120.000 Menschen kamen zur Eröffnung der Wiener Festwochen
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von AgenturenMenschenmassen vor der Festwochen-Bühne am Heldenplatz
Bild: APA/APA/TOBIAS STEINMAURER/TOBIAS STEINMAURER
Eigentlich hat die Republik der Götter schon vor einer Woche ihren Betrieb aufgenommen. Da aber in der Vorwoche noch der Eurovision Song Contest die Stadt regierte, konnten die Wiener Festwochen ihre "Republic of Gods" - so das Motto der 75. Ausgabe - erst am Freitagabend offiziell ausrufen. 120.000 Besucherinnen und Besucher waren laut Veranstalter gekommen, um am Heldenplatz eine pralle Eröffnungsshow zwischen Patti, der Punk-Göttin, und Braco, dem "Heiler", zu zelebrieren.
Grundsätzlich ist die traditionelle Homebase für den alljährlichen Festwochen-Kick-off der Rathausplatz. Für die halbrunde Jubiläumsausgabe mussten Intendant Milo Rau und sein Team allerdings auf den geschichts- wie symbolträchtigen Heldenplatz ausweichen. Denn vor der neugotischen Machtzentrale der Kommunalpolitik war bis zum vergangenen Wochenende das ESC-Fan-Village untergebracht. Die Zeit für den nötigen Umbau dort hätte nicht gereicht. Und die Verschiebung um eine Woche nach hinten hatte den zwar nicht planbaren, aber doch äußerst wohltuenden Nebeneffekt, dass das Eröffnungspublikum - anders als die regen- und kältegeplagte Song-Contest-Community in der Vorwoche - mit einem lauschigen Frühsommerabend gesegnet war: Der Wettergott war der "Republic of Gods" wohlgesonnen.
"Patti, the Held:innenplatz is yours!"
Los ging es mit der eigens komponierten Ode "Oh Wien", zu der u.a. der im Lauf des Abends bei vielen Darbietungen mitwirkende Wiener Schmusechor und die speziell zusammengestellte Festivalband mit Fantasiefahnen einzogen und dort bis zum Schluss für eine stets volle Bühne sorgten. Gastgeber Rau begrüßte die Menge zum "Gottesdienst der Kunst" und verwies auf den speziellen Veranstaltungsort, "wo einst Hitler sprach, aber auch die größte Demo gegen Rechts stattfand", um dann den größten Star des Abends anzusagen: "Patti, the Held:innenplatz is yours!"
Auftritt Patti Smith also. Es war sowieso eine Art Wiener Festwoche für die US-Musikikone. Nach Auftritten im kleinen Theater Akzent am Dienstag und in der Arena am Donnerstag machte die inzwischen 79-Jährige das Triple nun voll. Neben den immer noch mit beeindruckend kraftvoller Stimme intonierten Evergreens "People Have The Power" und "Because The Night" sang Smith - gerne als "Godmother of Punk" apostrophiert - auch "Peaceable Kingdom", das sie 2003 für die Palästinenser geschrieben habe, wie sie sagte. Sie widme diesen Song "allen Kindern, die unter Krieg, Hunger, Armut und Gewalt leiden".
Bach in Gabber-Version und der "gebende Blick"
Musikalisch gestaltete sich das Programm unter der Leitung von Herwig Zamernik alias Fuzzman als gewohnt bunter Stilmix. Solider Pop der deutschen Singer-Songwriterin Lara Hulo traf da auf kraftvollen Rap der in Tirol aufgewachsenen Musikerin Nenda, die sich den FM4-Award bei den diesjährigen Amadeus Austrian Music Awards sichern konnte. Indie-Rock des international erfolgreichen burgenländischen Duos Cari Cari samt Riesengong und Didgeridoo hatten genauso Platz wie der mit einem Blumendiadem geschmückte Countertenor Steve Katona. Letzter gab die Händel-Arie "Lascia ch'io pianga" aus der Oper "Rinaldo" zum Besten, nachdem eine halbe Stunde davor der Künstler Hänsel - "DJ, take us to church" - eine wild pulsierende Gabber-Version von Bachs "Gloria in excelsis deo" in den Nachthimmel geballert hatte.
Und dann war da noch Braco - jener kroatische Esoteriker, der durch seinen "gebenden Blick" zu Geld und Berühmtheit gekommen ist. Auf Einladung von Rau sollte der eigentlich Josip Grbavac heißende Mann anlässlich des Festwochen-Jubiläums "eine Sekunde Liebe für jedes Jahr" spenden. Braco betrat also die Bühne, starrte 75 Sekunden lang - sein Gesicht in Großaufnahme auf den Videowänden - regungslos ins Publikum und ging wieder ab. Eine - je nach Geschmack - belustigende bis befremdliche, jedenfalls aber bemerkenswerte Einlage.
Dann schon lieber übersinnlicher Hokuspokus der Marke Witch Club Satan. Die norwegische Frauen-Black-Metal-Band beschwor kreidebleich geschminkt, weiß gewandet und mit ebenso weißen Satanshörnern auf den Häuptern die dunklen Mächte und lehrte der Menge das Gruseln.
Ernste Zwischentöne im bunten Musikreigen
Aber alles nebensächlich, wenn man an den echten Horror in der Welt denkt. Auch der kam während des rund eineinhalbstündigen Events zur Sprache. Shoura Zehetner-Hashemi, gebürtige Iranerin und Generalsekretärin von Amnesty International Österreich, sprach über die religiös motivierten Repressionen in ihrem Herkunftsland, bevor Vazista ihr berührendes Lied "Motherland" dem "stolzen Volk des Iran" widmete. Besonders eindringlich war der Auftritt eines ukrainischen Frauentrios, das zu den Tönen eines über eine echte russische Rakete gestrichenen Bogens atonalen Gesang anstimmte, der nach Wehklagen ebenso klang wie nach heulenden Sirenen. "Der Kampf um die Freiheit ist leider kein Festival, sondern etwas Physisches. Wir verteidigen die Freiheit mit unseren Körpern", holte Sängerin Marichka Shtyrbulova den Ukraine-Krieg in die Festwochen-Eröffnung.
Da hörte der oder die eine oder andere vielleicht ein bisschen genauer hin, wenn alle Mitwirkenden gleich im Anschluss und damit zum Abschluss den, in der Ära Rau zur Festwochen-Hymne gewordenen, Fuzzman-Song "Steht auf steht auf" intonierten, in der die freie Welt hochgehalten wird. Und man erinnerte sich vielleicht an den Appell von Patti Smith, bevor sie von der Bühne ging: "Use your voice!"
(Von Thomas Rieder/APA)
(S E R V I C E - https://www.festwochen.at/ )
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