Wiener Psychiater Psota warnt vor Systemkollaps

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von Agenturen

Massive Investitionen in Prävention und Versorgung notwendig

Bild: APA/APA/GEORG HOCHMUTH/GEORG HOCHMUTH


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Bei der aktuellen Bevölkerungsentwicklung hat Österreichs Gesellschaft ohne langfristig massive Förderung der psychischen Gesundheit wenig Überlebenschancen. "Die meiste gesunde Lebenszeit geht durch psychische Erkrankungen verloren. Gleichzeitig wächst die Zahl der Demenzkranken dramatisch", warnte jetzt der Wiener Psychiater Georg Psota, langjähriger Leiter der Psychosozialen Dienste, im Gespräch mit der APA.

"Ich frage mich, ob Politik und Gesellschaft wirklich übersehen, wie miserabel wir in den westlichen Industriestaaten im Hinblick auf die psychische Gesundheit beisammen sind. Für die Industriestaaten, auch Österreich ist noch einer, haben internationale Experten die führenden Ursachen für die Krankheitslast, also für die verlorenen gesunden Lebensjahre, für die Jahre 2015 und 2030 errechnet. An erster Stelle sind zu beiden Zeitpunkten die Depressionen. 2030 folgt dann mit Abstand Diabetes mellitus. Dann kommen schon Morbus Alzheimer und andere Formen der Demenz. An vierter Stelle sind die koronaren Herzerkrankungen und an fünfter Stelle bereits die Alkoholerkrankung und andere Süchte", sagte Psota.

Auch wirtschaftlicher Faktor

Gesellschaft und Politik aber würden ständig darüber hinwegschauen. "Und dabei werden psychische Erkrankungen, die Erkrankten selbst und die Behandler weiterhin stigmatisiert", kritisierte der Experte.

Psota begrüßt die seit Jänner dieses Jahres angebotenen Kontingente für klinisch-psychologische Therapien auf Kassenkosten. "Wir benötigen aber jedenfalls langfristig einen massiven Ausbau, was erreichbare Angebote für Prävention, Diagnose und Therapie angeht. Da geht es auch um die Psychiatrie, die derzeit in Österreich von Defiziten und Einschränkungen statt von einem Ausbau betroffen ist."

Das alles treffe auf eine Bevölkerung, in der permanent viele Menschen psychische Leiden aufwiesen, die sie an der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben hinderten. "Jemand mit Depressionen kann weder im Berufsleben produzieren noch entsprechend konsumieren. Beides wird aber in unserer heutigen Zeit gebraucht."

"Volksleiden"

Vor kurzem erst hat Psota bei einer Pressekonferenz der Praevenire-Gesundheitsinitiative Zahlen aus der ersten umfassenden wissenschaftlichen Untersuchung zur Häufigkeit psychischer Erkrankungen in Österreich des Wiener Sozialpsychiaters Johannes Wancata präsentiert: "Innerhalb eines Jahres haben 20,3 Prozent der Männer und 25,1 Prozent der Frauen eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung. Das sind 22,7 Prozent der gesamten Bevölkerung, also fast ein Viertel."

Die Studie wurde noch vor Covid-19 durchgeführt. Es gibt viele Hinweise, dass die psychische Gesundheit vieler Menschen durch die Pandemie erst recht beeinträchtigt worden ist. Doch schon Wancata hatte mit seinem Team erhoben, dass innerhalb eines Monats fast zehn Prozent der Österreicher behandlungsbedürftige Angst-, Zwangs- oder psychosomatische Störungen aufweisen. Die Häufigkeit von Depressionen und ähnlichen Erkrankungen reicht ebenfalls an die zehn Prozent heran.

"Psychische Erkrankungen sind keine Rarität. Kinder sterben heute nur noch selten an Tumoren. Die häufigste Todesursache zwischen zwölf und 18 Jahren ist der Suizid. Die höchste Todesrate diverser Erkrankungen bei den jungen Frauen zwischen 14 und 18 Jahren bewirkt die Anorexie", stellte der langjährige PSD-Chefarzt gegenüber der APA fest.

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Demografische Entwicklung und Demenz

Doch das sprichwörtlich "dicke Ende" in Sachen psychischer Gesundheit und Gesellschaft stehe erst bevor, wenn nicht massiv Gegenmaßnahmen erfolgten, so Psota: "Wir haben eine demografische Bombe vor uns. Ich bin ein Babyboomer. In ein paar Jahren werde ich zu den Gerontoboomern gehören. Dann kommen wir in Österreich auf mehr als eine Million Über-80-Jähriger. In Bundesländern wie der Steiermark wird jeder Dritte oder Vierte über 65 Jahre alt sein."

Die Konsequenz, so der Psychiater: Konservative Berechnungen gingen von einer Zunahme der Demenz-Betroffenen in Österreich zwischen 2020 und 2040 von rund 130.000 Menschen auf 200.000 Personen aus. Neue Prognosen und die steigende Lebenserwartung ließen aber einen Anstieg bis zum Jahr 2040 auf rund 260.000 Demenzkranke wahrscheinlich sein.

"Wer wird diese Menschen pflegen und versorgen?", fragte Psota auch mit Hinblick auf europäische Zahlen. "Vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2050 erhöht sich die Zahl der Demenzpatienten von 7,1 Millionen auf 16,2 Millionen. Gleichzeitig reduziert sich die Zahl der Personen im Erwerbsalter pro einem Demenzkranken von 69,4 zur vergangenen Jahrtausendwende auf 21,1 pro Demenzkranken bis zur Mitte des Jahrhunderts."

Prävention und Versorgung vom Säuglingsalter an

Die einzigen sinnvollen Gegenmaßnahmen können nur massive Investitionen in Prävention und in die Versorgung von Betroffenen sein. "Wir sparen nicht, wir gewinnen, wenn wir hier als Gesellschaft investieren. Ich sehe nicht ein, warum beispielsweise ein Hotelbau als Investition gesehen wird, der Bau eines Spitals aber bloß als Kostenfaktor."

Ansatzpunkt müssten schon Schwangere und die perinatale Versorgung in psychischer Hinsicht von jungen Müttern und deren Kindern sein. "Wenn eine junge Mutter in der Schwangerschaft oder erst recht nach der Schwangerschaft an Depressionen leidet, wird auch der Säugling, das Baby, leiden. Das hat dann ein großes Risikopotential für die Zukunft", erklärte der Experte.

Hälfte der Erkrankungen bei Jugendlichen erkennbar

Hinzu komme das seit langem bekannte Faktum, dass schwere psychiatrische Krankheiten in vielen Fällen keine "Alterskrankheiten" sind. "Psychische Erkrankungen beginnen in der Regel früh. Angsterkrankungen zeigen sich oft schon bei Fünfjährigen mit einem Gipfel um die zehn Jahre", sagte der Psychiater.

Störungen mit Substanzkonsum bzw. Substanzabhängigkeit oder Schizophrenie treten am häufigsten um das 20. Lebensjahr auf, Störungen des Affektsystems mit Depressionen etc. etwa um die 30. Eine Kernaussage aus internationalen Studien: Etwa die Hälfte aller psychischen Erkrankungen, die im Erwachsenenalter beobachtet werden, ist bereits bei den 14-Jährigen erkennbar.

Psota: "Die wichtigste Aufgabe für eine Gesellschaft, die so wenige Kinder hat wie unsere, liegt darin, die Kinder so zu stärken, dass sie sich gut entwickeln und damit Mitglieder der Gesellschaft werden, für die sie selbst wieder etwas einbringen können." Dazu gehöre zuvorderst die Förderung der psychischen Gesundheit.

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