Kein Glamour, aber viel Gefühl: Herbert Grönemeyer wird 70

Veröffentlicht:

von Agenturen

Grönemeyer in Aktion: Neulich in der Wiener Stadthalle

Bild: APA/APA/GEORG HOCHMUTH/GEORG HOCHMUTH


- Anzeige -
- Anzeige -

Er nuschele bis zur Unverständlichkeit, idealisiere das Ruhrgebiet, das er längst verlassen hat, könne weder gescheit singen noch tanzen: Kritiker haben Herbert Grönemeyer vieles vorgeworfen. Trotzdem zählt er seit Jahrzehnten zu den erfolgreichsten Künstlern Deutschlands. Wie macht er das nur? Fünf Thesen zum Phänomen Grönemeyer – kurz vor seinem 70. Geburtstag am 12. April.

Grönemeyer wirkt durch hohen Wiedererkennungswert

"Wer heute ein vierzig Jahre altes Lied von ihm hört, der sagt nicht: Das klingt nach den 80ern. Der sagt: Das klingt nach Grönemeyer", fasst die Popmusik-Expertin Barbara Hornberger von der Bergischen Universität Wuppertal einen Effekt zusammen, den sie auch als "starken Signature Sound" beschreibt: "Es ist hauptsächlich, wie meine Stimme klingt und wie ich Dinge wegsinge oder verschlucke", sagt Grönemeyer im dpa-Interview kurz vor seinem Geburtstag über den so typischen Klang.

In dieser höchst wiedererkennbaren Mischung aus vermeintlich missbetonten Wörtern, undeutlicher Artikulation und der besonderen Art des assoziativen Textens hat er einen ganz eigenen Stil geprägt - "und hat doch immer auch zeittypische Elemente in seiner Musik aufgegriffen", sagt die Musikwissenschaftlerin Hornberger.

Durch seinen prägnanten vokalen Ausdruck, schrieb der Musikwissenschaftler Nepomuk Riva schon 2015, habe Grönemeyer seiner Musik ein unverwechselbares klangliches Image gegeben, mit dem er sich von anderen Musikern absetze. Mehr noch: Durch dieses Klang-Image könne er seine Stimme mit fast jedem musikalischen Genre kombinieren: Von der schmachtenden Klavierballade über klassischen Deutschrock bis hin zu modernem Elektro-Pop - Grönemeyer klingt nach Grönemeyer.

Grönemeyer trifft den Zeitgeist - immer wieder neu

Für seinen Freund und Biografen Michael Lentz trifft Grönemeyers zeitloser Sound stets den Nerv des jeweiligen Publikums: "Für den Erfolg zentral ist aber auch, dass Herbert Grönemeyer immer das richtige Lied zur richtigen Zeit singt", schreibt er in der 2024 erschienenen Biografie und Werkanalyse.

In mehr als 40 Jahren im Rampenlicht wandelten sich die Zuschreibungen: Als schlaksiger Endzwanziger repräsentierte er Mitte der 80er den Prototyp eines neuen männlichen Popstars, findet Musikwissenschaftlerin Hornberger: freundlich, bodenständig, links ohne radikal zu sein. Und: "Da war plötzlich jemand, der konnte Gefühle servieren, ohne als Schlagersänger wahrgenommen zu werden."

Nummer-eins-Album um Nummer-eins-Album vertiefte er dann seine Rolle als "tonangebender Chronist deutscher Befindlichkeit", wie der Kulturwissenschaftler Wieland Schwanebeck schreibt. Er sang gegen die Spießigkeit der Kohl-Ära, gegen Nationalismus und eine gelähmte Gesellschaft, fand neue Bilder für Liebe, Eifersucht oder Verbundenheit.

Mit "Mensch" wird er für viele endgültig zur Stimme der Nation. Das Album gehört mit mehr als drei Millionen verkauften Exemplaren zu den erfolgreichsten Deutschlands: "Die Songs bilden so etwas wie eine kollektive Seelenlandschaft der Deutschen zu diesem Zeitpunkt ab - sie waren tiefgründig ohne kitschig zu sein", sagt Hornberger.

Musik als Treibstoff für einen nimmermüden Grönemeyer

Längst und immer noch füllt Grönemeyer große Hallen und Stadien. Wer ihn dort erlebt, weiß warum: Er verausgabt sich für sein Publikum, genießt sichtlich die Resonanz, wenn Tausende seine Lieder mitsingen. Grönemeyer liebt, was er tut - diese Energie überträgt sich.

Musikmachen ist für ihn eine Überlebensstrategie, wie er der dpa sagte: "Ich weiß, Musik hält mich am Leben. Das ist mein innerer Treibstoff." Damit habe er immer seine melancholische Seite ausbalanciert. Gerade Live-Musik zu machen sei für ihn ein wichtiges "Gemeinschaftserlebnis", ohne dass er innerlich vereinsamen würde.

Von dieser Schaffensenergie profitiert sein Publikum nicht nur während seiner oft ausverkauften Tourneen. Die Experimentierfreude bringt immer wieder neue Facetten hervor: Er lernte schon dirigieren, lieferte Bühnenmusik, plant eine Oper zu schreiben. Auch mit 70, das betont er im dpa-Interview will er sich "eine gewisse tänzerische Leichtigkeit" bewahren. "Schade wäre, wenn man merkt, es stellt sich Stillstand ein, auch künstlerisch", sagt Grönemeyer.

- Anzeige -
- Anzeige -

Uneindeutigkeit macht Grönemeyers Poesie so anschlussfähig

Populäre Kultur funktioniere in der Breite immer dann besonders gut, wenn sie zwar zugänglich, aber doch möglichst bedeutungsoffen bleibe, erklärt Popmusik-Expertin Barbara Hornberger. Grönemeyer habe dieses Prinzip perfektioniert: "Er hat eine Art des Textens, die manchmal mehr andeutet, als dass sie ausformuliert", so die Musikwissenschaftlerin.

Grönemeyer erzähle in seinen Songs keine Geschichten, "er erschafft emotionale Stimmungsbilder, in denen sich Leute mit ihren Gefühlen und Erfahrungen wiederfinden können", schildert Hornberger.

Mal sind es unvollendete Sätze, mal ungewöhnliche Metaphern, mal kryptische Wortneuschöpfungen: "Gerade das Brüchige, Unspezifische, das nicht zu Ende Erzählte in Grönemeyers Texten, macht es möglich, dass so viele zur gleichen Zeit und über Generationen hinweg eine Verbindung mit den Songs herstellen können", sagt Hornberger.

Der Anti-Glamour-Faktor: Der Superstar, der Mensch bleibt

Nach den Worten der Musikwissenschaftlerin Hornberger verkörpert Grönemeyer den "Star von Nebenan": Er sei kein überstrahlender Held, kein Schönling, sondern ein "Fleißarbeiter auf der Bühne", einer der sich für sein Publikum abrackert und dem es dabei ein bisschen egal zu sein scheint, wie er dabei aussieht. "Da ist auch immer noch dieser Bochum-Duft, den er ausstrahlt - so eine Arbeiterehre."

Das funktioniere gerade hierzulande: "Die Deutschen mögen es nicht so gerne, wenn ihre Stars abheben. Wenn jemand zu glamourös daherkommt, ist das verdächtig. Das hat Grönemeyer sehr klug vermieden", sagt Hornberger. Vielleicht liege es ihm einfach auch nicht.

"Das Ruhrgebiet in mir verliert sich nicht", zitiert ihn sein Biograf Michael Lentz. Obwohl er Berlin, wo er seit 17 Jahren inzwischen wieder vollständig lebt, sein Zuhause nennt, bleibe das Ruhrgebiet seine Heimat, wie er selbst sagt. Hier wuchs er auf, hier begann seine Laufbahn - zunächst erfolgreicher als Schauspieler denn als Sänger.

Sein Durchbruch als Musiker mit dem Album "4630 Bochum" prägt sein Image als "einer von hier" bis heute: Die Menschen aus dem Ruhrgebiet, wie Grönemeyer sie in vielen Interviews beschwört, sind direkt im Ton, können über sich selbst lachen und müssen aufeinander bauen können, wie Bergleute es einst taten.

- Anzeige -
- Anzeige -

Mehr entdecken