Fukuyama zur "Presse": "Trump baut geistig eindeutig ab"

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Hat kein Konzept

Bild: APA/APA/AFP/BRENDAN SMIALOWSKI


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"Trump baut geistig eindeutig ab." Das konstatierte der renommierte US-Politologe Francis Fukuyama im "Presse"-Interview über den US-Präsidenten. Außerdem missachte Trump grundlegende Normen und habe kein Konzept für eine globale Ordnung. Für die US-Zwischenwahlen im November sagt Fukuyama eine Niederlage des Republikaners voraus. Die Niederlage Viktor Orbáns sieht er als mögliche Trendwende für Rechtspopulisten in Europa und plädiert für eine Neuausrichtung des Liberalismus.

"Ich glaube nicht, dass es eine bewusste 'Madman'-Strategie ist, sondern tatsächlich der Ausdruck eines Verrückten", meint Fukuyama. Trump verwende gerne extreme Rhetorik und sei völlig unsensibel gegenüber der Bedeutung globaler Übereinkünfte. Seit dem Zweiten Weltkrieg habe niemand davon gesprochen, eine ganze Zivilisation auszulöschen. "Wir verwenden diese Sprache nicht, weil wir gesehen haben, wohin das führt. Aber das kümmert Trump einfach nicht", so Fukuyama.

Der Westen ist für Fukuyama nicht im Niedergang, allerdings sei er "umkämpft". Die westliche Zivilisation sei die der liberalen Aufklärung, entstanden am Ende der europäischen Religionskriege. Sie betone Werte wie Toleranz, Pluralismus, rechtsstaatliche Institutionen und den Schutz der Vielfalt.

"Unser modernes Verständnis universeller Rechte kommt aus dem Christentum. Unser heutiges Verständnis von Rechten baut auf einem christlichen Fundament auf, aber es setzt nicht unbedingt einen aktiven christlichen Glauben voraus. Das ist der wichtige Kern dessen, was der Westen erreicht hat und was wir bewahren müssen", erklärt Fukuyama.

Wer tut so was?

Zu den Relativierungen Trumps nach dem KI-generierten Jesus-Bild sagt Fukuyama: "Welcher normale US-Präsident tut so, als sei er Jesus Christus?" Viele seien so daran gewöhnt, für ihn Ausreden zu finden, dass sie den Blick dafür verloren hätten, was für eine verrückte Person er ist. "Selbst Konservative erkennen nun, dass er die USA rücksichtslos an einen sehr gefährlichen Punkt bringt", stellt der Politologe fest.

All das schade ihm bei seiner Basis. Die harten MAGA-Anhänger stünden weiterhin zu ihm. Aber so gewinne man keine amerikanische Wahl. Viele hispanische und so ziemlich alle unabhängigen Wähler seien sehr wütend auf ihn. Die US-Demokraten hätten deshalb eine echte Chance, im November nicht nur die Mehrheit im Repräsentantenhaus, sondern jetzt auch im Senat zu gewinnen. "Das macht Trump jedoch nicht weniger gefährlich. Er ist im Moment verzweifelt. Er weiß nicht wirklich, wie er aus dem Chaos herauskommt, das er im Iran geschaffen hat", sagt Fukuyama zur österreichischen Tageszeitung.

Francis Fukuyama ist Direktor des Zentrums für Demokratie an der Stanford University. Sein Essay über das "Ende der Geschichte", der 1992 auch in Buchform erschien, hat den US-Politologen weltberühmt gemacht. Zuletzt veröffentlichte er die Bücher "Der Liberalismus und seine Feinde" sowie "Identität". Am Freitag wird Fukuyama mit Ivan Krastev und Andreas Treichl im Wien Museum ab 18.30 Uhr im Politischen Salon diskutieren, den das Institut für die Wissenschaft vom Menschen gemeinsam mit der "Erste Stiftung" und der "Presse" veranstaltet. Die Moderation übernimmt "Presse"-Außenpolitikchef Christian Ultsch.

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