"The Day Before": Tanzen und Trommeln gegen den Krieg

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Christiane Jatahy und Brigitta Muntendorf setzen ein immersives Musiktheater in Szene

Bild: APA/APA/Tim Dornaus/Tim Dornaus


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Party machen gegen den Krieg? Auf der Kunstbiennale Venedig zeigt die Ukraine mit einer Videoinstallation in einem Palazzo, dass auch getanzt und geraved werden kann, während anderswo Freunde an der Front stehen. Bei den Wiener Festwochen inszeniert Christiane Jatahy im Odeon ein immersives Musiktheater, bei dem äußere Bewegung und innere Haltung einander nicht ausschließen. "The Day Before" ist eine mutige Mischung - die bei der Premiere am Samstag nicht restlos überzeugte.

Der Bühnenraum in der ehemaligen Produktenbörse ist leer geräumt, an den einander gegenüberliegenden Wänden sind zwei Videowalls und zwei Gestelltürme aufgebaut, die von Technikern, Musikern und Sängern bevölkert werden. Die deutsch-österreichische Komponistin Brigitta Muntendorf, die brasilianische Regisseurin Christiane Jatahy und die spanische Journalistin und Autorin Rosa Montero haben sich zusammengetan, um einen gemeinsamen Aufschrei gegen Krieg als Machtinstrument, bei dem Frauen als Opfer und Beute dienen, zu formulieren. Das unterstützenswerte Anliegen funktioniert nur zum Teil.

"Krieg ist eine narzisstische Wunde"

Dass "The Day Before" am Vorabend eines drohenden Kriegsausbruchs, also quasi als Tanz auf dem Vulkan, stattfinden soll, vermittelt sich nicht. Warum man die französische Philosophin Simone Weil und ihren Text "Die Ilias, oder das Gedicht von der Gewalt" als Ausgangsmaterial verwendete, ist ebenso unklar. Deutlich wird jedoch die Botschaft: Seit Unzeiten dreht sich die Spirale der Gewalt unaufhörlich weiter. "Alle Kriege sind der Trojanische Krieg", heißt es, und: "Krieg ist eine narzisstische Wunde". Dem lässt sich kaum widersprechen.

Rund um die beiden intensiven Darstellerinnen Sofia Jernberg und Margaux Marielle-Trehoüart entfalten die famosen Schlagwerkerinnen von Les Percussions de Strasbourg, der Landesjugendchor Wien und einige weitere Akteurinnen mitten im Publikum ein Treiben, dem man sich kaum entziehen kann. In die Musik mischen sich Erzählungen von zentralen Szenen der Ilias oder aus späteren Kriegen, die betroffen machen und die Theorie mit blutigen Beispielen von Gewalt als skrupellos eingesetztes Machtmittel ergänzen. Getanzt wird dennoch.

"Let the Sunshine in"

Wie sich aus der Analyse und der Anklage eine Aktion formt, die als Widerstand gegen jahrtausendealte Mechanismen verstanden werden kann, ist unklar. Doch mehr oder weniger unvermittelt wird aus Betroffenheit Optimismus (oder Realitätsverweigerung). Mit dem Flower-Power-Musical "Hair" heißt es nach 70 Minuten "Let the Sunshine in" und wird man höflich, aber bestimmt aus dem Saal geleitet. Schließlich warten draußen bereits die Zuschauer der zweiten Vorstellung des Abends. Nach großem Premierenapplaus gelangt man wieder ins Freie. Draußen hängen düstere Regenwolken. Die Sonne lässt sich nicht blicken.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - "The Day Before", Komposition: Brigitta Muntendorf, Regie: Christiane Jatahy, Text: Rosa Montero, Koproduktion der Wiener Festwochen und der Kunstfestspiele Herrenhausen im Odeon, Wien 2, Taborstraße 10, Weitere Vorstellungen: 17. und 18.5., jeweils 19.30 Uhr und 21 Uhr. www.festwochen.at )

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