Holzingers "Pfingstspiel" "wird definitiv orgiastisch"

Veröffentlicht:

von Agenturen

Florentina Holzinger bereitet ihr "Pfingstspiel" vor

Bild: APA/APA/GEORG HOCHMUTH/GEORG HOCHMUTH


- Anzeige -
- Anzeige -

"Es wird definitiv orgiastisch": Im Rahmen der Probenarbeiten zum "Pfingstspiel" am kommenden Samstag in Prinzendorf - eine Koproduktion der Wiener Festwochen und der Nitsch Foundation in Kooperation mit dem nitsch museum und VERBUND - war die Choreografin Florentina Holzinger am Mittwochabend zu Gast beim Artist Talk mit der Kulturjournalistin Almuth Spiegler ("Die Presse") im nitsch museum Mistelbach. Reverenz an Hermann Nitsch: Es wird vermutlich blutig zugehen.

Holzinger, die derzeit mit ihrem spektakulären Beitrag "Seaworld Venice" bei der Kunstbiennale in Venedig für internationales Aufsehen sorgt, bezeichnet die geplante Performance in Prinzendorf als "Etüde", bei der es um "schnelle, experimentelle Entwürfe" gehe. Für sie sei es spannend, nun in Österreich zu sein und nicht in Venedig: "Ich bin alle fünf Minuten in Kontakt mit den Klofrauen vor Ort." Von Rita Nitsch fühlt sie sich "extrem gut" betreut, deswegen empfinde sie ihren Aufenthalt auch als "Form der Erholung".

"Pfingstspiel" für "sieben, acht, neun Stunden" geplant

Von ihrem Konzept für das "Pfingstspiel" will sie nicht zu viel vorwegnehmen. Vieles befinde sich auch noch im Arbeitsprozess: "Vor zwei Tagen wussten die alle nicht, was wir da machen werden. Und ich wusste bissl was. Oder bissl mehr als bissl was." Eine Partitur im herkömmlichen Sinn gebe es nicht.

Immerhin "sieben, acht, neun Stunden" werde man jedenfalls miteinander verbringen, vom Prolog im Wiener Eislaufverein über die gemeinsame Busfahrt bis zum Pfingstspiel in Prinzendorf. "Bis in die Nacht hinein. Bis uns der Ton abgestellt wird." Die Musik spiele eine zentrale Rolle. Der Lärmpegel trage "das Geschehen vor sich her und mit sich auch. It's gonna be fucking exciting and legendary." Orgiastisches Performen sei wie ein Orgasmus, auch wenn er manchmal ein Fake sei.

"Urschön" in Prinzendorf

Das Orgien-Mysterien-Theater von Hermann Nitsch habe sie nie live miterlebt, sagt Holzinger, doch als sie im Sommer 2025 erstmals in Prinzendorf war, habe sie das Gefühl gehabt, die Aktionen miterlebt zu haben, ohne jemals dabei gewesen zu sein. "Es ist urschön dort. Da fühle ich mich recht privilegiert, einerseits. Und andererseits kommen wir schon auch mit unserer ,fuck you'-Mentalität da hin."

In ihren Arbeiten könne man "Tausende von Bildern aus der Kunstgeschichte" finden. Auch mit dem Wiener Aktionismus habe sie sich in früheren Jahren sehr wohl beschäftigt: "Ich wurde vor ein paar Tagen um einen Nachruf für VALIE EXPORT gefragt, und da ist mir plötzlich bewusst geworden, dass ich meine Matura-Arbeit darüber geschrieben habe. Ich hab mich als Teenager extrem dafür interessiert, aber hatte es nicht mehr am Schirm."

- Anzeige -
- Anzeige -

"Wer Heilung sucht, geht besser zum Therapeuten als ins Theater."

So richtig in Kontakt damit sei sie in der Arbeit an der Oper "Sancta" gekommen, in der Auseinandersetzung mit Religion und Kirche, wobei sie sich stark mit dem visuellen Universum von Hermann Nitsch beschäftigt habe. Im Pfingstspiel würden viele Elemente aus "Sancta" weitergesponnen. "Ich komme vom postdramatischen Theater, das sich von der Katharsis distanziert. Wer Heilung sucht, geht besser zum Therapeuten als ins Theater." Es sei aber sowohl Betrachtern wie Performenden überlassen, "in welcher Art und Weise sie das erleben, ob das für sie etwas Heilendes ist oder nur Theater oder Show".

Nitsch sei als Privatperson ein humorvoller Mensch gewesen, bei seinen Aktionen hingegen absolut ernsthaft, da habe es nichts zu lachen gegeben, meinte Spiegler. Da mengte sich Rita Nitsch ins Gespräch ein: Er habe "es bedauert", erklärte sie. "Humor ist extrem wichtig" für Holzinger. Manchmal sei die Ernsthaftigkeit in der Kunst "sehr absurd." Wie lustig es beim Pfingstspiel werde, wisse sie aber noch nicht. Immerhin habe es ziemlich viel Slapstick nach Venedig geschafft.

Erst "reflektieren, was da passiert in Venedig"

"Ich muss das erst alles verstehen und reflektieren, was da passiert in Venedig. Und wie es unmöglich ist für die Sozialen Medien, etwas darzustellen." Auf Instagram seien gerade vier Sekunden einer 20-minütigen Choreografie ersichtlich. "Und dann wird etwas gedeutet, das nichts zu tun hat mit dem, was tatsächlich dort stattfindet". Die Sache mit dem Jet-Ski sei "die schlechteste Idee, die man haben kann. Und deswegen erschien uns das wichtig und wertvoll und einen Versuch wert. Ein High Risk Stunt."

Ein spezielles Thema in ihren Arbeiten bildet die Auseinandersetzung mit dem Schmerz, der, so Holzinger, "Teil des Lebens" sei, zum Teil kulturell akzeptiert, zum Teil dem Publikum normalerweise nicht zumutbar. Schmerz werde zur Körperoptimierung in Kauf genommen: "An das Waxen an der Arschritze werde ich mich nie gewöhnen."

"Ich bin die Person, die die Grenzen meines Körpers auslotet." Ob das etwas mit Märtyrertum zu tun habe, wollte Spiegler wissen. Holzinger: "Da ist schon ein Aufopferungsgestus. Das ist schon ein kathartisches Erlebnis."

Von der "Pisskünstlerin" zur "Blutkünstlerin"

Wie sie mit Neid, Missgunst und Gehässigkeit umgehe? Einen Tag nach der Premiere in Venedig sei ihr Meta-Account blockiert worden, berichtet Holzinger. Das habe ihr gut getan. "Danach habe ich mich nicht so viel damit auseinandergesetzt, was geschrieben wurde. Weil ich Klos putzen musste und keine Zeit dafür hatte, mir diese Sachen anzuschauen! Ich weiß, sie nennen mich jetzt die Pisskünstlerin seit Venedig, aber in Prinzendorf machen wir auch die Blutkunst. Es wird ein sehr spezielles Experiment."

Mit mehr Erfolg komme auch mehr Gegenwind: "Meine Arbeit fanden nie alle urgeil. Es hat immer stark polarisiert. Daran bin ich gewöhnt. Wenn's nicht so ist, fange ich an, mir Sorgen zu machen. Aber es kränkt mich trotzdem." Abschlussfrage von Spiegler: "Falls es in Venedig T-Shirts gibt mit der Aufschrift 'In Venedig gewesen - gepisst', was würde auf Shirts in Prinzendorf stehen?" Holzinger: "Geblutet!"

- Anzeige -
- Anzeige -

Mehr entdecken