Geosphere Austria, Anm.) in Wien gearbeitet hat: "Wir hatten zwar viele Wetterstationen, aber meine Kolleginnen und Kollegen mussten sich damals ans Telefon hängen und herumtelefonieren, um sich die Zahlen von den Niederschlagsmessungen durchgeben zu lassen." Durch diese aufwändige Arbeit konnten schließlich sehr genaue Abschätzungen vorgenommen werden, wie stark die radioaktiven Belastungen in den verschiedenen Regionen waren. Das wirkte sich nämlich rasch auf die Lebensmittel aus.

Milch, Grünfutter und Gemüse verstrahlt

Zunächst waren hauptsächlich Milch, Grünfutter und Grüngemüse betroffen und mit dem recht kurzlebigen Iod-131 (Halbwertszeit: acht Tage) kontaminiert. Für Salat und Blattgemüse wie Spinat gab es deswegen für einige Wochen ein Verkaufsverbot, sagte Christian Katzlberger von der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). Es gab auch Patzer der damaligen Regierung, berichtete Helga Kromp-Kolb: Zum Beispiel, dass man meinte, Gurken wachsen unter der Erde, und sie seien deswegen ohne Bedenken verzehrbar.

Weil Milch unter anderem als Säuglings- und Kleinkindernahrung gebraucht wurde, hat man sie sehr genau überwacht und nur kontrollierte Milch, die nicht stark belastet war, in den Handel gelassen, erklärte Christian Katzlberger. Es gab regional Verbote für Grünfütterung bei Kühen und Molkefütterung bei Schweinen. Schaf- und Ziegenmilch durfte überhaupt nicht verkauft werden. Den Menschen wurde geraten, nicht allzu viel Zeit im Freien zu verbringen, und Kinder beispielsweise nicht im Sand spielen zu lassen. "Von der Einnahme von Jodtabletten wurde damals abgeraten", sagte er. Dies kann verhindern, dass sich radioaktives Jod in der Schilddrüse anreichert und Krebs verursachen kann. "Die erwartete Dosis von (radioaktivem) Jod war zu gering, um solch eine mit Gesundheitsrisiken verbundene Einnahme anzuraten."

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Unterschiedliche Grenzwerte bei den Fleischsorten

Während das radioaktive Jod-131 Ende Mai größtenteils zerfallen war, brachten Cäsium-134 und Cäsium-137 mit Halbwertszeiten von zwei beziehungsweise 30 Jahren längerfristig Probleme aus Tschernobyl nach Österreich. Sie belasteten Fleisch und in geringerem Ausmaß Obst. Bei unterschiedlichen Fleischsorten wurden die Grenzwerte damals sogar nach den Essvorlieben der Österreicherinnen und Österreicher ausgerichtet. "Für Schweine- und Hühnerfleisch waren sie sehr niedrig gehalten, weil man hat gesagt, davon essen die Leute so viel", erklärte Katzlberger: "Bei Rindfleisch waren sie beispielsweise dreimal so hoch, weil man davon zu jener Zeit offensichtlich weniger verzehrte." Da Fische insgesamt gering belastet waren und nur in kleinen Mengen verzehrt wurden, sah man damals davon ab, spezifische Grenzwerte festzulegen.

Strontium-90 wurde zwar in viel geringeren Mengen abgelagert als Jod und Cäsium, aber es ist für Babys und Kinder sehr bedenklich, bei denen der Knochenaufbau noch im Gange ist, sagte Karin Hain von der Forschungsgruppe Isotopenphysik der Universität Wien: Der Körper kann die radioaktiven Atome des Strontiums mit einer Halbwertszeit von über 28 Jahren nämlich nicht effektiv von Kalzium unterscheiden und lagert es deswegen in den Knochen ein. "Das ist ein weiterer wichtiger Grund, warum die Milch besonders gut überwacht worden ist und nur sehr restriktiv in den Handel durfte."

Gesundheitliche Grenzwerte meist nicht überschritten

"Strenge Grenzwerte, Überwachung der Lebensmittel und umfassende Umweltkontrolle sowie die daraus resultierenden Maßnahmen machten es möglich, die in der Strahlenschutzverordnung für Einzelpersonen festgelegten Grenzwerte der Jahresdosis im Wesentlichen einzuhalten", heißt es in einem Bericht des Umweltbundesamtes vom November 1986. In der österreichischen Bevölkerung wären demnach laut Berechnungen nicht signifikant mehr Krebstodesfälle und Erbschädigungen zu erwarten.

Kromp-Kolb sieht dies in Österreich allerdings nicht vollständig untersucht: "Ich würde mich nicht trauen, so einfach zu beantworten, dass der Reaktorunfall in Österreich keine gesundheitlichen Folgen hatte", sagte sie: "Spezielle Kindergruppen, und Menschen, die unbemerkt ein heißes Teilchen mit der Luft oder Nahrung aufgenommen haben, könnte sehr wohl direkt betroffen sein." Die nicht allzugroße Motivation hierzulande mögliche Auswirkungen zu erforschen, wäre aber nicht nur negativ zu betrachten. "Wenn man etwa einem ganzen Geburtenjahrgang und vielen anderen Menschen Angst einflößt, weil sie ja möglicherweise betroffen sein könnten, hätte das auch negative Auswirkungen."

Heute noch teils Böden, Pilze und Wildschweine belastet

Auch heute noch gibt es messbare Mengen von Cäsium-137 in der Umwelt. "Es klebt sehr stark an den Tonmineralien von Böden", erklärte Katzlberger. Durch radioaktiven Zerfall sind die Werte seit dem Unfall um etwas mehr als die Hälfte zurückgegangen. Bei landwirtschaftlichen Flächen wäre radioaktives Cäsium durch das Pflügen und anderes Bearbeiten der Böden fast verschwunden, aber im Waldboden wäscht es sich kaum aus, so der Experte. Von dort können es Pilze aufnehmen und in den Fruchtkörpern anreichern. "Die gängigen Speisepilze wie Eierschwammerln, Parasole und Steinpilze sind aber zum Großteil schon deutlich unter den Grenzwerten", sagte Katzlberger. "Nur Maronenröhrlinge in den stark belasteten Gebieten können immer noch höhere Werte haben."

Wild lebende Wildschweine wühlen viel im Boden und ernähren sich von Pilzen, darum können sie auch ein wenig mehr Radioaktivität im Körper ansammeln. "Schwangere Frauen und Personen, die einfach kein bisschen radioaktives Cäsium aufnehmen wollen, sollten daher beispielsweise auf Zuchtpilze zurückgreifen und kein Jagdwild aus hochbelasteten Regionen verzehren."

Im Allgemeinen ist die Strahlungsbelastung durch Tschernobyl zusätzlich zur natürlichen Strahlung in Österreich aber gering, so Hain: Die jährliche effektive Dosis aufgrund des Reaktorunfalls von Tschernobyl plus der oberirdischen Kernwaffenversuche (1945 bis 1980) beträgt aktuell pro Person und Jahr im Mittel etwa ein Hundertstel Millisievert. Die durchschnittliche Strahlenexposition der österreichischen Bevölkerung liegt zum Vergleich bei rund sechs Millisievert. "Etwa ein Viertel davon geht auf medizinische Diagnostik und Therapien zurück, also nützliche Dinge", erklärte sie.

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