"Jetzt ist die Zeit zu handeln!": Klima Biennale vor Start

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von Agenturen

Sithara Pathirana leitet die Klima Biennale

Bild: APA/APA/EVA MANHART/EVA MANHART


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Von 9. April bis 10. Mai findet die zweite Klima Biennale Wien statt. Sithara Pathirana, bei der deutlich längeren Erstauflage 2024 noch gemeinsam mit Claudius Schulze für das Programm verantwortlich, leitet dieses Festival der Stadt Wien heuer alleine. "Unspeakable Worlds" lautet das Leitmotiv. Bespielt werden soll vor allem der Öffentliche Raum, wie Pathirana im APA-Interview erläutert.

APA: Frau Pathirana, wozu braucht es eine Klima Biennale?

Pathirana: Ich sehe die Klima Biennale als Werkzeug zur Transformation. Sie kann nicht die Lösung sein, aber sie kann aufmerksam machen, Fragen stellen, Diskurs anregen, inspirieren, neue Handlungswege aufmachen und vor allem Menschen berühren und dazu anregen mitzumachen.

APA: Was berechtigt Sie zu der Annahme, dass es ein passendes Werkzeug sein könnte?

Pathirana: Der Kunst kann man nicht Dinge überstülpen, die die Politik und die Industrie lösen könnten, aber Kunst beschäftigt sich schon lange mit diesen Themen. Die Klima Biennale ist ein Kunstfestival mit dem Anspruch auf gesellschaftliche Bewusstmachung. Sie ist eine Plattform, die die Dringlichkeit für Veränderungen und neue Sichtweisen sichtbar macht. Wir sagen nicht "Da kommt etwas auf uns zu", sondern: "Wir sind mitten drinnen."

"Wir wollen nicht mit dem Zeigefinger arbeiten."

APA: Aber sind die Auswirkungen des Klimawandels nicht für jeden bereits unmittelbar spürbar? Wieso brauche ich da noch die Kunst als Transmitter dafür?

Pathirana: Wir müssen den Leuten nicht noch einmal mit der Kunst erklären, dass es heißer im Sommer wird und mehr Überschwemmungen zu erwarten sind. Wir wollen auch nicht mit dem Zeigefinger arbeiten. Kunst sollte einladen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Status Quo und Reality Check läuft natürlich im Hintergrund mit, aber wir wollen neue Räume aufmachen und zeigen, dass wir nicht ohnmächtig sind. Alles, was die Biennale macht, hat die Kraft der Gemeinschaft im Kern. Das ganze Konzept der Biennale beruht auf Partnerschaft und Kooperation. Daraus kann ein Bewusstsein entstehen, das sich im Gegensatz zu dem befindet, was politisch gerade überall propagiert wird.

"Jetzt ist die Zeit zu handeln!"

APA: Die Klima Biennale organisiert aber keine Demonstrationen und veranstaltet keine Straßenblockaden. Es wird nicht die Ringstraße gesperrt, sondern ein Projekt wiederbelebt, nämlich "Kaorle am Karlsplatz" von Margot Pilz, das vor fast 50 Jahren ins Leben gerufen wurde. Ist das nicht auch ein Armutszeugnis?

Pathirana: Wir machen schon auch neue Themen auf, etwa zur Bauindustrie oder den Lieferketten - aber im Grunde haben Sie recht: Dass 2026 die Themen die gleichen sind wie 1982, ist tatsächlich ein Armutszeugnis. Der neue Bericht des Club of Rome "Earth for all" wiederholt ebenfalls das, was er 50 Jahre zuvor vorhergesagt hat, zeigt aber auch genau, wie wir es lösen können. Wir müssen uns jetzt bewegen! Jetzt ist die Zeit, zu handeln - nicht nur, damit wir nicht in 50 Jahren das Gleiche noch einmal zeigen müssen (lacht). Aber auch wenn wir keine Straßenblockaden machen, nutzen wir ja in der ganzen Stadt den Öffentlichen Raum mit unseren Kunstprojekten - nicht nur am Karlsplatz. Auch wenn es keine klassische Demo ist, kann man das schon als Aktivismus wahrnehmen. Bei "Making Spaces" geht es darum, Orte neu zu denken. Da wird etwa eine Tankstelle zum Schauplatz künstlerischer Forschung oder der Donaukanal für eine Schwimminsel genutzt. Wir wollen ja überhaupt die Donau zur Bürgerin der Stadt ernennen.

APA: Nach dem Motto: Kostet nichts, schadet nichts, bringt aber auch nichts?

Pathirana: Wir haben Expertinnen eingeladen, die Rechte der Donau schriftlich niederzulegen, die wir im Rahmen des Openings verkünden wollen. Das wollen wir dann über die Biennale hinaus als Kampagne fahren. Es gibt viele Institutionen, die sich derzeit mit der Donau beschäftigen. Das Wien Museum hat eine Ausstellung zur Donauinsel, das ZOOM Kindermuseum hat sich mit uns kurzgeschlossen. Auch das Festival der Regionen hat in der nächsten Ausgabe den Schwerpunkt Donau. Wir sind also nicht allein.

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"Wir wollen spielen - auch mit der Krise."

APA: Sie wollen die Menschen besser erreichen und dafür mehr rausgehen. Wie kann einem dann aber ein Ausstellungstitel einfallen wie "(No) Funny Games Oder wie wir lernten, fürsorglich zu sein und die Dystopie zu lieben"? Wie wollen Sie herkömmlichen Besucherinnen und Besuchern erklären, was die Klimakrise mit Michael Haneke und Stanley Kubrick zu tun hat?

Pathirana: Das werden wir auch nicht machen. Es geht eigentlich ums Spielen. Wir wollen spielen - auch mit der Krise. Alle Arbeiten da haben etwas Spielerisches. Wenn man will, findet man in der Ausstellung auch Referenzen zur Filmgeschichte, aber man muss nicht. Eigentlich wollen wir die Leute dazu einladen, ihre Zukunft spielerisch zu erfassen.

"Viele Leute schalten mittlerweile bei dem Thema ab."

APA: Die Menschheit ist aber gerade im Begriff, ihre Zukunft zu verspielen. Müssten wir nicht längst aufhören, nur herumzuspielen?

Pathirana: Genau, darum geht es. Eine Performance wie die von Future Leaks arbeitet genau mit diesen Themen. Es geht um das Lustvolle dabei. Die Person, die mit kuratorischen Texten nichts anzufangen weiß, erreichen wir aber auch mit der Dystopie und der Ansage "Ende Gelände" nicht. Der Journalismus hat es ja auch nicht geschafft, die Menschen zu erreichen, indem er sagt: Alles ist eine Katastrophe. Viele Leute schalten mittlerweile bei dem Thema ab. Wir versuchen daher einen anderen Zugang. Es ist ein Experiment. Das war es auch vor zwei Jahren am Nordwestbahnhofgelände, aber dort hatten wir einen geschützten Rahmen um uns auszutoben, und 2026 machen wir nun die Stadt zum Spielfeld.

APA: Ist die Klima Biennale mehr der Stachel im Fleisch oder das Feigenblatt vor der Blöße? Ist das Ganze nicht auch eine Alibi-Aktion, damit die Stadt Wien sagen kann "Wir machen eh' so viel", obwohl bei den für das Klima entscheidenden Themen zu wenig gemacht wird?

Pathirana: Wir haben die Unterstützung der Stadt Wien, aber es ist auch klar, dass wir uns nicht als ihr Sprachrohr sehen. Wir sind schon widerborstig im Programm. Was dabei an Diskurs entsteht, ist schwer planbar. Bei der ersten Klima Biennale hatten wir eine Diskussion mit dem Umweltstadtrat Jürgen Czernohorszky und der Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler, die von der Letzten Generation gestürmt wurde - und am Ende hat Czernohorszky zwei Stunden mit ihnen diskutiert. Wo gibt es sonst solche Räume? Meine Aufgabe ist es, diesen Diskurs anzustoßen. Ich freue mich sehr, dass in Zeiten wie diesen die Klima Biennale stattfinden kann. Im Gemeinderat wurde das von gewissen Stimmen stark infrage gestellt.

"Wir sind viele - und wir können laut sein."

APA: Was sind für Sie jene Programmpunkte, die man keinesfalls versäumen sollte?

Pathirana: Man sollte unbedingt bei "Kaorle am Karlsplatz" vorbeikommen und die Ausstellungen im KunstHausWien, unserer Festivalzentrale, besuchen. Ich freue mich auch sehr auf die Zusammenarbeit mit den Hochschulen. Die Angewandte und die Akademie werden das Badeschiff eine Woche lang für ein Festival im Festival verwandeln. Das wird sehr schön werden. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir das Projekt "Immediate Matters" mit zehn unabhängigen Kunsträumen ausbauen konnten. Und ich lege allen Wienerinnen und Wienern ans Herz, sich auch die Projekte "Making Spaces" von der Wirtschaftsagentur anzuschauen, weil es da um das Mitmachen, das Zusammenkommen und die Stadträume geht.

APA: Hand aufs Herz: Sind Sie zwischendurch nicht auch immer wieder sehr frustriert, weil es eher rückwärts als vorwärts geht?

Pathirana: Unsere Realität, wie wir sie kannten, wird in den kommenden Jahrzehnten auf jeden Fall eine andere sein. Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass wir nichts mehr abwenden können, sondern mit dem Istzustand umgehen müssen. Wir haben damit aber auch die Chance, uns als Gesellschaft neu zu organisieren. Wir müssen versuchen, ein gutes Leben trotz dieser veränderten Bedingungen neu zu gestalten. Wir sind viele, die das wollen - und wir können laut sein. Das uns klarzumachen, ist auch ein Zweck dieser Klima Biennale. Dieses kollektive Erlebnis zu pushen ist letztlich das, weswegen ich an dieser Arbeit dranbleibe. Trotz allem.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - 2. Klima Biennale Wien, 9. April bis 10. Mai www.biennale.wien )

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