"andererseits"-Journalistin: Journalismus nicht barrierefrei

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von Agenturen

Sandra Schmidhofer (oberste Reihe links) ist Teil von "andererseits"

Bild: APA/APA/andererseits


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Über 500 neue Mitglieder hat das inklusive Medium "andererseits" seit Anfang Mai mit einer Kampagne schon gewonnen. Das sind aber nicht genug, um den Betrieb nach Auslauf einer Förderung nachhaltig zu finanzieren und die zwölf Mitarbeiter weiterhin bezahlen zu können. Sandra Schmidhofer ist eine der Journalistinnen des jungen Medienhauses. Sie hat eine Sehbehinderung und erklärt im APA-Gespräch, was "andererseits" für sie und die Leserinnen und Leser so besonders macht.

"Bei 'andererseits' habe ich erstmals eine Redaktion gefunden, in der man offen mit dem Thema Behinderung umgeht. Das war davor bei den Praktika, die ich gemacht habe, nicht der Fall. Ich hatte das Gefühl, ich kann schon da sein, aber ich muss eben trotzdem abliefern wie alle anderen auch. Wenn das für mich schwieriger ist, muss ich mich selbst darum kümmern, dass ich es trotzdem schaffe", schildert sie aus ihrer Anfangszeit im Journalismus vor fünf Jahren. Erst bei 'andererseits' sei sie das erste Mal gefragt worden, was sie eigentlich brauche und wie man Strukturen schaffen könne, damit die Arbeit gut klappt.

Inklusion und Behinderungen ernst nehmen

Zunächst war sie ehrenamtlich für das inklusive Medium, das Menschen mit und ohne Behinderung beschäftigt, tätig. Später wurde sie geringfügig beschäftigt, verließ den Journalismus aber schweren Herzens bald, da die zusätzliche Arbeit als freie Journalistin hart gewesen sei. "Im freien Journalismus ist es generell schwierig, an genug Aufträge zu kommen. Aber auch die Struktur und Erwartungshaltung sind überhaupt nicht daran angepasst, dass auch Menschen mit Behinderungen als freie Journalisten arbeiten", so Schmidhofer.

Dank einer Förderung für "andererseits" wurde die 31-Jährige vor einem Jahr Teilzeit angestellt. "Wenn wir unser Aboziel - 7.000 Mitglieder - nicht erreichen, müssen wir einsparen. Je nachdem, wie weit wir davon entfernt sind, kann es sein, dass wir Jobs kürzen müssen", erklärt Schmidhofer. Was "andererseits" hervorhebe sei, dass man die wichtige Aufgabe von Journalismus, abzubilden, was in der Gesellschaft passiert und Informationen zugänglich zu machen, mit Blick auf den Themenbereich Inklusion und Behinderungen ernst nehme.

Schicksals- oder Heldinnengeschichten

"Da nur wenige Journalistinnen und Journalisten mit Behinderung tätig sein können, schafft es der Journalismus nicht gut genug, Perspektiven von Menschen mit Behinderungen authentisch abzubilden. Behinderungen werden sehr oft in ähnlichen Kontexten gezeigt: als Schicksalsgeschichten oder Heldinnengeschichten", so Schmidhofer. Die großen Missstände beim Thema Inklusion würden dagegen viel zu selten beleuchtet.

Zudem werde Journalismus viel zu selten barrierefrei zur Verfügung gestellt, merkt sie an. "Ganz oft ist Journalismus in schwieriger Sprache. Das machen wir anders - nämlich in einfacher und leichter Sprache. Wir achten auch darauf, dass unsere Inhalte für Menschen mit Seh- und Hörbehinderungen zugänglich sind", sagt die Journalistin.

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Themen "für eine große Gruppe von Menschen relevant"

Als wichtige "andererseits"-Recherche greift Schmidhofer jene heraus, in der aufgezeigt worden sei, dass Sterilisationen bei Menschen mit Behinderungen nach wie vor oft ohne klare Einwilligung der Betroffenen vollzogen werden. Viele Medien hätten die Problematik in der Folge aufgegriffen. "Gerade in der Anfangszeit mussten wir uns oft anhören, dass wir ein Nischenmedium sind und dass Behinderung doch kaum jemanden betreffen würde", erinnert sich Schmidhofer und hält dagegen, dass die meisten Behinderungen erst im Laufe des Lebens auftreten. "Menschen mit Behinderung sind eine der wenigen marginalisierten Gruppen, zu der früher oder später jeder gehören kann. Unsere Themen sind für eine große Gruppe von Menschen relevant", ist sie überzeugt.

"Die Hälfte von unserem Team lebt mit Behinderungen - Lernschwierigkeiten, Sehbehinderungen, chronischen Erkrankungen", sagt Schmidhofer und verweist auf sehr unterschiedliche Bedürfnisse und Arbeitsweisen, die damit einhergehen würden. "Wenn die Bereitschaft da ist, das ernst zu nehmen, funktioniert die Integration auch im Journalismus", sagt sie. Wenn es "andererseits" nicht mehr geben würde, stünde sie erneut vor der Entscheidung, den Journalismus zu verlassen. Denn: "Für mich hat es zumindest bisher keine Möglichkeit bei anderen Medienhäusern gegeben, die Arbeit so zu machen, dass es mir davon nicht körperlich und mental schlechter geht." Dass sich die Strukturen auch bei klassischen Medienhäusern in absehbarer Zeit ändern werden, glaubt sie nicht.

"Es wurde immer wieder anerkannt, dass unsere Arbeit wichtig ist", erinnert Schmidhofer an Auszeichnungen wie den Prälat-Leopold-Ungar-Preis oder den Concordia-Preis in der Kategorie Menschenrechte. Um diese auch weiterhin leisten zu können, müssten aber nun weitere Leserinnen und Leser davon überzeugt werden, ein Abo abzuschließen, das ab neun Euro pro Monat neben einem Newsletter auch ein sechsmal jährlich erscheinendes Magazin umfasst.

(S E R V I C E - www.andererseits.org )

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