"Tanzende Idioten": Erstes Highlight der Wiener Festwochen

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Ursina Lardi und Sebastian Blomberg harmonieren als Mensch und Tier

Bild: APA/APA/Festwochen/Armin Smailovic


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Wenn das Bühnenbild krachend aus dem Schnürboden fällt, ein Gabelstapler als Mondrakete dient und ein Schauspieler derart in der Rolle eines Katers aufgeht, dass man seine Menschlichkeit nach wenigen Minuten vergisst, hat man es mit einem besonderen Theaterabend zu tun. Mit der internationalen Koproduktion "Tanzende Idioten" ist der deutsche Regisseur Thorsten Lensing erstmals bei den Wiener Festwochen zu Gast und wurde am Sonntag im Akademietheater zu Recht gefeiert.

Mit Sebastian Blomberg als liebesbedürftiger Kater mit feinen Antennen für drohendes Unheil, Ursina Lardi als eine mit unverbrüchlichem Optimismus gegen ihre unheilbare Krankheit ankämpfende Goldie und André Jung als deren rüstiger, abenteuerlustiger Vater Tony stehen drei Schauspieler auf der Bühne, die hierzulande schon 2022 bei den Salzburger Festspielen in Lensings "Verrückt nach Trost" begeistert haben. Mit Karin Neuhäuser als Tonys neuer Liebschaft steht den dreien in "Tanzende Idioten" eine kongeniale Spielpartnerin zur Seite.

Zwischen Bau- und Fischmarkt

Aber zurück zum Anfang: Mit einem höllischen Krachen, das im Foyer bereits als Triggerwarnung angekündigt wurde, donnern zwei Dutzend Holzbretter aus dem Schnürboden. Sofort breitet sich im Zuschauerraum der Geruch von Baumarkt aus. Vom Lärm irritiert, aber vom ebenfalls von der Decke gesegelten Päckchen angelockt, schleicht Blomberg auf die Bühne, löst die Schnüre und schält aus dem Zeitungspapier einen großen, ganzen Fisch, den er genüsslich zu verspeisen beginnt. Hinter dem Bretterhaufen taucht ein Gabelstapler auf, auf dem Goldie thront. Sie steht am Ende ihres jungen Lebens, ihr Körper gehorcht ihr nicht mehr. Um sich abzulenken, hat sie beschlossen, ihr Haus zu renovieren. Von hoch oben gibt sie den Arbeitern (Benjamin Eggers-Domsky und Willi Kellers) Anweisungen. Und so entsteht im Bühnenhintergrund flugs eine Holzwand.

Mit welcher Körperbeherrschung Ursina Lardi sich immer wieder vom Gabelstapler gleiten lässt, um sich aufgrund ihrer versagenden Beinmuskulatur kriechend fortzubewegen, ist ebenso bemerkenswert wie jene Energie, die sie ihrem drohenden Verschwinden aus dieser Welt entgegensetzt. Kater Blomberg holt sich bei seiner Herrin ausführliche Streicheleinheiten, auch er spürt den nahenden Verlust. Doch die Zweisamkeit hält nur kurz, stattet Goldies Vater dem Haushalt doch einen Überraschungsbesuch ab, um das Wohnmobil auf der Durchreise aufzuladen. Im Schlepptau hat er seine neue Freundin, die der Flasche nicht abgeneigte, rasselnd hustende Vivian Phoenix (Neuhäuser), die eigentlich anders heißt, sich jedoch einfach selbst umgetauft hat.

Ein Kanu im Wohnzimmer und eine Kamera am Mond

Das verliebte Seniorenpaar, das sein Doppelkanu zwecks Trockentraining ins Wohnzimmer schleift, hat nur wenig Verständnis für die kranke, immobile Tochter, die dank ihrer Medikamente auch mal so tief schläft, dass sie ihren Puls fühlen: "Lebt noch!". Tot sind hingegen jene Hasenbabys, die Vivian beim Ausnehmen eines überfahrenen Hasen aus dessen Bauch gezogen und in ihren Pulli gesteckt hat, um sie später mithilfe einer mit Milch und Zucker gefüllten Spritze selbst aufzuziehen. Es ist nur eine der zahlreichen völlig entrückten Szenen, die dieser fast dreistündige Abend (inklusive einer Pause) zu bieten hat.

Auf der Suche nach dem letzten Glück reisen die in einem silbernen Raumanzug steckende Goldie und ihr Kater, der sich in Neil Armstrong verwandelt hat, schließlich zum Mond. Für jene Szene hat Lensing, der den Abend aus drei Texten des 2017 verstorbenen US-Autors Denis Johnson gebaut hat, Originalzitate der NASA-Apollo-Missionen verwendet. Es ist herrlich anzusehen, wie Lardi und Blomberg gegen die Schwerelosigkeit ankämpfen und sich ärgern, dass die mitgebrachte Filmkamera in diesem entscheidenden Moment nicht funktionieren will. Zurück auf der Erde versammelt sich die schräge Familie in Badeanzügen in einer Plexiglas-Sauna, in der Eggers-Domsky als gestrenger Saunameister die Hitze verteilt, während Willi Kellers auf seinem halbnackten Körper den Beat vorgibt, der schließlich mit einer Trommel und einem auf die Bühne geschobenen Schlagzeug in immer wildere Sphären vordringt.

Lensing hat einen todtraurigen und zugleich urkomischen, mit ungewöhnlichen Bildern bestückten Theaterabend geschaffen, um die existenziellen Fragen von Liebe, Leben und Tod zu verhandeln. Ein höchst leidenschaftliches Aufbäumen gegen das Schicksal, das den Raum für die Fantasie weit aufmacht. Lang anhaltender Jubel über das erste wirkliche Highlight dieser noch jungen Festwochen beendete den schweißtreibenden Abend.

(Von Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - "Tanzende Idioten" von Thorsten Lensing mit Texten von Denis Johnson und Originalzitaten der NASA-Apollo-Missionen zum Mond im Akademietheater. Koproduktion der Wiener Festwochen mit u.a. den Berliner Festspielen. Regie: Thorsten Lensing, Bühne: Gordian Blumenthal und Ramun Capaul, Kostüm: Anette Guther und Nuria Heyck. Mit Sebastian Blomberg, Benjamin Eggers-Domsky, André Jung, Ursina Lardi, Karin Neuhäuser und Willi Kellers. Weitere Termine: 18., 19. und 20. Mai. www.festwochen.at )

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