Freisprüche und Diversionen für sechs Jugendliche in Wien
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von AgenturenDie sechs Burschen stehen zum ersten Mal vor Gericht
Bild: APA/APA/GEORG HOCHMUTH/GEORG HOCHMUTH
Mit Freisprüchen und Diversionen hat ein Prozess gegen sechs Jugendliche am Wiener Landesgericht am Montag geendet. Den Burschen war vorgeworfen worden, einen 20-jährigen mutmaßlichen Drogendealer und dessen damals 14-jährigen Begleiter zusammengeschlagen zu haben. Zudem soll dem heute 15-Jährigen ein Gucci-Gürtel im Wert von 400 Euro abgenommen worden sein. Der Schöffensenat konnte allerdings nicht mehr feststellen, wer genau den Gürtel an sich genommen hatte.
"Es ist Ihnen zugute gekommen, dass Sie sich sehr ähnlich sehen", hielt die Richterin gegenüber einem Brüderpaar fest. Wer von beiden damals im Juli 2025 in Neusiedl am See den Gürtel weggenommen hatte, sei nicht mehr mit Sicherheit feststellbar, erklärte sie. Deswegen wurden alle sechs Angeklagten vom Vorwurf des Raubes freigesprochen. Zusätzlich war den unbescholtenen Burschen im Alter von 15 bis 18 Jahren ein versuchter Raub vorgeworfen worden, da sie dem 20-Jährigen einen Schuh haben wegnehmen wollen, so die Anklage. Auch dieser Vorwurf wurde fallen gelassen.
Was nach Ansicht des Schöffensenats allerdings vorlag, waren versuchte schwere Körperverletzung durch die Angeklagten mit Ausnahme der beiden Geschwister. Der 20-Jährige hatte Prellungen und blaue Flecken erlitten. Der nunmehr 15-Jährige stieß mit dem Kopf gegen eine Betonstiege, was in einer Platzwunde resultierte. Die Rettung musste ihn versorgen. Auch hier war nicht mehr feststellbar, wer welche Schläge und Tritte gesetzt hatte. Die vier Burschen bekannten sich aber grundsätzlich zu den Taten. Ihre Verfahren wurden hinsichtlich der Körperverletzungen diversionell erledigt. Der Staatsanwalt gab allerdings noch keine Erklärung ab. Den vier wurden 50 Stunden gemeinnützige Arbeit auferlegt, die sie innerhalb eines halben Jahres leisten müssen. Der 17-jährige Erstangeklagte musste zudem 100 Euro Pauschalkostenbetrag entrichten. Kommen sie dem nach gelten sie weiterhin als unbescholten. Zuvor hatten die vier dem 20-Jährigen 1.000 Euro symbolisches Schmerzengeld übergeben.
Konflikt nach Drogentod eines Verwandten
Auslöser des Konflikts sei der Drogentod des Cousins des Erstangeklagten gewesen, erläuterten die fünf Verteidiger zu Beginn der Verhandlung. Der Verwandte sei an einer Überdosis Suchtgift gestorben, schilderte der 17-Jährige heute. Dessen angeblichen Drogendealer wollte er zur Rede stellen. Zur Verstärkung nahm er fünf Freunde mit ins Burgenland. "Die wollten das klären, es ist leider dann eskaliert", erläuterte sein Verteidiger. Ein Ermittlungsverfahren gegen den 20-Jährigen bezüglich des Todes des Cousins sei eingestellt worden, hielt die Richterin fest. "Er hat mir geschrieben, dass ich schuld bin am Tod seines Cousins", erinnerte sich der 20-Jährige heute. Später seien dann drei oder vier Burschen auf ihn losgegangen. Sie haben "mich geschlagen, getreten und auf mich gespuckt", führte er aus.
Video zeigt Tritte in Rücken
Auf einem Video, das einer der Angeklagten aufgenommen hat, sind Teile der Geschehnisse zu sehen: Schmerzgekrümmt liegt das Opfer am Boden. Dann tritt ein Angeklagter mehrmals mit seiner Schuhspitze in den Rücken des Jugendlichen und will ihm einen Schuh wegnehmen: "Zieh ihn aus, Bruder", sagte er zu seinen Freunden. Zuvor - ebenfalls auf Video zu sehen - werden dem Burschen "eine Tetschn, ein bisserl mehr als eine Tetschn" gegeben, wie ein Verteidiger es ausdrückte. Der damals 14-jährige Begleiter des 20-Jährigen wurde ebenfalls geschlagen, er stürzte auf den Hinterkopf. Zusätzlich wurde ihm ein Gürtel im Wert von zumindest 400 Euro abgenommen. Deswegen fanden sich die sechs Unbescholtenen heute wegen des Vorwurfs des Raubes und versuchten Raubes im Gerichtssaal wieder, nicht wegen Körperverletzung.
Für Letzteres übernahmen vier der sechs mit Blick auf eine etwaige diversionelle Lösung die Verantwortung: "Das eine hat das andere ergeben, es sind Fäuste geflogen, Körperverletzungen sind passiert", stellte der Verteidiger des 17-jährigen Erstangeklagten fest und fuhr fort: "Ja, er hat ihn geschlagen. Ja, er hat ihn verletzt. Er übernimmt die volle Verantwortung für die Körperverletzungen."
Gucci-Gürtel gegen Schokoriegel getauscht
Den vorgeworfenen Raub und versuchten Raub stritten alle Angeklagten ab. Denn man müsse den Vorsatz haben, das Geraubte auch behalten zu wollen. Den Burschen sei es aber um die Demütigung des mutmaßlichen Dealers und seines Freundes gegangen, so die Verteidigungslinie. Der rund 400 Euro teure Gucci-Gürtel sei für drei Maxi-King-Riegel an einen Unbekannten abgegeben worden, schilderten die Burschen.
Das 20-jährige Opfer soll vor der Eskalation ein Messer gezogen haben und die Uhr und die Kette des 18-jährigen Angeklagten gegen "Gras" habe tauschen wollen, wie dieser aussagte. Als der Bursche nach der Uhr und der Kette gegriffen und nicht abgelassen habe, habe er ausgeholt. "Ich habe ihm den ersten Schlag gegeben, er ist zu Boden gefallen. Ich war in einer Schockstarre", erklärte er. Es tue ihm "unendlich" leid, hatte zuvor sein Anwalt gesagt. Nach dem Vorfall habe der Bursche dem blutenden zweiten Opfer ein neues T-Shirt gegeben, hielt er zugute. "Gewalt ist keine Option, das hat er eingesehen", schloss der Anwalt. Der Angeklagte habe vor der Schlägerei allerdings mit einer Machete "herumgewedelt", erinnerte sich der damals 14-Jährige, dem der Gürtel abgenommen wurde.
Posse um Snapchat
Einer der Angeklagten soll auch ein Video von dem Gürtel mittels des sozialen Mediums Snapchat verschickt haben. Daher war es nicht auf dem Smartphone des 16-Jährigen gespeichert, was die Richterin allerdings nicht glauben wollte: "Der, der den Snap macht, hat das danach im Archiv in seinen Fotos", irrte sie. Der offenbar Snapchat-nutzende Staatsanwalt machte einen Selbsttest, ein Verteidiger fragte gleich die Künstliche Intelligenz ChatGPT nach einer Einschätzung. "Das war vor zehn Jahren anders", räumte die Richterin ihre Fehleinschätzung ein.
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