Bauers "Hundeherz" in Hamburg: Bildgewaltig, aber blutleer
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von AgenturenMultimedial überfrachtete Suche nach dem "neuen Menschen"
Bild: APA/APA/Schauspielhaus Hamburg/Thomas Aurin
Im Deutschen Schauspielhaus Hamburg leuchtet eine Wetterwarnung: Minus zehn Grad, ein "Schwarzsturm" zieht auf. Die düsteren Hochhausfluchten sind spärlich beleuchtet, im schwarzen Schnee kauert ein Hund mit bis auf die Rippen offener Flanke. Willkommen in Gotham City. Dort hat Armin Petras seine Dramatisierung von Michail Bulgakows Novelle "Hundeherz" angesiedelt, die Claudia Bauer am Freitagabend in eine multimedial überfrachtete, aber blutleere Inszenierung gegossen hat.
Mit dem preisgekrönten Jandl-Abend "humanistää!", der Bachmann-Bearbeitung "Malina" und im Vorjahr mit Jelineks Frühwerk "Krankheit oder Moderne Frauen" hat die deutsche Regisseurin Claudia Bauer unter der Volkstheater-Direktion von Kay Voges drei bemerkenswerte Arbeiten in Wien vorgelegt und sich als Meisterin der Bebilderung von Sprachkunst etabliert. Doch Bulgakows 1925 entstandene Satire auf den von der jungen Sowjetunion propagierten "Neuen Menschen", die Petras von jeglichen historischen wie geografischen Bezügen befreit hat, eignet sich nicht für Bauers gewohnten Zugriff. Schrill, bunt und vor allem laut ist dieser pausenlose, 110-minütige Abend mit zahlreichen Castorf- und Pollesch-Anklängen, doch der Funke will nicht überspringen.
Drinnen die Leistungsträger, draußen die "Proles"
Gotham City also, die düstere, korrupte Wirkungsstätte Batmans, muss hier für eine Stadt in der nahen Zukunft herhalten, in der man vom Dritten Weltkrieg spricht, "Big Daddy" das Sagen hat und Menschen und humanoide Roboter symbiotisch zusammenleben. Hier haben es sich die Reichen und Schönen gerichtet, die in der "Klinik Forever Young" des Eugenikers Truman-Lomonossow Tierorgane eingesetzt bekommen, um sich immer wieder zu verjüngen. Mit knallgelber Perücke und dicken Brillengläsern gibt Bettina Stucky den mächtigen Professor, der in seiner viel zu großen Praxis über 100-jährige Prominente wie Cher (Sachiko Hara) oder Robert De Niro (Felix Knopp) empfängt, während der Chor der "Proles" draußen in der Kälte gegen soziale Ungerechtigkeit in Zeiten digitaler Diktatur demonstriert.
Als der Professor eines Tages auf den geschundenen Hund (Oscar Olivo führt die strubbelige Fellnasenpuppe höchst gekonnt) trifft, lockt er ihn mit einer Wurst ("Echtes Fleisch, kennst du das noch?") in seine Klinik und setzt ihm dort mithilfe seines Assistenten Dr. Blumenthal (Maximilian David Scheidt) die Hypophyse und die Hoden eines kürzlich verstorbenen Kleinkriminellen ein - woraufhin sich der Hund in rasendem Tempo in einen äußerst rüpelhaften Menschen (auch als Mensch stark: Oscar Olivo) verwandelt. In seiner Fassung verzichtet Petras auf die Innensicht des Hundes genauso wie auf die ausführlichen politischen Diskussionen im Hause des Professors, der nach dem Motto "Längeres Leben für Leistungsträger" lebt.
Kampf gegen den Soundteppich
Vielmehr setzt diese Inszenierung auf die Effekte der in gleißendem Licht wie wild rotierenden Drehbühne (Andreas Auerbach), Projektionen von hyperaktiven Live-Videos hinter den Kulissen und einen enervierenden Soundteppich (am Live-Cello: Andi Otto), den die Schauspielerinnen und Schauspieler zunehmend outriert zu übertönen versuchen. So knallig die Figuren gezeichnet sind, so wenig Leben steckt in ihnen. Unterbrochen werden die Szenen von oft schlecht verständlichen Songs des "Chors der solidarischen rebellierenden Unberechtigten".
Am Ende jagt der Hundemensch, der sich als gnadenloser Opportunist entpuppt, beruflich Katzen aus der Stadt, und der Professor muss erkennen, dass sein Experiment gescheitert ist und schleunigst rückgängig gemacht werden muss. Der "neue Mensch" ist also mitnichten ein "perfekter Mensch". Und so fährt der wieder zum Hund Gewordene im Epilog mit der Holo-Sekretärin Harriett (Angelika Richter) und der KI-Robotess (Sandra Gerling) im Auto durch einen amerikanischen Nationalpark. Alles wieder gut? Man weiß es nicht.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E - "Hundeherz" von Armin Petras nach Michhail Bulgakow im Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Regie: Claudia Bauer, Bühne: Andreas Auerbach, Kostüme: Vanessa Rust. Mit Oscar Olivo, Sandra Gerling, Bettina Stucky, Maximilian David Scheidt, Angelika Richter, Felix Knopp und Sachiko Hara. Weitere Termine: 28. April, 6., 17. und 25. Mai. www.schauspielhaus.de)
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