Erwärmung hat Austro-Klimaszenarien überholt - Update 2027
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von AgenturenDie Alpen sind in Klimamodellen besonders schwierig zu erfassen
Bild: APA/APA/THEMENBILD/BARBARA GINDL
Die vom Klimawandel geprägte Realität hat auch pessimistische Prognosen der vergangenen Jahrzehnte überboten - im negativen Sinn. Das gilt auch für die Österreichischen Klimaszenarien 2015 (ÖKS15): Mehr als zehn Jahre später liegt die Erwärmung bis zu ein Grad Celsius höher als im Vergleich zu 1971 bis 2000. Am Update der ursprünglich für heuer geplanten ÖKS26 wird weiter gefeilt. Kommen werden sie aber erst 2027. Kürzungen in Klimaforschungsbudgets werfen Fragen auf.
Federführend betreut und koordiniert wird die komplexe Umsetzung der umfassenden Klimaprojektionen von Theresa Schellander-Gorgas und Matthias Themeßl von Geosphere Austria. Mit an Bord sind Vertreter zahlreicher Universitäten und Forschungseinrichtungen, gewissermaßen das Dach dafür bildet der österreichische Klimaforschungsverbund Climate Change Centre Austria (CCCA), wie Schellander-Gorgas der APA am Rande des "26. Österreichischen Klimatages" in der Vorwoche in Wien erklärte. Im Kern geht es darum, großflächigere Welt- und Europadaten auf die komplexe Situation in Österreich mit seiner abwechslungsreichen, gebirgigen Topografie herunterzubrechen.
Europa-Daten für Alpenraum zu grob
Die Basis dafür sind Informationen von der Europäischen Initiative EURO-CORDEX (Coordinated Downscaling Experiment for Europe), die Klimadaten des Weltklimaforschungs-Programms (WCPR), auf die sich auch der Weltklimarat (IPCC) stützt, vom globalen Level auf Europa herunterrechnet. Dann geht es darum, all das noch für Österreich auf eine kleinräumige Auflösung von rund ein mal ein Kilometer zu verdichten. Da sich die EURO-CORDEX-Auswertungen verzögern, geht sich der hierzulande angepeilte Termin 2026 nicht aus, wie Schellander-Gorgas erklärte.
Die europäischen Simulationen arbeiten in 12,5-Kilometer-Rastern. "Das ist für den Alpenraum viel zu grob", so die Wissenschafterin. Über ausgeklügelte statistische Methoden und im Abgleich mit den langjährigen Messreihen aus ganz Österreich kann man sozusagen ein deutlich schärferes Bild der wahrscheinlichen klimatischen Veränderung bis zum Jahr 2100 zeichnen - die europaweiten Basisdaten brauche man aber trotzdem.
Mehr Augenmerk auf Einfluss der Luftreinheit
Um dann tatsächlich all die "Produkte" bereitzustellen, die Wissenschafter, politische Entscheidungsträger von der Bundesebene bis zu den Gemeinden, aber auch Unternehmen für ihre Überlegungen nutzen können und sollten, habe man sich dazu entschlossen, die ÖKS26 erst 2027 vorzulegen. Geliefert werden dann Projektionen zur lokalen Temperatur-, Niederschlags- oder Feuchtigkeitsentwicklung. Das leisteten auch die Klimaszenarien aus dem Jahr 2015, aber eben mittlerweile mit erheblicher Unschärfe.
Neben der Tatsache, dass die Klimamodelle seither stark verbessert wurden, ist es unter anderem das Unterschätzen des Einflusses der winzigen Schwebestoffe in der Atmosphäre (Aerosole), das wiederum zum Unterschätzen der Beschleunigung der Erderhitzung geführt hat. Dass sich die durchschnittliche Erwärmung seit den 1980er-Jahren rascher vollzieht als gedacht, liegt paradoxerweise auch an der im Schnitt saubereren Luft heute. Und: Gerade im Alpenraum nahmen und nehmen die Temperaturen besonders stark zu. Die neuen europäischen Berechnungen bilden die Veränderungen bei den Aerosolen nun ab, betonte Schellander-Gorgas, und liefern jetzt passendere Ergebnisse, die freilich auch ein ganzes Stück weit beunruhigender zu lesen sind.
Paradoxon in Klimapolitik und -kommunikation
Das unterstreiche abermals, wie intensiv man sich mit der Anpassung an den Klimawandel und Klimaschutz auseinandersetzen sollte, betonte Matthias Themeßl. Die Nachfrage nach den neuen Projektionen sei sehr groß, so die Geosphere-Forschenden: So zum Beispiel unter Firmen, die wissen wollen, wie der Klimawandel ihre Lieferketten beeinflussen könnte oder bei Gemeinden, Städten bzw. Privatpersonen, die über erneuerbare Energie produzierende Anlagen sowie Schäden an der Infrastruktur nachdenken, bzw. unter Land- und Forstwirten, die ihre Aktivitäten mittel- und längerfristig planen. "Es ist ein bisschen paradox, einerseits hat man das Gefühl, dass rein politisch das Thema Klima und Klimawandel zurückgefahren wurde. Andererseits beziehen aber Menschen, die trotzdem risikoreiche Entscheidungen treffen müssen, sehr wohl das Klimarisiko in ihr Kalkül mit ein", so Schellander-Gorgas.
In einer "idealen Welt" würden auf Basis der neuen Szenarien dann auch "Handlungen gesetzt" und "informierte Entscheidungen getroffen, sagte Themeßl. Auf vielen politischen Ebenen sei man hier schon gut vernetzt. Kürzlich hatte man aber auch Gespräche mit Leuten, die etwa an einer Neufassung von Baunormen oder Arbeitsschutzgesetzen arbeiten. Es gehe darum, dass die Erkenntnis durchsickert, dass sich die Realitäten in vielen Bereichen ändern werden und dass zur Anpassung deutlich weniger Zeit bleibt, als viele glauben. Eben das zeigen auch die neuen Daten: "Wir überschreiten heute schon damalige Worst-Case-Szenarien."
Experten wollen Ergebnisse möglichst intuitiv darstellen
Damit die Erkenntnisse bei den Menschen ankommen, die sich auf den Wandel vorbereiten müssen, plant man einen intuitiv zu bedienenden "Web-Explorer", über den die Szenarien regional heruntergebrochen werden. Will dann jemand beispielsweise wissen, wie sich der Niederschlag, die Zahl der Hitzetage oder jene mit Schneebedeckung an seinem Wohnort bis zum Jahr 2040-2060 oder 2080-2100 entwickeln dürften, soll das auf einfache Weise möglich sein. Darüber hinaus wird es einen Zugang zu den dahinterliegenden Daten für Spezialisten aller Art geben.
"Für weiterführende zielgruppengerichtete Öffentlichkeitsarbeitsinitiativen oder Infomaterialien haben wir aber noch keine Finanzierung", betonte Schellander-Gorgas. Das liege an den massiven Kürzungen der Förderungen für Klimawandelforschung, die über den Klima- und Energiefonds vergeben werden. Den Wissenschaftern bleibt die Hoffnung, dass sich noch Geldgeber, wie etwa Ministerien oder Firmen, für die Projekte finden, die beim breiten Ausrollen der Erkenntnisse in Richtung Laien helfen sollen.
Forschung als Partner für tiefgreifende Veränderung
Klar sei aber auch, dass das Projekt "Klimaszenarien" nicht mit dem kommenden Jahr abgeschlossen ist. Dementsprechend werde man weiter informieren, Daten sammeln und berechnen. Nur so könne man echte gesellschaftliche, sozioökonomische und technologische Transformation anstoßen, unterstützen und letztlich auch drohende sehr hohe Kosten durch klimawandelbedingte Schäden vermeiden. Themeßl: "Alle zehn Jahre eine Überarbeitung der Klimaszenarien ist dafür sicher ein zu langer Zeitraum."
(S E R V I C E - https://klimaszenarien.at , https://ccca.ac.at )
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