"Die noch unbekannten Tage": Preis bei Crossing Europe

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Auf dem Weg in den Westen

Bild: APA/APA/Crossing Europe


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Erinnerungen eines Menschen zu fassen, bevor sie verschwinden - etwas, das sich Angehörige von Demenzkranken oft wünschen, aber nicht immer schaffen. Regisseurin Jola Wieczorek hat im Film "Die noch unbekannten Tage", der beim Linzer Filmfestival Crossing Europe einen Sachpreis in der Local-Artists-Schiene erhielt, die Flucht ihrer Familie aus Polen - gerade noch rechtzeitig - mithilfe ihrer Mutter aufgearbeitet. Geworden ist es eine sehr persönliche Migrationsgeschichte.

Die Wieczoreks kamen Ende der 1980er aus dem kommunistischen Polen nach Österreich, Jola war damals ein kleines Kind. Nach der ersten Zeit im Flüchtlingslager Traiskirchen landete die Familie ausgerechnet im Geburtsort Jörg Haiders - in Bad Goisern, das sie - "die Polen" - damals alles andere als weltoffen und gastfreundlich empfanden. Vielleicht, weil nicht immer alle Erinnerungen rosig waren, vielleicht, weil man dieses Verhalten nach einem Leben in einer Diktatur ohnehin verinnerlicht hat - Jolas Eltern sprachen jedenfalls zeitlebens wenig über ihre Vergangenheit. Die Filmemacherin kannte nur Puzzlesteine, die sie einfach nicht zusammenzusetzen vermochte.

Alte Briefe als Türöffner

Als die Mutter an Demenz erkrankt und ihre Erinnerungen zu verblassen beginnen, versucht die Tochter, diese aufzufangen, um damit die Lücken in der Familienerinnerung und damit auch ihrer eigenen Identität und der ihres Kindes - "Wie soll ich ihm erklären, warum wir aus Polen geflüchtet sind, wenn nicht einmal ich es weiß?" - zu stopfen. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Briefe der Mutter, die einige der offenen Fragen beantworten. Nach der gemeinsamen Lektüre dieser Korrespondenz, die sich als emotionaler Türöffner erweist, machte sich die Familie auf den Weg, die wichtigsten Stationen ihres Lebens noch einmal zu besuchen. Mit dabei ist eine Super-8-Kamera. In Gesprächen öffnen sich schließlich auch die Eltern.

Die Reise führt in den Plattenbau in Polen, 13. Stock mit einem alles andere als vertrauenswürdigen Lift und kahlen Gängen. Aber alte Familienvideos zeigen dort auch ein heimeliges Zuhause voller Menschen, in dem gerne gefeiert wurde, in dem der Nikolaus kam und die Kinder Bobbycar fuhren - aber aus dieser Zeit gibt es auch Bilder von leeren Regalen, die in den Eltern wohl den Entschluss reifen ließen, in den Westen zu gehen.

Leben im "Dazwischen" anstatt anzukommen

Die Familie landete im "Dazwischen", ganz in Österreich angekommen ist sie nicht. Das neu gedrehte Material wird mit alten Familienvideos und Fotos, einem privaten Archiv von Bekannten und Interviews mit den Eltern ergänzt. Die fehlenden Puzzleteile, die Jola bisher vermisst hatte, fügen sich irgendwann zusammen zu einer Geschichte von Entwurzelung und Heimweh, aber auch zu einer Geschichte über das Vergessen und das Entgleiten von geliebten Menschen. Die Filmemacherin gewährt dem Publikum einen höchst privaten Einblick, streckenweise bedrückend, aber poetisch und liebevoll erzählt. Kinostart in Österreich ist am 25. September.

(Von Verena Leiss/APA)

(S E R V I C E - https://www.crossingeurope.at, "Die noch unbekannten Tage"; Verleih in Österreich: Stadtkino Wien, Kinostart: 25. September)

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