Kultautor John Niven: "Um Trump sind nur Verrückte"

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John Niven schrieb Gesellschaftsroman über zwei Väter

Bild: APA/APA/GEORG HOCHMUTH/GEORG HOCHMUTH


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John Niven wollte schon lange ein Buch über zwei Männer aus völlig unterschiedlichen Welten schreiben, die sich normalerweise nicht begegnen, aber irgendwie zueinander finden und Freunde werden. "Weil ich schwer von Begriff und langsam bin, dauerte es, bis sich die Ideen zusammenfügten", sagt der Autor schmunzelnd über das Ergebnis "Zwei Väter". Der Schotte, der sich im APA-Interview auch gewohnt direkt politisch äußert, lieferte damit einen pointierten Gesellschaftsroman ab.

Dan und Jada sind die beiden Figuren der Gegensätze, deren Leben Niven auf gewohnt humorvolle Art, aber auch mit ernstem Ton in "Zwei Väter" (ab 29. April im Handel) zusammenführt. Der eine, ein erfolgreicher Drehbuchschreiber, wird erstmals nach langem Kinderwunsch Vater, der andere, ein Kleingauner, zum sechsten Mal mit der sechsten Frau. Der Bestsellerautor beschreibt, wie unterschiedlich die Männer mit dem Vatersein umgehen. Dan etwa will alles richtig machen, Jada schert sich etwa wenig um Themen wie gesunde Ernährung seines Nachwuchs.

"Sogenannte Helikopter-Eltern sind ständig damit beschäftigt, die Kinder zu beschützen", so Niven. "Aber man kann nicht jede Minute, jeden Tag, das ganze Leben lang für sie da sein. Das Universum, das Schicksal, der Zufall, was auch immer, hat eigene Vorstellungen davon, was passiert." Das und die Folgen thematisiert er im Roman, aber auch, wie das Umfeld Menschen und ihr Handeln prägt. "Jada ist ein Betrüger, Gauner und Dieb", beschreibt Niven seine Figur. "Im Gegensatz zu Dan, der über finanzielle Ressourcen verfügt, versucht er erst einmal zu überleben. Sein Vater war gewalttätiger Alkoholiker. Jada stammt aus einer seit Generationen durch Vernachlässigung und Misshandlung geprägten Familie."

Autor trägt beide Charaktere in sich

Niven hat seine Charaktere nicht eindimensional angelegt. "Es gibt diese kleinen Momente in der Geschichte, die zeigen, dass Jada zu Liebe fähig ist", betont er. "Ich kann einen Roman wie diesen schreiben, weil ich sowohl Dan als auch Jada in mir trage. Wäre ich einen anderen Weg gegangen, hätte ich die Schule geschmissen, wäre mein Leben vielleicht wie das von Jada verlaufen, oder zumindest wäre ich von Jadas umgeben gewesen - so wie mein Bruder." Besagter Bruder Gary wurde vom Vater geschlagen, handelte mit Drogen, landete im Gefängnis und beging Suizid, was Niven in seiner Autobiografie "O Brother" von 2024 aufarbeitete.

Er habe noch von kostenlosem Universitätszugang profitiert, erzählt Niven. "Aber soziale Mobilität wird in Großbritannien wieder schwieriger. Meine Kinder sind in einem bürgerlichen Umfeld aufgewachsen. Sie ernähren sich gesünder. Sie haben wahrscheinlich alles, was man sich wünschen kann. Statistisch gesehen werden sie besser bezahlte Jobs haben. Für jemanden wie Jada ist das nicht wirklich möglich. Für ihn ist ein Leben in der Kriminalität der einzige Ausweg."

"Zwei Väter" hat bei aller Satire (Niven: "Interessante Botschaften lassen sich mit Humor leichter vermitteln.") auch tragische Momente. Die Story macht durchaus auch betroffen. Aber der Autor entlässt, ohne zu viel zu verraten, sein Publikum mit einem versöhnlichen Finale: "Manchmal wirft mir mein Sohn oder meine Tochter vor, ich sei zu sentimental und ein Feigling", lacht Niven. "Ich soll düsterere Enden schreiben. Aber ich bin wohl ein ziemlich optimistischer Mensch, auch wenn es heutzutage nicht viele Gründe für Optimismus gibt."

Um Trump "nur Verrückte"

Womit das Gespräch bei der Weltlage angelangt ist. 2020 hat Niven mit dem Roman "Die F*ck-It Liste" ein Szenario entworfen, wie es nach einer Wiederwahl von Donald Trump als US-Präsident weitergehen könnte. Hätte er gedacht, dass er bei einer tatsächlichen zweiten Amtszeit so handeln wird? "Ja, weil er nicht denselben 'Fehler' wie beim ersten Mal machen würde: Damals hatte er vernünftige Leute um sich. Sie waren zwar allesamt rechter Abschaum, aber sie geboten ihm Einhalt. Diesmal gibt es niemanden wie sie. Es sind nur Verrückte. Wie in einer Autokratie oder einem autoritären Regime ist die einzige Qualifikation nicht Klugheit, Intelligenz, Anstand oder Wissen, sondern Loyalität. Man muss einfach nur dem Chef treu sein."

Die Amerikaner hätten genau gewusst, welch ein Mann Trump sei, so Niven: "Und trotzdem wollten sie ihn lieber als eine schwarze Frau. Sie haben sich das selbst angetan, aber leider damit dem Rest der Welt geschadet. Und wer glaubt, Trump wird einfach so verschwinden, der spinnt. Er wird sich die ihm seiner Meinung nach gestohlene Amtszeit von Joe Biden anrechnen lassen oder einen Vorwand finden, um für eine dritte zu kandidieren. Ich weiß nicht, wie er das anstellen will, aber er wird es tun. Denn wir wissen, dass solche Typen, wenn sie einmal kriminell sind, weiter kriminell handeln. Dann werden auch alle um sie herum kriminell."

Bei den Wahlen in zwei Jahren könnten laut Niven in Amerika Zustände "wie in einer Bananenrepublik" herrschen: "Ich denke, sie werden entweder das Militär oder die Nationalgarde einsetzen. Es werden Armeen auf den Straßen sein, Wahlzettel beschlagnahmt werden. Wahllokale abgeriegelt. Ich sehe Amerika immer mehr auf einen Bürgerkrieg zusteuern. Anders werden sie ihn nicht loswerden."

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Versagen der Linken

Niven ortet beim Rechtsruck ein Versagen der Linken. "Wir haben uns auf Kleinigkeiten versteift, die nur etwa 0,1 Prozent der Bevölkerung betreffen. Ich kenne Leute, die ihr ganzes Leben lang online über Transrechte streiten, egal auf welcher Seite sie stehen. Das bestärkt die Rechten, die sagen: 'Wir hassen diese Wokeness, wir werden dem ein Ende setzen.' Und jemand wie J.K. Rowling wird zur Hassfigur. Dabei hat J.K. Rowling Milliarden für wohltätige Zwecke und Frauenrechte gespendet. Sie ist eine Sozialistin. Ich kenne sie. Sie ist ein sehr netter Mensch. Und doch, wenn man sich die heutige Welt mit Putin, Trump, Xi und Kim Jong Un ansieht, betrachten diese Leute J.K. Rowling als größte Feindin - das ist verrückt."

Niven arbeitet derzeit an einem Sachbuch und einen Roman. In letzterem gibt es ein "Wiedersehen" mit Steven Stelfox, Antiheld aus Nivens berüchtigten Romanen "Kill Your Friends" und "Kill 'Em All". Der Autor verrät: "Er geht in die Politik, gründet seine eigene Reformpartei. Stelfox ist ein nützliches Vehikel, um zu verstehen, wo wir uns gerade befinden."

(Von Wolfgang Hauptmann/APA)

(S E R V I C E - John Niven: "Zwei Väter", btb Verlag, übersetzt von Stephan Glietsch, 416 Seiten, 19 Euro, ab 29.4.)

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