"Geheimtipp": Harrach'sche Familiensammlung öffnet wieder
Veröffentlicht:
von AgenturenJohannes Waldburg-Zeil in der Gemäldegalerie
Bild: APA/APA/Wolfgang Huber-Lang/Wolfgang Huber-Lang
"Der Haydn war oft hier, meist in der Küche", sagt Johannes Waldburg-Zeil. Die niederösterreichische Marktgemeinde Rohrau südöstlich von Wien ist als Geburtsort des Komponisten Joseph Haydn bekannt. Seine Mutter war Köchin in Schloss Rohrau, das seit dem 16. Jahrhundert im Besitz der Grafen Harrach ist. Hier ist eine der bedeutendsten privaten Gemäldesammlungen Europas zu bewundern. Am Karsamstag sperrt der aktuelle Schlossherr Waldburg-Zeil wieder auf. Ein Besuch lohnt sich.
Dass die Gemäldegalerie jedes Jahr eine lange Winterpause einlegt und die regulären Führungen (an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen jeweils um 10.30 Uhr, 13.30 Uhr und 15 Uhr) nur von Ostern bis Allerheiligen stattfinden, hat vor allem seinen Grund darin, dass man sich hier in wirklich alten Gemäuern befindet. Im Keller gibt es so manche bereits von den Römern verwendete Steine, aus einer mittelalterlichen Festung wurde später ein Renaissance-Wasserschloss, das im 18. Jahrhundert sein heutiges spätbarockes Aussehen erhielt. Die dicken Mauern, die in der Sommerhitze für angenehme Kühle sorgen, machen die ungeheizten Galerieräume im ersten Stock im Winter für den Publikumsverkehr unwirtlich.
Der Landwirt als Schlossherr und Museumsführer
Johannes Waldburg-Zeil ist der Enkel von Stephanie Harrach (1916-2011), die 1970 dafür sorgte, dass die über Jahrhunderte gewachsene Familiensammlung mit Schwerpunkt auf italienischem Barock vom Palais Harrach an der Wiener Freyung in das damals dafür frisch renovierte Schloss Rohrau verlegt wurde. Seit über 20 Jahren hat der Boku-Absolvent, der als Beruf Landwirt angibt, die Verantwortung für Schloss und Sammlung, und wer ihm so zuhört, möchte gewiss nicht tauschen. Neben der Landwirtschaft, die sich auf 700 bewirtschafteten Hektar auf Ackerbau und Saatgut spezialisiert hat, ist die Erhaltung der historischen Schlossanlage eigentlich ein Fulltimejob, der großen Mitteleinsatz verlangt. "Denkmalschutz ist nicht nur Pflicht, sondern ein moralischer Auftrag", versichert er, "nicht für mich, sondern für die nächsten Generationen, aber auch als Erhaltung von österreichischem Kulturgut."
Waldburg-Zeil, der seinen Namen der aus dem Allgäu stammenden Familie seines Vaters verdankt, führt immer wieder auch selbst durch die Sammlung, zu der auch "Überreste einer Musikaliensammlung" gehören. "Seit ich es übernommen habe, betonen wir den kunsthistorischen Aspekt bei den Führungen etwas weniger. Meine Erfahrung ist: Die Durchschnittsbesucher wollen Geschichten hören! Und bei über 100 Bildern gibt es jede Menge spannende Geschichten. Wer rauskommt, ist meist erschöpft, aber immer begeistert." Das gelte auch für die jüngsten Besucher: "Ich bin großer Fan der Kinderführungen geworden."
"Wir sind ein Geheimtipp."
Doch auch Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker sind begeistert, wenn sie etwa vor den Schlachtenbildern des flämischen Malers Pieter Snayers stehen, die wegen ihrer militärischen und topografischen Genauigkeit als wichtige Zeitdokumente des Dreißigjährigen Krieges gelten, oder das von Hyacinthe Rigaud gemalte Porträt des Grafen Ferdinand Bonaventura bewundern. Einen aktuellen Bestandskatalog der Graf Harrach'sche Familiensammlung auf der Höhe der wissenschaftlichen Forschung gibt es (noch) nicht. "Ich glaube, es schlummert hier noch sehr viel, das sich zu erforschen lohnen würde", sagt Waldburg-Zeil. "Forschung ist sicher wichtig - aber für mich ist wichtiger, dass das Dach dicht ist."
Immer wieder gehen Werke aus der Sammlung als Leihgaben in die Welt. Aktuell sind etwa Bilder für Sonderausstellungen im oberitalienischen Forli oder im Madrider Prado angefragt. In Schloss Hof wird das von Francesco Solimena gemalte Porträt von Graf Aloys Thomas gezeigt, der 1733 nach Ende seiner Amtszeit als Vizekönig von Neapel jede Menge Gemälde nach Wien mitbrachte. Schloss Hof gehe "ganz in Richtung Erlebnis-Tourismus", sagt Waldburg-Zeil. Da könne und wolle man nicht mithalten. "Mit weniger als 4.000 Besucherinnen und Besuchern im Jahr sind wir ein Geheimtipp." Der Schlossherr klingt nicht gänzlich unglücklich darüber, lässt aber auch keinen Zweifel daran: Ein paar Tausend mehr wären auch willkommen.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Gemäldegalerie Harrach im Schloss Rohrau, Schloss 1, A-2471 Rohrau, Gruppenführungen nach Voranmeldung sind jederzeit möglich. Info: 02164 / 2253-16, https://schloss-rohrau.at)





