Bronski & Grünberg zeigt "Der Idiot" als rasante Küchenparty

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Feuchtfröhliche Emanzipationsgeschichte

Bild: APA/APA/Bronski&Grünberg/Philine Hofmann


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Wie verwegen kann der Zugriff auf einen Stoff sein? Und wie weit kann man dabei althergebrachte Perspektiven verschieben? Sehenswerte Antworten auf diese Fragen liefert das Wiener Bronski & Grünberg Theater seit mehreren Jahren höchst erfolgreich mit Klassikerbearbeitungen wie etwa "Effi Briest" oder "Romeo und Julia". Nun hat man sich Dostojewskis "Der Idiot" vorgeknöpft und eine leichtfüßige, hinreißende Emanzipationsgeschichte auf die Kleinbühne gebracht.

Vor drei Jahren hat Martina Gredler anhand von "Der weiße Hai" hier in Wien-Alsergrund die Leistungsgesellschaft analysiert, in der jungen Intendanz von Jan Philipp Gloger lieferte sie vergangenen Herbst am Volkstheater mit "The Boys are Kissing" eine queere Komödienoffensive. Nun also "Der Idiot". So herrlich verschroben Simon Bauer den Protagonisten Fürst Lew Myschkin des vor rund 160 Jahren erschienenen Romans mit blonder Langhaarperücke und kleinen Ticks auch gibt, im Zentrum von Gredlers höchst reduzierter Deutung steht eine Frau: Marie Nadja Haller gibt die nicht nur andeutungsweise nymphomanische Nastassja, die in ihrer abgewrackten Küche zur Party lädt. Dort treffen all ihre (potenziellen) Liebhaber auf engstem Raum aufeinander. Dass das nicht gut gehen kann, kann man sich vorstellen.

"Fever" in der Wohnküche

Als wiederkehrendes akustisches Motiv zieht sich eine der zahlreichen "Fever"-Coverversionen durch den Abend, zu dem die Party-People bedeutungsvoll mit den Fingern schnippen, während sich Nastassja wider jede Vernunft an den frisch aus der Schweiz nach Russland zurückgekehrten, von allen belächelten Fürst Myschkin heranmacht. Da bleiben der hyperaktive Großgrundbesitzer Tozkij (Christian Erdt übt sich in exaltierter Körperarbeit), der von jeglichem Selbstbewusstsein befreite Brautwerber Ganja (Johnny Mhanna) und der schmierige Womanizer und Bonvivant Rogoshin (herrlich dekadent: Sebastian Pass) auf der Strecke. Welche Rolle genau Nastassjas Freundin Aglaja (Adriane Grządziel konversiert hauptsächlich auf Französisch) dabei spielt, wird sich erst am Ende des 70-minütigen Abends herausstellen.

Im klaustrophobischen Küchen-Bühnenbild von Anna Reichmayr bekommt jeder alles mit, kurzzeitige Allianzen zwischen den Geschlechtern bleiben nicht unbemerkt. Zwischendurch unterhält der "Idiot" Myschkin die Gesellschaft mehr schlecht als recht mit verunglückten Post-Sowjet-Witzen, legt schließlich aber einen bemerkenswerten Tango mit seiner Angebeteten hin. Als er dann beiläufig mit der Info rausrückt, dass er bald eine große Erbschaft antritt, scheint endgültig klar, für wen sich Nastassja nun entscheiden wird. Doch das Glück hält nur kurz: Nastassja und Aglaja steigen über den Rahmen der Guckkastenbühne und intonieren die Erkenntnis des Abends: "I don't need a Dictator". Herzlicher Applaus für einen kurzweiligen Abend, der einfach alle Männer als Idioten dastehen lässt.

(Von Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - "Der Idiot" frei nach Dostojewski im Bronski & Grünberg, Regie: Martina Gredler, Kostüme: Lejla Ganic, Bühne: Anna Reichmayr. Mit Simon Bauer, Marie Nadja Haller, Adriane Grządziel, Sebastian Pass, Johnny Mhanna und Christian Erdt. Weitere Termine: 10., 12. und 20. Mai, jeweils um 20.30 Uhr. www.bronski-gruenberg.at )

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