"Mōdraniht": Das vielgestaltige Leben in Zeiten des Todes
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von AgenturenOper in Zeiten des Krieges: "Mōdraniht" bei den Wiener Festwochen
Bild: APA/APA/Valeriia Landar
Welche Kunst "müssen" Künstler aus einem Kriegsgebiet machen? Das Kiewer Kollektiv Opera Aperta verweigert auf diese Frage in "Mōdraniht. Songs of Winter War" die einfache, plakative Antwort. Im Rahmen der Wiener Festwochen präsentierte die Truppe ein vielgestaltiges Musiktheater als Widerstand - gegen die Gewalt wie die Erwartungshaltungen. Die Inszenierung steht in ihrer Fragmentierung als Spiegel der Zerrissenheit und ist zugleich das Gegenteil von Betroffenheitstheater.
Die im Theater Akzent gastierende Arbeit greift zu einer musikalischen Palette, die von Pop und Volksweisen bis hin zu klassischen Werken reicht. Das "Kyrie eleison" und "Ave Maria" stehen hier der italienischen Originalfassung von Heintjes Schmachtschlager "Mama" gegenüber, Strauss-Zitate einer bewussten Kakophonie und slawischer Folklore.
Zwischen Kuhglocke und Kriegspandämonium
Die Instrumentalisten sind dabei zugleich Sänger und Performer, agieren zwischen Rolle und Kommentar. Mal begatten sie nackt drei Klaviere, um sich dann wieder Kuhglocken umzuschnallen, mit denen sie einen trommelfellmalträtierenden Lärm erzeugen, der zwischen Geisteraustreibung und Kriegspandämonium oszilliert. Streckenweise wird der Abend zum live mitgeschnittenen Konzertfilm, dann wieder zum Filmessay, in dem das sehende und wissende Auge eines erblindeten Kriegsversehrten in den Fokus genommen wird.
"Mōdraniht" - die als "Mütter-Nacht" auf den 21. Dezember als längste Nacht des Jahres verweist - präsentiert sich hier als Amalgam der Moden und Stile, umkreist letztlich elliptisch die Frage nach der Einheit des Menschen. Da lässt man das Publikum Beethovens "Ode an die Freude" als Europahymne auf Latein singen oder setzt mitten in der Performance zum Q&A an - wobei die Akteure den Zuschauerinnen und Zuschauern die Fragen stellen.
"Ja, wir leben noch"
Tragik und Groteske, Ironie und Zynismus, die Sehnsucht nach Idylle und die Abscheu vor dieser vermeintlichen Naivität gehen hier stets Hand in Hand. "Ja, wir leben noch", meint Mastermind Illja Razumejko in seiner performativen Einleitung des ebenso kryptischen wie metaphorischen Abends. Und doch liegt am Ende eine Leiche auf der Bühne, während die Bühnenarbeiter bereits mit dem Abbau beginnen. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.
(Von Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E - "Mōdraniht. Songs of Winter War" der Opera Aperta im Rahmen der Wiener Festwochen im Theater Akzent, Theresianumgasse 18, 1040 Wien. Konzept/Dramaturgie/Bühne: Illia Razumeiko, Musikalische Leitung: Roman Grygoriv, Kostüm: Kateryna Markush, Licht: Svetlana Zmieieva. Mit Yuliia Alieksieieva, Anne Bennent, Dariia Bohdan, Oleksandr Chyshii, Kateryna Hordiienko, Karolina Muzychenko, Sofiia Pavlichenko, Marichka Shtyrbulova, Yuliia Vitraniuk, Akim Zvarych. Weitere Aufführungen am 2. und 3. Juni. www.festwochen.at/songs-of-winter-war )
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