Crossing Europe: Filmischer Versuch, die Zeit zu fassen
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von AgenturenZeit ist schwer fassbar
Bild: APA/Filmladen
Was ist Zeit, wie verstehen wir sie heute, wie bestimmt sie unser Leben? Der dokumentarische Filmessay "Auf der Suche nach der gestohlenen Zeit" von Regisseur Konrad Wakolbinger umkreist diese Fragen aus unterschiedlichen Richtungen und spannt den Bogen vom Zeitbegriff des Mittelalters bis ins Heute. Der Film ist in der Local-Artists-Schiene des Crossing Europe in Linz zu sehen, in den österreichischen Kinos startet er dann am 19. Juni.
Ein Zeitforscher, ein Philosoph und eine "Zeitexpertin" steuern Erklärungen zum großen Ganzen bei. Konkreter taucht man anhand von Beispielen aus der Arbeitswelt ins Geschehen ein. Die beklemmenden Taktungen bei Amazon-Mitarbeitern sind ebenso Thema, wie die Realitäten in der Industrie und einer Werbeagentur. Produktivität bestimmt den Zeitbegriff der Wirtschaft, was da Zeit und Geld miteinander zu tun haben, versucht ein Interview in der Chefetage der Bank zu beleuchten. Aber auch Karl Marx und Kapitalismus-Kritik aus heutiger Sicht fehlen nicht.
22 durchgetaktete Freizeit-Wochenstunden
Die Zugänge entpuppen sich dabei als erhellend, aber auch als kurios: Eine Vollzeit-Beschäftigte erzählt etwa über ihre von Fitness-Terminen vollständig durchgetakteten 22-Stunden-Freizeit-Kalender. Ein Blick über die Schulter einer Volksschullehrerin nimmt den Zuseher zu den Basics der Zeit und der Uhr mit. Auch Besuche am Standort einer Caesium-Atomuhr und beim Uhrenspezialisten dürfen nicht fehlen, ebenso wenig der Input einer Gruppe von Percussionisten, die den Soundtrack wesentlich bestimmt.
Der Film selbst nimmt sich Zeit, der Rhythmus der 86 Filmminuten gleicht dem des gleichmäßigen Fortschreitens der Uhr. Hektik kommt keine auf, das Thema Zeitdruck und -stress ist zwar im Ansatz Thema, schlägt jedoch filmisch kaum durch. Der Grundtakt ist ein gemächlicher, er variiert mit Fortdauer des Films, geht jedoch nie abhanden. Tempo kommt etwa in einer rhythmischen Montage ins Spiel, getragen von Percussion-Musik, die Bilder von laufenden Maschinen sind zunehmend schneller geschnitten. Ein Besuch beim Boxenstopp-Training eines Rennstalls wird wiederum mit ruhigem Puls und langsamem Schnitt eingefangen.
Offene Fragen und vielfältige Zugänge
Ein bedachter, unspektakulär auftretender Film zum Staunen, der versucht dem Phänomen Zeit näher zu kommen. Eindeutige Antworten auf aufgeworfene Fragen sind dabei nicht immer möglich, das liegt in der Natur der Sache. Klar bleibt, dass die Zugänge und Auffassungen ganz unterschiedlich und individuell ausfallen können. Zeit ist eben relativ, wie schon Albert Einstein physikalisch belegte.
(Von Bernhard Steinmaurer/APA)
(S E R V I C E - www.crossingeurope.at, https://www.filmladen.at )
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