"Mythen des Alltags" als kollektive Therapiestunde
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von AgenturenSchwedischer Regisseur verdichtete Stimmen aus der Bevölkerung
Bild: APA/APA/Volkstheater/Marcella Ruiz Cruz
Mit "3000 Einzelteile" hat der Ungar Ádám Császi jüngst am Akademietheater anhand einer Auseinandersetzung mit fiktiven Biografien von Rom:nja eine bitterböse Satire auf "authentisches Betroffenheitstheater" realisiert. Völlig ernst gemeint ist hingegen die Festwochen-Koproduktion "Mythen des Alltags" im Volkstheater, die am Samstag ihre Uraufführung feierte. Im Zentrum des Stücks des schwedischen Regisseurs Mattias Andersson: "besondere Momente" im Leben von Wiener:innen.
In Zusammenarbeit mit dem Institut für Soziologie der Universität Wien wurden rund hundert Interviews mit Menschen geführt, "die nach sozio-ökonomischen Aspekten einen Querschnitt der Stadtbevölkerung abbilden", heißt es im Programmheft. Aus den Antworten zur Frage nach prägenden Erlebnissen konstruierte der Schwede schließlich den mit u.a. Johanna Wokalek und Bernardo Arias Porras prominent besetzten Theaterabend, der zunächst ausführlich den dokumentarischen Prozess selbst in den Fokus rückt, um am Ende der fast zweieinhalbstündigen pausenlosen Produktion tatsächlich auch szenisch - und kitschig - zu werden. Die intendierte Diskussion um das "(Macht-)Verhältnis zwischen Realität und Fiktion, zwischen wahren Geschichten und Kunst" geriet so zu einem langatmigen Beweis, dass Realität noch lange nicht Kunst sein muss.
In einem Theaterstück vorkommen? Lieber nicht
Ulla Kassius hat ein Bühnenbild geschaffen, das mit seinen roten Seidentapeten, vergoldeten Wandleuchten und weiß gerahmten Türen an ein Theaterfoyer erinnert. Auf der so begrenzten Vorderbühne versammeln sich die Schauspieler - darunter auch Aleksandra Ćorović, Nancy Mensah-Offei, Paula Nocker, Vinzenz Sommer, Karoline Marie Reinke und Günther Wiederschwinger -, um Auszüge aus den transkribierten und ausgedruckten Interviews vorzutragen. Dass es tatsächlich zu einem Stück namens "Mythen des Alltags" kommen wird, ist da zunächst zweifelhaft. Schließlich rückt Mattias Andersson im ersten Teil des Abends ausschließlich jene Stimmen ins Licht, die - mal wortkarg, mal ausführlich - darlegen, warum sie in einem solchen Stück nicht vorkommen wollen. Das ist als Anfangsgag zunächst witzig, nützt sich im Laufe der Zeit jedoch ab.
Fest steht: Nein, ins Theater geht man ohnehin nicht, man hat schließlich andere Probleme, die nie auf einer Bühne gezeigt werden. Und teuer ist es obendrein. Und was kommt am Ende überhaupt dabei raus, wenn die (unbezahlten) Interviews von einer Künstlichen Intelligenz transkribiert und dann auch noch von einem (bezahlten) Autor verdichtet werden? Diese Aussagen könnten freilich den Boden für eine fundierte Auseinandersetzung mit der mangelnden Niederschwelligkeit des Theaterbetriebs bilden, kommen in ihrem isolierten wie distanzierten Vortrag jedoch eher plakativ daher.
Tote Katzen und gemeine Paketboten
Also wartet man geduldig weiter auf jene Alltagsgeschichten, die nun eben endlich einmal auf die Bühne gebracht werden sollen. Dass aus der Art und Weise, wie eine Mutter einer Tochter vom Unfalltod der Katze berichtet, aber noch lange kein grundlegender und auf der Bühne wirksam werdender Generationenkonflikt ablesbar ist, wird bald allzu deutlich. Die Namen der Auskunftgeber:innen werden brav mit Alter und Bezirk auf die Bühnenrückwand projiziert, sodass man dann auch weiß, dass Kathrin gern ihr eigenes Gemüse anpflanzt oder die 52-jährige Ingrid sich von einem Paketboten aufgrund ihres Alters diskriminiert gefühlt hat.
Und weil es ja auch nicht niederschwellig ist, wenn nur Schauspielende die Stimmen aus der Bevölkerung vortragen, holt man - das Theaterfoyer ist verschwunden, ein größerer White Cube bildet nun die Kulisse - schließlich doch mehr als ein Dutzend Menschen auf die Bühne, die (wie man von einer Stimme aus dem Off erfährt) ebenfalls sozioökonomisch repräsentativ ausgewählt wurden und somit verschiedene Altersgruppen, Geschlechter und Herkünfte abbilden, um ihre Geschichten selbst vorzutragen, während einzelne Szenen vom Ensemble nachgespielt werden.
Endlich kommt es doch noch zu berührenden Szenen, wenn etwa ein irakischer Migrant erzählt, dass ihm ein Strafzettel nach einer Geschwindigkeitsübertretung fast den Weg zur Staatsbürgerschaft verbaut hätte oder die nun erwachsene Amelie jene Szene zwischen ihren Eltern beobachtet, als diese sich kurz vor ihrer Geburt trennten. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass es sich bei "Mythen des Alltags" um eine kollektive Therapiestunde handelt, bei der künstlich dort Tiefe hergestellt werden soll, wo einfach keine ist. Dass man mit der Integration von "echten Menschen" ins Bühnengeschehen auch neue Theaterbesucher:innen anlockt, ist unbestritten. Zumindest bei der Premiere spendeten Freunde und Familie lautstarken Applaus.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E - Wiener Festwochen: "Mythen des Alltags. Eine Kollektiverzählung von Mattias Andersson", Koproduktion mit dem Volkstheater Wien. Regie: Mattias Andersson, Bühne und Kostüm: Ulla Kassius. Mit Bernardo Arias Porras, Aleksandra Ćorović, Nancy Mensah-Offei, Paula Nocker, Vinzenz Sommer, Karoline Marie Reinke, Günther Wiederschwinger, Johanna Wokalek . Statist:innen: Ernst Beer, Yulia Bondarenko, Nik Yulian Chulev, Fabio Coutinho, Filippa Kostadinova, Amelie Kraushofer, Alexandra Kreuzer, Jafait Lema, Luyu Li, Michael Nes, Peter Rothkappel, Christa Schmid, Heidelinde Sedlecky, Peter Zorgovsky. Weitere Termine: 27. und 28. Mai, 6., 7. und 21. Juni. www.festwochen.at )
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