Josefstadt: "Was für ein schönes Ende", aber nicht für alle
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von AgenturenHerbert Föttinger leidet als Lorenzo Da Ponte
Bild: APA/APA/THEATER IN DER JOSEFSTADT/MORITZ SCHELL
2002 reagierte das Publikum in Salzburg mit Buhrufen auf Claus Peymanns Uraufführung von Peter Turrinis "Da Ponte in Santa Fe" - für den Dichter ein nachhaltig irritierendes Ereignis. Fast ein Vierteljahrhundert später wagte er einen neuen Versuch. Unter dem Titel "Was für ein schönes Ende" war das umgearbeitete Stück am Mittwoch die letzte Premiere der 20-jährigen Direktion von Herbert Föttinger. Der Abend wurde seinem Titel nicht gerecht. Buhs blieben diesmal jedoch aus.
Viel Wehmut lag in der Luft. Die Doyenne Marianne Nentwich hatte unlängst in einem "Kurier"-Interview bekundet, das Haus nach Ende der Saison nicht mehr betreten zu wollen. Föttinger schwört in der Rolle des in den USA nach manchen Höhen und Tiefen zum Branntweinverkäufer heruntergekommenen Wiener Hofoperndichters Lorenzo Da Ponte am Ende: "Ich werde nie wieder ein Theater betreten, ich bin wieder völlig normal!" Beide erhielten Auftrittsapplaus und zum Schluss der 95-minütigen Aufführung Standing Ovations. Eine Ära geht zu Ende. Und dieser Abend bewies: Das ist auch gut so.
Viele Anspielungen, keine Erkenntnisse
Föttinger, der einmal bekannt hat, "Die Josefstadt ist durch mich relativ rot geworden", setzte in seiner Ära immer wieder auf politische Aufklärung. Davon ist diesmal nichts zu spüren. Er setzte aber auch auf eine Handvoll Autoren und Regiekräfte, denen er unbeirrt die Treue hielt. Ein schöner Zug, der diesmal jedoch keinen künstlerischen Gewinn bedeutet. Seit dem Beginn von Herbert Föttingers erster Direktionsperiode ist Peter Turrini Hausdichter der Josefstadt, und bereitwillig lieferte er nun auch eine Spielvorlage für Föttingers Abschied als Theaterleiter und Schauspieler. Das bringt manche Anspielung und Doppelbödigkeit, doch keinerlei Erkenntnis. Regisseur Janusz Kica, dessen Inszenierungen das Bild des Hauses seit vielen Jahren als inhaltlich ambitioniert, handwerklich gekonnt, aber ästhetisch mutlos mitgeprägt haben, überrascht auch diesmal nicht.
Überraschend ist bloß, dass auch schauspielerisch wenig zu sehen ist, das einen über szenische Geringfügigkeit hinwegsehen ließe. Das beginnt mit dem Direktor selbst. Herbert Föttinger zeigt als gekränkter Künstler, der die Menschheit, aber zumindest die Anwesenden von seinem Weltruhm zu überzeugen versucht ("Ich war ein Gott in Wien!"), wann er am besten ist: wenn er für sich und seine Sache kämpft. Gleichzeitig zeigt er aber auch, wo seine Grenzen liegen: in der differenzierten Darstellung von Gebrochenheit, Selbstzweifeln und Zwischentönen. Ob sein Da Ponte ein Betrüger, ein Gefallener, ein Verzweifelter, ein Genie oder ein armer Irrer ist - diese Frage wird im Grunde nie verhandelt.
Rettung bringt das Sauerkraut
Auch Maria Köstlinger als seine Frau Nancy, Raphael von Bargen als Produzent, Marcello De Nardo und Ljubiša Lupo Grujčić als Leibwächter und käufliche Journalisten oder Juliette Larat als junge Opernsängerin, die statt auf der Bühne in der Loge des anlassigen Bürgermeisters landet, was den Grundstock einer Karriere in der Horizontalen bildet, und Felix Kama als fast stummer schwarzer Garderobier liefern mehr Abziehbilder als Menschen aus Fleisch und Blut.
Den großen Menschenfreund Peter Turrini fasziniert das "zwischen hellstem Licht und großer Dunkelheit, zwischen Erhabenheit und Lächerlichkeit" schwankende Leben Da Pontes, der 1805 vor seinen Gläubigern nach Amerika floh und Mozart um 47 Jahre überlebte, seit langem. Aber auch in diesem Anlauf hat er daraus keine Fabel, keine Parabel schöpfen können, die ihre tragischen und komischen Seiten aus sich heraus entwickelt. Das Stück kommt nicht recht voran - hat aber eine Schlusspointe bekommen. Da Pontes Frau Nancy Krahl bekommt die Konservenfirma ihres Vaters, der das Sauerkraut aus Deutschland in die USA gebracht hat, überschrieben. Einzige Bedingung: Zehn Prozent des Gewinns müssen in Kulturförderung investiert werden. Er hasse Sauerkraut, knurrt Da Ponte. Und auch Föttinger dürfte sich künftig in seinem neuen Domizil in Ägypten wohl eher anderen Speisen zuwenden.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Peter Turrini: "Was für ein schönes Ende", Regie: Janusz Kica, Bühnenbild und Kostüme: Karin Fritz, Mit: Herbert Föttinger - Lorenzo Da Ponte, Maria Köstlinger - Nancy Krahl, Marianne Nentwich - Dorka Dušková alias Dolly Delors, als Fünfundneunzigjährige, Juliette Larat - Dorka Dušková alias Dolly Delors, als Vierzehnjährige, Raphael von Bargen - James N. Brodnik, Marcello De Nardo Castor / Billy Walker, Ljubiša Lupo Grujčić - Pollux / Billy Walker, Félix Kama - Bambus Willkinson, Johannes Seilern - Ben Warren, Alexander Strömer - Don Giovanni alias Manuel Rodriguez García, Theater in der Josefstadt, Weitere Vorstellungen: 30.5., 1., 4., 5., 6., 11., 15., 20., 21., 23., 24., 28., 29.6., www.josefstadt.org )
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