Nestervals Überlebenstraining: "Wallden" im Wiener Augarten
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von Agenturen"Wallden": Immersives Theater im Wiener Augarten
Bild: APA/APA/Nesterval/Nurith Wagner Strauss/Nurith Wagner Strauss
Der Wiener Augarten - unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2044. Dies sind die Abenteuer einer kleiner Gruppe von zu Menschen gewordenen Göttern, Nornen und Walküren, die sich in ein verstecktes Zeltlager zurückgezogen haben, während "draußen" das Chaos herrscht. Das ist das Szenario von "Wallden", einem dreistündigen immersiven Theatererlebnis der Gruppe Nesterval, das als Koproduktion mit den Wiener Festwochen am Sonntag erfolgreich Premiere feierte.
Der Himmel war der rund zwanzigköpfigen Truppe und den rund 100 intensiv von ihnen betreuten Besucherinnen und Besuchern hold: Der kühle, trockene Abend, an dem anfänglich die Sonne durch das grüne Dickicht schien und später die Sterne über einem funkelten, machte das Mitspiel wenigstens klimatisch zu keiner Herausforderung. Sozial war das eine andere Sache. Unberührt bleibt hier keiner. Umarmungen und Streicheleinheiten gibt's reichlich. Kontaktscheu verdirbt den Spaß. Denn die als "Periök:innen" angesprochenen "Neuen" von draußen sind hier, um zu lernen und den Samen des gemeinschaftlichen Überlebens nach der Hauptregel "Liebet und lebet!" anschließend nach außen zu tragen.
Erda, Freya, Fricka & Co
Die "Periöken" waren im antiken Griechenland freie, aber politisch rechtlose Menschen. "Walden oder Leben in den Wäldern" heißt ein 1854 erschienenes berühmtes Aussteigerbuch des US-Schriftstellers Henry David Thoreau. Die Menschen, die in dem Areal am Augartenspitz, in dem sonst das Sommerkino des Filmarchivs stattfindet, ihre Zelte aufgeschlagen haben, in denen sie ihre Schützlinge liebevoll, aber bestimmt in ihre Regeln und Ritual einweihen, haben ihre Namen jedoch aus der "Nibelungensage". Sie heißen etwa Brünhild und Siegfried, Fricka und Fasold, und wer sich bei Richard Wagner oder dem Personal der nordischen Mythenwelt auskennt, hat mehr davon und muss sich nur mit dem Geschlechterwechsel der meisten Figuren anfreunden.
Freundlich wird man empfangen und nach dem Gesundheitscheck ("Zunge rausstrecken, bitte!") zur zentralen Wiese geführt. Um sich in einer fantasievoll ausgestatteten Baracke mit Getränken versorgen zu können, muss man zuvor sein Geld in Kronenkorken umgetauscht haben, und wer eine Gemüsespende mitgebracht hat, wird besonders bedankt. Im Gruppenritual wird man von Göttin Erda (Christopher Wurmdobler) darüber aufgeklärt, dass heute das fünfte Erntedankfest gefeiert wird. Ein Grund zur Freude, aber auch zur Sorge. Denn einst wurde Waltraute in die Fremde geschickt, doch weder sie noch die alljährlich nach ihr Ausgesandten kehrte je zurück. Im Norden soll "Donaugold" errichtet worden sein, also wird ein neuer Bote ausgeschickt.
Festschminke und Samenbomben
Die Besucher werden in Kleingruppen eingeteilt, in verschiedene Zelte geführt und mit den Grundregeln der kommunenartigen Gemeinschaft vertraut gemacht, in der alles basisdemokratisch entschieden wird, Rückschau verpönt ist (von einem "2019er-Syndrom", an dem noch viele leiden, ist die Rede, auf einer Wien-Karte sind wütende Großfeuer ebenso verzeichnet wie marodierende Banden oder wilde Tiere) und Meditation und Gebete wichtige Bestandteile des Alltags bilden.
Hautnah ist man mit dabei, wird nicht darin gehindert, seine Gruppe gelegentlich zu wechseln, und macht jeder und jede seine eigenen Erfahrungen. So wird man etwa für das Fest mit einer Mischung aus Heilerde und Rote-Rüben-Pulver geschminkt, formt aus Schlamm Samenbomben, trinkt Apfelessig und Tee mit Schnaps, ist aber auch beim Beischlaf von Siegfried und Brünhilde hautnah mit dabei. Längst hat man nicht nur die Namen der anderen "Periök:innen" gelernt, sondern auch festgestellt, wie unterschiedlich die Rollen sind, die - bewusst oder unbewusst - jeder und jede zu spielen sich entschlossen hat. Die Bandbreite reicht vom gelehrigen Schüler über den stummen Beobachter bis zum penetranten Störenfried.
Krisenbewältigung in der Kommune
Allmählich schälen sich Geschichten aus dem Dunkel, das sich über das Gelände ausbreitet: Der Bote ist verstört aus "Donaugold" zurückgekehrt, eine aus der Gruppe ist schwanger, aber verunsichert, und Erda plant - ebenso wie manche andere - ihren Abgang aus Wallden. Die Kommune gerät in eine veritable Krise, die im Reflexionskreis gelöst werden soll. Viel bekommt man davon nicht mit, nur eines scheint sicher: Irgendetwas geht dabei schief. Und einer greift zur Gitarre.
Ganz im Geiste der Lagerfeuerromantik wird am Ende den Göttern oder jenen, die sich gottgleich wähnen, abgeschworen. "Kein Gott und kein Diener!", heißt es jetzt, denn sind nicht alle Menschen gleich? Ja, eh. Nach diesem unbefriedigenden Finale werden die Besucher entlassen, ausgeschickt nach draußen, in die Nacht, und bekommen eine Botschaft mit: "Versucht, eine eigene Gemeinschaft zu gründen. Und vergesst nicht: Liebet und lebet!"
"Donaugold" als Parallelveranstaltung
Wer sich übrigens dafür interessiert, wie das Überleben in "Donaugold" aussieht, der kann dies im brut Wien in der Nordwestbahnstraße in Augenschein nehmen. Alle Vorstellungen finden parallel statt. "Während Wallden für das Wilde, Körperliche und Archaische steht, spiegelt Donaugold das Dekadente, Zivilisierte und Kontrollierte wider", heißt es dazu programmatisch. "Beide Lebensentwürfe stellen die Frage: Wie wollen wir in naher Zukunft (über)leben?" "Liebet und lebet!" ist grundsätzlich schon mal kein schlechter Ansatz. Auch, wenn man auf Schlamm und Schminke durchaus verzichten könnte.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - "Wallden", Künstlerische Leitung, Konzept, Regie: Martin Finnland, Co-Regie: Teresa Löfberg, Choreografie, Co-Regie: Jerôme Knols, Buch: Eva Deutsch, Martin Finnland, Tove Grün, Teresa Löfberg, Lorenz Tröbinger. Eine Koproduktion der Wiener Festwochen und Nesterval am Augartenspitz, Weitere Vorstellungen: 18., 20.-24., 27.-31.5., 1., 3.-6.6., jeweils 18:45 Uhr, www.festwochen.at ; https://www.nesterval.at/ )
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