Nestroys "Talisman": Biedermeier-Hip-Hop-Crossover in Tirol

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Florian Granzner und Julia Posch überzeugten am Premierenabend im Tiroler Landestheater.

Bild: APA/APA/Tiroler Landestheater/ Marcella Ruiz Cruz


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Johann Nestroys "Der Talisman" hat Samstagabend im ausverkauften Großen Haus des Tiroler Landestheaters eine gelungene Premiere gefeiert. Regisseur Dominique Schnizer holte die Posse mit Gesang sozusagen als "Biedermeier-Hip-Hop" in die Gegenwart, ohne den bissigen Kern des Stücks über Ausgrenzung, Opportunismus und sozialen Aufstieg zu verwässern. Das Stück konnte jedenfalls als scharfes, unterhaltsames und äußerst gegenwärtiges Gesellschaftsstück überzeugen.

"Der Talisman", 1840 uraufgeführt, zählt zu den meistgespielten Stücken Nestroys. Im Zentrum steht Titus Feuerfuchs, ein vazierender Barbiergeselle mit roten Haaren, der aufgrund seiner äußeren Erscheinung von der Gesellschaft verachtet und ausgeschlossen wird. Erst eine schwarze Perücke - der titelgebende Talisman - öffnet ihm Türen, die ihm zuvor verschlossen geblieben waren. Nestroy zielte damit auf Vorurteile, soziale Maskenspiele und die allzu willige Anpassung an bestehende Machtverhältnisse ab.

Biedermeier mit Gegenwartston

In Innsbruck traf dieser Stoff in der Inszenierung von Nestroy-Spezialist Schnizer auf eine deutlich gegenwärtige musikalische und textliche Ebene. Nenda Neururer und Bernhard Neumaier übersetzten die Couplets in einen Ton zwischen Austropop, Sprechgesang und politisch zugespitzter Satire. Dabei wurden prominente Persönlichkeiten wie Elon Musk, Jeff Bezos, René Benko oder Ex-ORF-Generaldirektor Roland Weißmann in den Abend hereingeholt und darüber hinaus soziale Ungleichheit, Klimawandel, Belästigungen und mediale Machtspiele angeprangert. Das hätte leicht etwas plump wirken können, fügte sich aber meist stimmig in Nestroys Welt des Scheins und der sozialen Zuschreibungen.

Gerade weil die Aktualisierungen nicht bloß als Schenkelklopfer funktionierten, sondern den historischen Stoff meist schärften, gewann der Abend an Dringlichkeit. Nestroys Witz blieb erkennbar, bekam aber zusätzliche Reibungsflächen. Zudem zeigte das gesamte Ensemble am Premierenabend eine äußerst gute Vorstellung.

Starkes Zentrum um Feuerfuchs

Florian Granzner führte den Titus Feuerfuchs mit großer Spielfreude und sicherem Gespür für Nestroys Sprachrhythmus durch den Abend. Er zeigte die Figur nicht nur als komischen Aufsteiger wider Willen, sondern auch als von Kränkung, Witz und Überlebenswillen getriebenen Außenseiter. In seinen Auftritten verbanden sich Tempo, Sprachpräzision und eine kontrollierte Portion Übermut.

Besonders stark trat auch Tommy Fischnaller-Wachtler hervor, der als Monsieur Marquis, Christoph, Georg und Notarius Falk mehrfach die Erscheinungsform wechselte und mit präziser Komik sowie klar gesetzten Pointen überzeugte. Marie-Therese Futterknecht gab der Frau von Cypressenburg eine herrschaftliche Schärfe, die zwischen Standesbewusstsein, Lächerlichkeit und innerer Leere wechselte. Julia Posch wiederum setzte als Salome Pockerl einen starken Gegenpol: bodenständig, direkt und mit jener trotzig-komischen Würde, die Nestroys Figuren oft vor bloßer Karikatur bewahrt.

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Musik als eigener Motor

Die Live-Musikerinnen Eleonora Golubkowa und Medina Rekic waren nicht bloß Begleitung, sondern gaben dem Abend eine eigene Energie. Die Musik stellte eine Brücke zwischen Biedermeier und Gegenwart her und half, die politischen Aktualisierungen nicht als Fremdkörper erscheinen zu lassen. Die neuen Songtexte von Neururer trafen dabei häufig einen Ton, der direkt, bewusst populärkulturell und stellenweise scharf war, ohne Nestroys Sprachwitz zu überdecken.

Christin Treunerts Bühne und Kostüme setzten auf eine sichtbare Reibung zwischen historischem Prunk, gesellschaftlicher Sehnsucht und brüchiger Fassade. Die Figuren wollten mehr darstellen, als sie waren, und das Bühnenbild zeigte Räume, in denen Stand, Begehren und Unordnung ineinandergriffen - ganz im Sinn einer Gesellschaft, in der äußere Form beinahe alles bedeutete.

Aktualisierung mit Maß

Nicht jede tagespolitische Spitze konnte dieselbe Schärfe entfalten, und manche Referenz war bewusst breit gesetzt. Insgesamt aber gelang Schnizer eine Aktualisierung, die den Nestroy-Stoff nicht überformte, sondern dessen satirische Mechanik freilegte. Die Vorurteile gegen rote Haare wurden zum Ausgangspunkt für einen größeren Blick auf Ausgrenzung, Klassendenken, Sexismus, Rassismus und die Bereitschaft, Menschen nach Oberfläche und Nutzen zu bewerten.

Das ausverkaufte Große Haus reagierte bereits während der Vorstellung immer wieder mit Gelächter und Applaus. Am Ende gab es dann Standing Ovations.

(Von Max Hofer/APA)

(S E R V I C E: "Der Talisman" von Johann Nepomuk Nestroy. Posse mit Gesang. Regie: Dominique Schnizer. Bühne und Kostüme: Christin Treunert. Musik und Songtexte: Nenda Neururer. Musik und Arrangements: Bernhard Neumaier. Dramaturgie: Elisabeth Schack. Mit Florian Granzner (Titus Feuerfuchs), Marie-Therese Futterknecht (Frau von Cypressenburg), Laetitia Toursarkissian (Emma/Hannerl), Marion Reiser (Constantia), Ulrike Lasta (Flora Baumscheer), Philipp Rudig (Plutzerkern), Tommy Fischnaller-Wachtler (Monsieur Marquis/Christoph/Georg/Notarius Falk), Kristoffer Nowak (Spund/Hans/Herr von Platt), Julia Posch (Salome Pockerl), Eleonora Golubkowa und Medina Rekic (Musikerinnen) u.a. Weitere Vorstellungen am 3., 6., 8., 13. und 21. Mai sowie am 6., 10., 11. und 12. Juni. https://www.landestheater.at/ )

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