Tschechen und Deutsche erinnern an Opfer von Vertreibungen

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von Agenturen

Proteste gegen Versöhnungsmarsch in Brno

Bild: APA/APA/AFP/RADEK MICA


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Deutsche und Tschechen haben am Samstag gemeinsam der Opfer der Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg in der Tschechischen Republik gedacht. Rund 1.300 Menschen nahmen nach Angaben der Veranstalter an einem Versöhnungsmarsch teil, der am Ort eines Massengrabs in Pohořelice, rund 25 Kilometer südlich von Brünn (Brno), begann. Überschattet wurde die Veranstaltung von Gegenprotesten.

"Die Gräber, an denen wir heute symbolisch stehen, sind Zeugen tiefen Leids", sagte der angereiste deutsche Innenminister Alexander Dobrindt. Der CSU-Politiker lobte die Initiatoren der Veranstaltung vom Dialogfestival "Meeting Brno": "Ihr seid wahre Brückenbauer", betonte der 55-Jährige. Versöhnung brauche Mut und die Bereitschaft, zuzuhören. Es gehe nicht darum, Schuld gegeneinander aufzurechnen. "Die europäische Freundschaft ist das Bollwerk gegen jeden neuen Nationalismus", betonte Dobrindt.

Die Veranstaltung wurde aber auch von Gegenprotesten gestört. Demonstranten hielten Schilder in die Höhe, auf denen vor allem die deutschsprachigen Teilnehmer beschimpft wurden. Die Polizei war unter anderem mit einem Anti-Konflikt-Team vor Ort. Ein Gedenkstein am Massengrab wurde von unbekannten Tätern mit Hakenkreuz-Schmierereien verschandelt.

Erster Sudetendeutscher Tag in Brünn

Das Dialogfestival "Meeting Brno" hat in diesem Jahr die Sudetendeutsche Landsmannschaft in die zweitgrößte tschechische Stadt eingeladen. Der Vertriebenenverband veranstaltet sein Pfingsttreffen, den Sudetendeutschen Tag, erstmals in Tschechien. Die Vertreibung sei Unrecht gewesen, "wie jede Kollektivschuld", sagte der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, in Pohořelice. Er rief dazu auf, daraus Lehren zu ziehen und einer Zukunft der Menschenrechte und der Freiheit den Weg zu bereiten.

Tschechische Regierungsmitglieder blieben der Gedenkveranstaltung fern. Das Abgeordnetenhaus hatte sich in einer Entschließung mehrheitlich gegen die Abhaltung des Sudetendeutschen Tags in Tschechien ausgesprochen.

Weg in umgekehrter Richtung

Der Versöhnungsmarsch, auf Tschechisch Versöhnungs-Pilgerweg (Pouť smíření) genannt, folgt in umgekehrter Richtung dem sogenannten "Brünner Todesmarsch": Im Mai 1945 wurden rund 27.000 deutschsprachige Bewohner Brünns zur österreichischen Grenze getrieben. Mehr als 2.000 Menschen, überwiegend Frauen, Kinder und Ältere, überlebten die Strapazen nicht. Manche Schätzungen sprechen sogar von mehr als 5.000 Toten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Schrecken der nationalsozialistischen Besatzung wurden insgesamt rund drei Millionen sogenannte Sudetendeutsche aus der damaligen Tschechoslowakei vertrieben. Die meisten fanden in Österreich und Deutschland eine neue Heimat.

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Miloš Zeman störte Aussöhnung nachhaltig

Der damalige Premierminister und spätere Präsident Tschechiens, Miloš Zeman, störte 2002 in einem Interview für das Nachrichtenmagazin "profil" die deutsch-tschechische Aussöhnung nachhaltig. Darin bezeichnete er die Sudetendeutschen als "5. Kolonne Hitlers". Er erklärte zudem, ihre Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg sei milder als die Todesstrafe gewesen, die den Sudetendeutschen nach damaligem Recht eigentlich gedroht hätte.

Wörtlich sagte Zeman damals: "Aber vergessen Sie auch nicht, dass diese Sudetendeutschen vor dem Überfall Hitlers tschechoslowakische Staatsbürger waren. Nach dem tschechischen Recht haben viele von ihnen Landesverrat begangen, ein Verbrechen, das nach dem damaligen Recht durch die Todesstrafe geahndet wurde. Auch in Friedenszeiten. Wenn sie also vertrieben oder transferiert worden sind, war das milder als die Todesstrafe."

Der Wirbel darüber war vor allem in Deutschland sehr groß. Alle großen Tageszeitungen und TV-Stationen berichteten über Zemans Aussagen. Der Bundestag in Berlin hielt eine "Aktuelle Stunde" dazu ab. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sagte seinen Besuch in Prag im Rahmen der tschechisch-deutschen Versöhnung ab. Der deutsche EU-Kommissar Günter Verheugen, der für die Erweiterung der EU zuständig war, kritisierte Zeman, wonach sich die Deutschen von einem Politiker eines Beitrittskandidaten nicht "verhöhnen" lassen müssten.

Beneš-Dekrete spielten auch bei Präsidentenwahl 2013 entscheidende Rolle

Auch bei den Wahlen zum Staatspräsidenten Tschechiens 2013 spielten die Sudetendeutschen eine laut Meinungsforschern möglicherweise entscheidende Rolle. Zeman besiegte seinen Rivalen, Außenminister Karel Schwarzenberg, der zuvor in einer TV-Debatte eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Vertreibung der drei Millionen Sudetendeutschen gemäß den Beneš-Dekreten gefordert hatte.

Die Beneš-Dekrete sind eine Sammlung von 143 Gesetzen und Verordnungen der tschechoslowakischen Exilregierung unter Präsident Edvard Beneš (1940-1945). Sie legitimierten nach dem Zweiten Weltkrieg die Enteignung und Vertreibung der deutsch- und ungarischsprachigen Minderheit sowie die Konfiszierung ihres Vermögens.

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