Festwochen suchen nach dem "besten Stück aller Zeiten"
Veröffentlicht:
von AgenturenMilo Rau setzt auf Babys, Pferde und nackte Männer
Bild: APA/APA/Festwochen/Inés Bacher
Was macht "Das beste Stück aller Zeiten" aus? Festwochen-Intendant Milo Rau begibt sich anlässlich des 75-Jahr-Jubiläums auf Spurensuche und schlägt gleich ein Arsenal an Zutaten vor: Babys und Alte, Profis und Laien, ein Pferd und ein Hund, ein Schwarzer Jesus, ein nackter Countertenor und schließlich "das beste Stück", das am Grill landet. Der szenische Auftakt der Festwochen am Freitagabend in der Halle E im Museumsquartier war am Ende vor allem eines: alles und nichts.
Mit Burgtheater-Aktrice Inge Maux und Volkstheater-Liebling Samouil Stoyanov hat Rau zwei Profis verpflichtet, die charmant durch den revueartigen Abend führen, der in 90 Minuten nicht nur die Geschichte der Wiener Festwochen abhandelt, sondern auch gleich die Geschichte der Menschheit. Denn, so weiß Maux: "Am Anfang war nicht das Wort, sondern die Stille." Gemeint sind jene Sekunden, nachdem der Vorhang auf (oder das Licht an) geht und auf der Bühne wie im Publikum alles möglich scheint. Den Kick-off zum "Besten Stück aller Zeiten" gibt schließlich Stoyanov mit einem präzisen Wurf auf einen Basketball-Korb, der daraufhin befriedigt in den Schnürboden gezogen wird.
Prozession der Säulenheiligen
Nach einer von Ruchi Bajaj auf Hindi vorgetragenen und auf Deutsch und Englisch übertitelten Blitz-Geschichtsstunde, die von der Eiszeit über die Römer und die Sisi-Ermordung schließlich zu den ersten Wiener Festwochen 1951 führt, trabt- weil: ehemalige Hofstallungen, nunmehr Halle E - ein echter Lipizzaner ein und das Personal des Abends trägt einer Prozession gleich zu Mozarts "Lacrimosa", gesungen von einem splitternackten Countertenor, Demo-Schilder mit den großen Säulenheiligen herein: Luc Bondy, Elfriede Jelinek, Christoph Schlingensief.
Durchzogen ist der Abend, der nicht nur immer wieder Bezug auf legendäre Inszenierungen - von u.a. Claus Peymann (Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten", 1992), Peter Zadek ("Hamlet", 1999) oder Luc Bondy ("Die Möwe", 2000) - nimmt, auch von allerlei Menschen, die ihre persönlichen Erinnerungen an Festwochen-Momente (man hat sich bei einer Vorstellung kennengelernt oder bei Inszenierungen als Laie mitgewirkt) ausführlich darlegen. Das reicht bis hin zum langjährigen Lichtregisseur im Rollstuhl, der schließlich dank einer KI-Animation auf einem Gaze-Vorhang die Möglichkeit bekommt, noch einmal mit verstorbenen Titanen wie George Tabori oder René Pollesch zu sprechen.
Taufe und Totenkult
Nicht fehlen darf natürlich Christoph Schlingensief mit seiner legendären Container-Action "Bitte liebt Österreich" aus dem Jahr 2000, die derzeit auch in der äußerst sehenswerten Schlingensief-Schau im MAK gewürdigt wird. Eine Szene, in der der Wiener Journalist Heinz Sichrovsky die Bühne betritt, um ausführlich von damals zu erzählen, lässt erstmals so etwas wie ehrliche Nostalgie aufkommen. Frauen kommen übrigens auch vor: So erzählt etwa die Performerin Stefanie Wieser von ihrem Einsatz als Hund in "Wir Hunde" von SIGNA 2016, zwei weitere Frauen stehen mit ihren Babys auf der Bühne, von denen eines auch bildstark getauft wird.
Apropos Religion: Der britische Schauspieler Richi August-Chi war schon bei Schlingensief im Container, hier wird er nun ans Kreuz genagelt. Genagelt wurde auch Daniel Rajcsanyi, wie er mit projizierten Fotos bezeugt, der sich schließlich nackt auf den Boden legt, sich (scheinbar) in den eigenen Mund pinkelt und schließlich mit einer Schere im Video-Close-up entmannt wird. Das "beste Stück" einmal anders. Und so ist es nur konsequent, dass sich Wieser, die auch für Florentina Holzinger arbeitet, schließlich als Hund an den Würstchen-Grill heranpirscht, und das gute Stück frisst. Freundlicher Applaus für einen Abend, der jeglicher Kritik auf der stets präsenten Meta-Ebene vorsorglich den Wind aus den Segeln nimmt und zeigt: Auf das beste Stück werden wir weiterhin warten.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E - Wiener Festwochen: "Das beste Stück aller Zeiten" in der Halle E. Regie: Milo Rau. Mit Inge Maux, Samouil Stoyanov und Richi August-Chi, Ruchi Bajaj, Olivier Benoit, Daniel Rajcsanyi, Milan Eror, Lukas Kaltenbäck, Aurelia Lanker, Elisabeth Löffler, Marion und Arno Messiner, Agnieszka Salamon, Olga Shapovalova, Georg Smolek, Dora Staudinger, Brigitte Weinberger, Angelika Rahbar, Fred Weißensteiner, Stefanie Wieser, Samed Yilmaz, Ada Zar, Barbara und Alma Zenker und weiteren. Recherche, Dramaturgie: Laura Andreß Musik Herwig Zamernik, Live-Musik, Korrepetition: Matej Wakounig, Sounddesign: Dominik Mayr, Bühne: Anton Lukas, Kostüm: Cedric Mpaka, Video: Moritz von Dunger. Weitere Termine: 17. bis 20. und 22. Mai, 19.30 Uhr, Halle E im Museumsquartier. www.festwochen.at )
Mehr entdecken

Kurz vor Deadline keine Einigung über Lohntransparenz

Hantavirus: Weitere Niedrigrisiko-Person in Österreich

"Gentle Monster": Kreutzers Drama über das Unfassbare

Sinner-Match wegen Regen auf Samstag verschoben

BW Linz und GAK rittern im Abstiegsfinale um Ligaverbleib

Song Contest von Wien erreicht mit Finale seinen Höhepunkt
