"Die Reise der Schwarzen Venus" als Festwochen-Gastspiel

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Alice Diop gibt ihr Bühnendebüt

Bild: APA/APA/Wiener Festwochen/Marie Rouge/Marie Rouge


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Die europäische Kunstgeschichte ist voll nackter Frauen. Die französische Filmregisseurin Alice Diop, als Tochter einer senegalesischen Familie in einem Pariser Vorort aufgewachsen, fügt dem hinzu: Etliche dieser Frauen sind schwarz. Sie sind meist am Rand zu finden oder als hölzernes Stuhl- oder Tischbein - marginalisiert, verdinglicht, gedemütigt. Bei den Wiener Festwochen liest sie den Europäern mit "Die Reise der Schwarzen Venus" seit Montag im Schauspielhaus die Leviten.

Die Koproduktion, die im November beim Pariser Festival d'Automne ihre Premiere hatte und mit der sie seither selbst auf Reisen ist, bedient sich des Settings einer Lesung, wobei Diop den Text meist auswendig spricht. Er stammt von der US-Lyrikerin Robin Coste Lewis und gewann 2015 den National Book Award. Liest man über sie nach, offenbart sich eine schockierende Entstehungsgeschichte: Nach einem Autounfall, bei dem sie ein Hirntrauma erlitt, war sie zwei Jahre lang in ihren Tätigkeiten radikal eingeschränkt und durfte nur einen Satz pro Tag schreiben.

Mischung aus Meditation und Messe

Das merkt man der "Reise der Schwarzen Venus", die von Diop auf Französisch rezitiert wird, auch an. Es sind verdichtete, konzentrierte, essenzielle Sätze, die von einem frontal zum Publikum aufgestellten Arbeitsschreibtisch aus in aller Ruhe und Gleichförmigkeit zelebriert werden. Die scharf gedachte, doch poetisch formulierte Anklage gerät so zu einem monotonen Textstrom, der für das hoch konzentrierte Publikum im dunklen Theatersaal zu einer Mischung aus Meditation und Messe wird. Die Lesung aus dem Buch Diop nimmt sich mehr heilig als kämpferisch aus. Es sind wohlüberlegte Erkenntnisse, ex cathedra vorgetragen, nicht mehr zur Diskussion gestellt, sondern zur Verinnerlichung freigegeben.

Schon in ihrem ersten Spielfilm "Saint Omer", der 2022 bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, bestach Diop mit der formalen Strenge, mit der sie den realen Fall eines Kindsmords rekonstruierte und zu einer Reflexion über Mutterschaft und das eigene Selbstbild erweiterte. In den 70 Minuten ihrer "Reise der Schwarzen Venus" sind es winzige Handlungen, die den Textfluss kurz unterbrechen. Zweimal wird Musik zugespielt. Einmal zeigt sie dem Publikum ihr Profil. Sie steht kurz auf. Sie gießt sich Wasser in ein Glas. Sonst gibt es nichts als: Text. Es sind Merksätze über Schönheit und Dunkelheit, über schwarze Körper als Dekoration. "Die Reise der Schwarzen Venus ist ein Epos in einer Zeile. Es enthält unsere ganze Geschichte."

Kurzfilm und Publikumsgespräch

Nach der Konzentrationsübung gibt es für alle, die bleiben wollen, einen Bonustrack, nämlich Diops Kurzfilm "Fragments for Venus". Dabei setzt sie den Museumsbesuch einer Schwarzen Frau, den eine Off-Stimme mit Hintergrund-Info begleitet, mit dem Spaziergang einer weiteren Schwarzen Frau durch die Straßen von Brooklyn parallel. Kunst und Realität, Geschichte und Gegenwart. Am (heutigen) Dienstag folgt danach ein Publikumsgespräch. In einem im Programmheft-Interview spricht Diop vom tiefen Eindruck, den der Text bei ihr hinterlassen hat. "Dieses lange Gedicht ist Heilung für uns alle", sagt sie darin. Er habe ihr die Möglichkeit eröffnet, neue Frauenfiguren zu schreiben, "Frauen, die für sich selbst existieren, die nicht mehr Opfer von Ausbeutung sein, die auch nicht mehr von der Obsession der Konfrontation getrieben sein werden". Daran wird man denken, wenn Diops nächster Film in die Kinos kommt.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - "Le Voyage de la Vénus Noire - Die Reise der Schwarzen Venus", Konzept und Performance: Alice Diop, Text: Robin Coste Lewis, Koproduktion der Wiener Festwochen mit MC93 - Maison de la Culture de Seine-Saint-Denis und Festival d'Automne à Paris, Schauspielhaus Wien, Weitere Vorstellungen: 19.-21.5., www.festwochen.at )

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