Festwochen: Feministische Lecture zum "Zustand des Glaubens"

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Schewtschenko in der Wiener Elisabethkirche

Bild: APA/APA/Herwig G. Höller/Herwig G. Höller


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Die aus der Ukraine gebürtige und in Frankreich lebende Aktionskünstlerin Inna Schewtschenko hat am Sonntagabend mit einer feministischen Lecture-Performance den diesjährigen Festwochen-Schwerpunkt "Republik der Götter" eröffnet: In "State of Faith" ("Zustand des Glaubens", Anm.) prangerte sie Unterdrückung von Frauen in institutionalisierten Religionen an, skizzierte Zusammenhänge dieser Praxis mit Kriegen und forderte Frauen zu Grenzüberschreitungen in Evas Tradition auf.

Wer in der Elisabethkirche zur Frohen Botschaft in Wien-Wieden jene Motorsäge erwartete, mit der Schewtschenko 2012 als Mitglied der Aktivistinnengruppe Femen ein Holzkreuz im Zentrum Kiews gefällt und für internationale Schlagzeilen gesorgt hatte, wurde enttäuscht. Zwar wurde die Szenerie von einem für die Festwochen tätigen und nahe am Altar positionierten Security-Mann kritisch beäugt - die Künstlerin gab aber am Sonntagabend artig die öffentliche Intellektuelle und verzichtete auf spektakulären Aktionismus.

Der Sündenfall als erster Akt des Ungehorsams

Nachdem sich bereits sechs Sängerinnen positioniert hatten, die - dirigiert vom einzigen Mann der Inszenierung, dem Komponisten und Alte Musik-Spezialisten Iason Marmaras - in Chorälen Schlüsselbegriffe des etwa 40-minütigen Vortrags betonen sollten, betrat Schewtschenko selbst die Kirchenbühne. Zunächst schrieb sie schweigend das Wort "Woman" ("Frau") auf eine Tafel und strich es in Folge wieder durch.

"Frau" sei ein Wort, das überall ausgesprochen werde, aber dem fast nirgends erlaubt werde, für sich selbst zu sprechen. "Ich sollte hier eigentlich nicht stehen und sprechen", betonte sie und verwies auf eine Tradition, die gerade auch in dieser Kirche umgesetzt worden sei. Mit Verweis auf den Sündenfall im Garten Eden, der ein Leitmotiv des Vortrags werden sollte, bezeichnete sie Evas Zugreifen bei der verbotenen Frucht als ersten Akt des Ungehorsams und als Ausübung von Freiheit. "Sie nannten es Sünde und meinten damit, dass Freiheit gefährlich für ihre Macht ist", erklärte Schewtschenko. Konkret erwähnte sie die aktuelle Unterdrückung von Frauen im Iran und in Afghanistan, die jeweils religiös begründet werde.

"Heilige traditionelle Werte" und Russlands Krieg gegen die Ukraine

"Kirche, Küche, Kinder" sei zwar als Prinzip im Deutschland des 19. Jahrhunderts formuliert worden, die dem zugrunde liegende Logik sei jedoch universal und alt. Frauen seien überall notwendig, aber nirgends souverän und dies würde als Ordnung präsentiert werden, als gesunder Menschenverstand, Moral und Schutz. Thomas von Aquin habe dies als Naturrecht bezeichnet, im religiösen Nationalismus der USA sei von der "Heiligkeit des Lebens" die Rede, die russisch-orthodoxe Kirche spreche von "heiligen traditionellen Werten".

Die Moskauer Amtskirche kam auch in einem der stärksten Momente von Schewtschenkos Auftritt vor. Mit einem traditionellen Blumenkranz und einer ukrainischen Flagge spielt sie dabei auf eine traditionelle Darstellung der Ukraine als junge Frau an. "Ich komme aus Cherson, das von Russland besetzt worden ist und wo Menschen in Kellern gefoltert wurden." Ein Mann mit einer diamantenen Uhr und einem goldenen Kreuz um den Hals habe dies als "Gottes Willen" bezeichnet, sagte sie mit Verweis auf den Moskauer Patriarchen Kyrill. Die russisch-orthodoxe Kirche habe nicht nur die Invasion der Ukraine und Putin unterstützt, sondern auch eine "Theologie des Krieges" zur Verfügung gestellt: Die Ukraine sei kein Land, sondern eine Störung, die Ukrainer kein Volk, sondern eine Ketzerei.

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Keine Performance, sondern Ausdruck von Gerechtigkeit

Sie sei von den Festwochen gebeten worden, über den Zustand des Glaubens zu sprechen, es scheine ihr jedoch, dass sie eher über den Zustand jenes Krieges gesprochen habe, in dem man sich befinde, erklärte sie. Abschließend forderte sie ein mehrheitlich weibliches Publikum auf, die Wörter "Frau" und "Freiheit" laut auszusprechen. Dies sei gerade im Kirchengebäude keine Performance, sondern Ausdruck für Gerechtigkeit. Weil Frauen noch immer Fragen stellten und Grenzen zu überschreiten versuchten, hätten ihre Gegner diesen Krieg nicht gewonnen. "Und werden ihn auch nicht gewinnen. Amen!", schloss die Künstlerin. Im Kirchenkontext eher ungewöhnlich erhielt sie stehende Ovationen.

(Von Herwig G. Höller/APA)

(S E R V I C E - https://www.festwochen.at/ )

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