Staatsoper: Sänger-Jubel und Regie-Buhs für "Perlenfischer"
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von AgenturenRegisseur Ersan Mondtag gab sein Staatsoperndebüt
Bild: APA/APA/ROLAND SCHLAGER/ROLAND SCHLAGER
Aus der Wiener Staatsoper ist die Shoppingmall Carmen geworden; mit einer freundlichen, aber bestimmten Durchsage bittet der Direktor bei Ladenschluss zum Ausgang. Am Donnerstag staunte man nicht schlecht, als sich der Vorhang zum zweiten Akt von Georges Bizets "Die Perlenfischer" hob und dabei nicht nur eine Melodie seiner "Carmen", sondern auch die Stimme von Bogdan Roščić zu hören war. Die Zukunft des Hauses am Ring sah man damit trotz aller Geldprobleme hoffentlich nicht.
Aber vielleicht konnte das, was diese Erstaufführung des Bizet-Jugendwerks an der Staatsoper bot, ein wenig das erahnen lassen, was schon bald auf der Staatsopernbühne zu sehen sein wird: Ersan Mondtag gab mit dieser Regie, die auch die Ausstattung umfasste, hier erstmals seine Visitkarte ab. Der deutsche Gesamtkunstwerker, der vor zwei Jahren auch den Deutschland-Pavillon der Kunstbiennale Venedig bespielte, gilt vielen in der Branche als kommender "Ring"-Regisseur des Hauses. Und da trübte der Eindruck der "Perlenfischer" die Vorfreude auf den Mann, der das deutsche Theater durch extreme und extrem formbewusste Deutungen aufgemischt hat, ein wenig.
Aufbauten wie für die Seebühne in Bregenz
Mondtag hält das von Kitsch und Exotik-Klischees überladene Libretto von Michel Carré und Eugène Cormon für eigentlich unspielbar - und tut es doch. Den Schauplatz an der Küste Ceylons, wo die Perlenfischer von einer verschleierten Priesterin Beistand bei ihren Gebeten an die Götter erbitten, verlegt er in eine Färberei, deren Personal an Lageruniformen erinnernde Arbeitskleidung trägt. Den ersten Akt hat er mit einer riesigen, anorektischen Schaufensterpuppe, einem um sie herum in die Höhe führenden Turm und umliegenden Hausfassaden so gestaltet, als gelte es, auf der Seebühne von Bregenz zu bestehen.
Die von ihm und dem Dramaturgen Till Briegleb beschworene Kritik an der ausbeuterischen Textilindustrie wird im zweiten und dritten Akt weitergeführt, in dem statt der Ruinen eines indischen Tempels ein marmorstrotzender Konsumtempel zur Schlaf- und Zufluchtsstätte der Priesterin wird. Hier, in der Shoppingmall Carmen, haben Luxusmarken wie "Guggi" und "Versasse" ihre Filialen und patrouillieren mit Maschinenpistolen bewaffnete Wachen in bunten Fantasie-Outfits, als kämen sie gerade vom Karneval in Venedig.
Musikalische Seite mit großen Pluspunkten
Die vor dem Hintergrund eines abenteuerlichen Religions-Mischmaschs spielende Story der Rivalität zweier Männer, die sich in dieselbe Frau verliebt haben, fordert heute wohl zu Regie-Eingriffen heraus. Vor zwölf Jahren hat die heutige Volksopern-Direktorin Lotte de Beer die "Perlenfischer" im Theater an der Wien recht schlüssig als Reality-TV-Show inszeniert, bei der am Ende das Voting über Tod oder Leben entscheidet. Mondtags konsumkritisches Luxusmarken-Bashing wirkt dagegen aufgesetzt und hat mit der eigentlichen Handlung nichts zu tun. Dazu kommt, dass Personenregie nur in Spurenelementen auszunehmen ist.
Mondtags Glück ist, dass der (inklusive Pause) zweieinhalbstündige Abend auf der musikalischen Seite viele große Pluspunkte aufweist. Die Musik des 24-jährigen Georges Bizet ist bereits außerordentlich, melodisch, ja einschmeichelnd. Dirigent Daniele Rustioni legt dem Staatsopernorchester bei seinem Hausdebüt keinerlei Zügel an - was vor allem dem blendend einstudierten Chor zugute kommt.
Kristina Mkhitaryan und Ludovic Tézier gefeiert
Zwei der vier Solisten können da nicht nur intensitäts-, sondern auch lautstärkenmäßig mithalten. Die Sopranistin Kristina Mkhitaryan begeistert als verliebte und am Ende zum Opfer bereite Priesterin Leila nicht nur in den Spitzentönen, Ludovic Tézier, der mit mächtigem Bariton seinen Zurga ganz unforciert mit Autorität und Selbstzweifeln ausstattet, wird zurecht gefeiert. Gegen diese beiden wirkt der Dritte im Bunde, der elegante Tenor Juan Diego Flórez, als um die Gunst der Priesterin siegreicher Rivale geradezu filigran. Solide: der bulgarische Bass Ivo Stanchev als Nourabad.
Großen Premierenjubel gab's für die Solisten, den Dirigenten, Chor und Orchester, gleichermaßen Buhs und Bravos für Ersan Mondtag. Die gefischte Perle hat eine weniger glänzende Fassung erhalten als erhofft. Doch das echte Schmuckstück wartet noch. Der Ring muss erst geschmiedet werden.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - "Les pêcheurs de perles" von Georges Bizet (Musik) und Eugene Cormon und Michel Carré (Libretto), Aufführung in französischer Sprache an der Wiener Staatsoper, Inszenierung, Bühne & Kostüme: Ersan Mondtag, Musikalische Leitung: Daniele Rustioni, Mit: Kristina Mkhitaryan - Leila, Juan Diego Flórez - Nadir, Ludovic Tézier - Zurga, Ivo Stanchev - Nourabad, Orchester und Chor der Wiener Staatsoper. Weitere Aufführungen: 17., 20., 23., 26., 29.5., 19., 22., 25.12., www.staatsoper.at )






