Die Toten Hosen hauen noch einmal alles rein

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++ ARCHIVBILD ++ Die Toten Hosen wollen lieber einen Tick zu früh gehen

Bild: APA/APA/dpa/Henning Kaiser


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Die Idee zum Lied schwirrte Campino von Die Toten Hosen schon seit einigen Jahren im Kopf herum: Nun ist "Trink aus, wir müssen gehen!" tatsächlich der Titelsong vom finalen Studioalbum der Band geworden. "Da ist keine Euphorie, nur ein inneres Wissen, dass es gut so ist", sagte der Sänger im APA-Interview über den Schritt, einen Schlussstrich zu ziehen. Die Gruppe sei sich einig gewesen: "Okay, das machen wir jetzt zum letzten Mal. Wir hauen alles rein, was wir haben."

Das Album kommt am 29. Mai. Am 12. September beenden Die Toten Hosen ihre diesjährige Konzertreihe im ausverkauften Wiener Ernst-Happel-Stadion, 2027 gastieren sie am 23. Juni in Graz (Messe Open Air).

Der Beschluss für ein Abschiedswerk beruhte "auf einer Intuition", die Campino seit Längerem in sich trug. "Ich habe die anderen gefragt, wie sie das sehen. Weil es für mich wichtig ist, zu agieren und nicht zu reagieren", so der 63-Jährige. "Wir sind ein Kollektiv. Wir haben lediglich den Posten des Schlagzeugers zweimal umbesetzt. Ansonsten sind wir vier Freunde, die sich seit 45 Jahren auf Schritt und Tritt begleiten. Wir tauschen Bandmitglieder nicht aus, wie es die Rolling Stones gemacht haben. Bei uns herrscht eine andere Ausgangslage. Ich glaube nicht, dass wir das sehr lange so weitermachen könnten ohne Personalveränderungen."

Lieber einen Tick zu früh gehen

Darum galt es, sich gemeinsam zu verabschieden. "Wir hatten uns immer verabredet: Wenn wir merken, dass irgendwas nicht mehr so ganz stimmt, wollen wir die Ersten sein, die es erkennen - und dann die Größe haben, vernünftig die Sache zu einem Ende zu bringen", sagte Campino. "Ich glaube fest, es ist besser, einen Tick zu früh zu gehen, wenn die meisten sagen: 'Schade, hätte man sich gern noch ein bisschen länger reingezogen.' Es ist auf jeden Fall besser, als wenn die Leute meinen: 'Also die letzten zwei, drei Jahre hätten wir nicht mehr gebraucht.' Insofern ist das Album der Versuch, noch einmal alles zu bieten."

"Möchte nicht so tun, als wäre ich 30"

Mit dem Wissen um das finale Kapitel hätten sich mehrere Themen für das Album "zwangsläufig ergeben", erzählte der Sänger. "Was muss eigentlich noch gesagt werden? Und wem gegenüber wollen wir unseren Dank oder unsere Gefühle noch einmal ausdrücken? Das sollte alles einfließen. Insofern gibt es eine ganze Menge Lieder, die auf dieser Scheibe nicht enthalten wären, wenn es sich nicht um das letzte Studioalbum handeln würde."

Als Beispiel sei "Glück" genannt, eine Ode an Campinos Sohn: "Weil es die letzte Gelegenheit ist, eine Liebeserklärung hinzuschicken." Andere Themen abzuhandeln als zu Frühzeiten der Band ist für Campino generell nur logisch: "Ich bin textlich in vielen Bereichen auserzählt. Und ich möchte nicht so tun, als wäre ich noch 30, als hätte ich noch Bock, auf eine tierisch geile Party zu gehen, wo der Kronleuchter von der Decke fällt. Das interessiert mich nicht mehr. Deshalb kommt das in keinem Lied mehr vor. Viele in unserem Umfeld haben gemeint: 'Mach doch noch mal ein Sauflied.' Mir fiel aber keines mehr ein, weil ich saufe nicht mehr wie früher. Da würde doch schon die Lüge losgehen. Das kann ich leider nicht liefern."

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Bandbreite statt Langeweile

Musikalisch reicht die Bandbreite auf "Trink aus" von schnellen Punk-Gassenhauern, Glamrock bis zu Pophymnen und Balladen und repräsentiert die stilistische Entwicklung über die Dekaden."Ich habe es geliebt, dass wir relativ früh unsere Grenzen geöffnet haben, was andere Genres, Begegnung mit anderen Menschen und mit anderen Musikern angeht, aber auch mit Geschmäckern. Weil wir musikalisch in unseren Fähigkeiten limitiert sind", begründete Campino. "Wären wir auch noch einem engen Gebiet verhaftet geblieben, würde nur noch Langeweile von uns versprüht werden."

Der Frontman weiter: "Ein klassisches Tote-Hosen-Lied in der Art 'Bonnie und Clyde' oder 'Liebeslied' zu finden, das zwar so ähnlich ist, aber doch auch anders, sodass es eine Berechtigung hat, ist gar nicht leicht. Für eine Zeit lang fiel es uns leichter, langsamere Lieder zu schreiben oder Poplieder, weil wir uns auf diesem Gebiet nicht auskannten und weil wir uns da noch nicht ausgetobt hatten." Ihre Hits seien "nicht berechnend entstanden", hielt Campino fest. "Das waren einfach Songs, die wir gemacht haben, und plötzlich stellen wir fest, oh, die sind aber massenkompatibel."

Einer der stärksten Beiträge auf "Trink aus" heißt "Was ist mit uns los" und greift aktuelle gesellschaftliche Umstände auf. "Ein solches Lied kann über Nacht oder innerhalb von Minuten irrelevant sein", weiß Campino. "Aber ich wollte unbedingt etwas schreiben, was uns alle gerade umtreibt, das Gefühl greifbar machen, das seit einigen Jahren im Raum steht. Bei einem Morgenspaziergang kam ihm die Idee zur Umsetzung: "Nicht auf andere zeigen, nicht wir und ihr, sondern zu fragen, was denn mit uns als Gemeinschaft los ist, die wir alle miteinander auskommen müssen. Was reitet uns eigentlich gerade und wo kommen diese Differenzen her?"

Vicky Leandros als Gast

Zum regulären gibt es ein Bonusalbum. Darauf covern Die Toten Hosen Songs mit Gästen wie Thees Uhlmann, Blixa Bargeld, Sven Regener - und Vicky Leandros. "Wir haben in den letzten Monaten das Studio einfach aufgegeben, unseren Proberaum zum Studio umgebaut und die Aufnahmen dort fortgesetzt", erzählte Campino. "Vicky Leandros habe ich angerufen und gesagt: Frau Leandros, wir lieben Ihr Lied. Das ist jenseits von Gut und Böse, wie Udo Jürgens 'Griechischer Wein', und wir würden das gerne mal probieren. Sie hat uns dann tatsächlich in Düsseldorf besucht, um das Duett aufzunehmen. Das war eine sehr schöne, lustige Begegnung und hat Spaß gemacht."

Die kommende Konzertserie der Gruppe läuft nicht unter dem Motto "Abschiedstournee". Campino: "So konkret wollen wir unser Ende nicht setzen, da würden wir uns einen Druck machen, der gar nicht nötig ist. Aber es ist ganz klar eine unserer letzten Tourneen. Wir wollen abliefern, wofür wir unser Leben lang gestanden haben."

Wie es weitergeht

Campino könnte sich vorstellen, wegen Corona abgesagte Hosen-Unplugged-Konzerte nachzuholen. "Und wenn es irgendwann einen Projektvorschlag gibt, wo wir denken, wir könnten die Sache durch unser Zutun wertiger machen, dann machen wir das natürlich. Aber da gibt es keine festen Pläne. Die hatte ich aber nie in meinem Leben." Das Buch-Schreiben habe ihm große Freude bereitet - "dem Verlag offensichtlich auch, die wollen, dass ich mich da noch mal blicken lasse". Und dann bleibt immer noch die Liebe zum heuer schwächelnden Liverpool FC: "Ich konnte dieses Jahr nicht so oft hingehen und frage mich, hat das was mit mir zu tun, dass das alles den Bach runterging? Es wäre dann eine gute Gelegenheit, die Stadionbesuche wieder zu intensivieren", lachte er.

(Das Interview führte Wolfgang Hauptmann/APA)

(S E R V I C E - www.dth.de )

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