"Netzpoetin" Clara Lösel: "Meine Kunst lebt von Ehrlichkeit"
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von AgenturenLyrik-Künstlerin und Bestseller-Autorin Clara Lösel positioniert sich klar
Bild: APA/GEORG HOCHMUTH
Clara Lösel ist als Netzpoetin auf Instagram und TikTok groß geworden. Dort lesen ihre Lyrik Millionen von Nutzern. Ihr erstes Buch "Wehe du gibst auf" wurde ein Bestseller, im Herbst folgt der Nachschlag. Am Samstag liest die 27-Jährige in der ausverkauften Simm-City. Es gehe ihr weniger um die sprachliche Qualität als um die Inhalte, sagt die Deutsche im APA-Interview: "Meine Kunst lebt davon, das sie ehrlich ist."
Lösel spricht mit ihren kurzen Gedichten, ob live oder im Netz vorgetragen, offenbar vielen Menschen, vor allem auch jungen Frauen, aus der Seele. Ihr Themenspektrum umfasst mentale Gesundheit, Liebe, Erwachsenwerden, falsche Schönheitsideale, aber auch Politik. "Für mich ist Sprache kein Selbstzweck", stellt die Autorin klar. Sie schreibe nicht des Schreibens willen: "Ich habe das schon getan, als mir noch niemand zugehört hat. So habe ich die Welt und alles, was mir passiert, verarbeitet." Gedichte über mentale Gesundheit verfasse sie in erster Linie nicht der lyrischen Qualität wegen, "sondern weil mich das bewegt und ich das Gefühl habe, dass es dem einen oder anderen helfen kann".
Ihr Buch wird von manchen Händlern als "Lebenshilfe" beworben. Diese Kategorisierung gefällt Lösel nicht. "Ich bin nicht in der Position, Ratschläge zu geben. Ich möchte meine Kunst machen und mich mit Lyrik ausdrücken. Wenn Leute daraus Kraft und Hoffnung ziehen, freut mich das - genauso wie wenn sie über Texte lachen und Freude empfinden oder sich mit ihren Gedanken weniger alleine fühlen."
"Ich trete gegen niemanden an"
Mit ihrer Arbeit unterscheidet sich Lösel klar vom überaus populär gewordenen Genre Poetry Slam: "Das ist ja eine Kunstform, wo man nach bestimmten Regeln einen Text machen muss. Dabei treten mehrere Leute gegeneinander an. Ich trete gegen niemanden an. Ich mache meine Texte auf Social Media, auf Tour oder für ein Buch. Ich habe dabei keine Konkurrenz. Das ist der große Unterschied."
Zur Lyrik ist die Autorin über ihren Großvater gekommen, erzählt sie. "Mein Opa war ein ganz toller Geschichtenerzähler, er hat mir das Schreiben und die Liebe zu Geschichten in die Wiege gelegt. Wir haben immer kleine Vierzeiler geschrieben - irgendwie ist das bei mir so geblieben." Dass Lyrik bei vielen ihrer Generation "ein schlechtes Image" hat und als "etwas Verstaubtes" angesehen wird, finde dem versuche sie gegenzusteuern: "Gerade weil unsere Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer wird. Damit ist Lyrik eigentlich die prädestinierte Form für die Rezeption von Texten."
"Aus Freiheiten erwachsen Pflichten"
Clara Lösel positioniert sich klar gegen Fremdenfeindlichkeit und spricht feministische Themen an. Das hat ihr zum Teil Hasskommentare eingebracht. "Immer wenn es ein bisschen über das komplett Persönliche hinausgeht, kommt was", weiß sie. "Aber wir haben Meinungsfreiheit und aus Freiheiten erwachsen auch Pflichten, diese auszuüben. Gerade für mich als Autorin." Manche Reaktionen seien angsteinflößend, aber: "Es gibt viele Frauen, die viel mutiger sind als ich, die etwa in Afghanistan trotz aller Repressionen kritisch bleiben. Dann denke ich: Ich bin immer noch in einer sehr privilegierten Situation und möchte mir nicht den Mund verbieten lassen."
Wenn Feuilleton-Schreiber ihre Lyrik als "banal" bezeichnen, nimmt Lösel das gelassen hin: "Wenn etwas allen gefällt, hat man was falsch gemacht, weil dann hat es keine Ecken und Kanten mehr. Ich habe nicht den Anspruch, dass meine Kunst allen Menschen gefallen muss", betont sie. Auf alle Fälle tritt Lösel für weniger Schein ein: "Ich glaube, die Social Media Welt braucht das, aber die 'echte Welt' auch. Es gibt seit einigen Jahren zwei Bewegungen. Die einen versuchen sich als perfekt, die anderen als extrem echt zu zeigen. Ich hoffe, dass ich zu der zweiten gehöre."
Die Wien-Lesung ist Auftakt einer ausverkauften Tournee, am 2. Juni 2027 kehrt Lösel in die Donaumetropole zurück, dann ins Globe. Am 6. Oktober erscheint ihr zweites Buch "Ich dachte, sowas fühl nur ich".
(Das Gespräch führte Wolfgang Hauptmann/APA)
(S E R V I C E - Clara Lösel: "Wehe du gibst auf", Now Verlag, 192 Seiten, 19 Euro)
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