Palmetshofer untersucht in "Sankt Falstaff" Machtmechanismen
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von AgenturenEwald Palmetshofer überschrieb Shakespeares "Heinrich IV"
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In seiner Überschreibung von Shakespeares Königsdrama "Heinrich IV" erzählt der österreichische Autor Ewald Palmetshofer von einer Demokratie, die Merkmale monarchischer Gewaltkonzentration angenommen hat. Karin Henkel, die Stefan Bachmanns Burgtheaterdirektion mit "Hamlet" eröffnet hat, bringt das Stück am Samstag mit u.a. Birgit Minichmayr in der Titelrolle, Maria Happel als König Heinrich und Bibiana Beglau als Henry Percy zur Österreichischen Erstaufführung.
Im APA-Interview erzählt Palmetshofer, warum er einen Großteil des bereits Geschriebenen in der Post-Corona-Zeit wieder verworfen hat, erklärt seinen Fokus auf die sozioökonomische Kluft und das queere Begehren zwischen den Figuren und warum er die Hoffnung auf die Rettung der Demokratie noch nicht aufgegeben hat.
APA: Im Vorfeld der Uraufführung in München war zu lesen, dass Sie fast vier Jahre an diesem Text gearbeitet und aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklungen der Post-Corona-Zeit einen Großteil des bereits Geschriebenen wieder verworfen haben. Wie kam es dazu?
Ewald Palmetshofer: Shakespeares "Heinrich IV" geht von einer bestimmten Art von Staatssystem - der spätmittelalterlichen Monarchie - aus. In meiner ersten Stückfassung war ich noch sehr nahe am Königsdrama, und mir war nicht ganz klar, wie ich diese staatliche Ordnung in meiner Überschreibung greife. Einige Zeit nach der Pandemie hat sich gezeigt, dass sich der politische Diskurs sehr verändert und verschärft hat. Das, was man landläufig als gesellschaftliche Spaltung bezeichnet, hat sich zugespitzt und in Teilen rechtsextreme Bewegungen haben noch weiter an Stärke gewonnen. Ich musste bis auf eine Szene tatsächlich alles wegwerfen und nochmal neu beginnen, weil das Stück auf diese neue politische Situation reagieren musste.
Sozioökonomische Kluft und queeres Begehren
APA: Wie kam es ursprünglich dazu, dass Sie sich ausgerechnet diesen Shakespeare-Stoff ausgesucht haben?
Palmetshofer: Tatsächlich ist Shakespeares Stück im deutschsprachigen Raum nicht sehr bekannt. In Großbritannien ist die Falstaff-Figur hingegen populärer. Beim Lesen sind mir zwei Dinge ins Auge gesprungen: Einerseits der Klassenunterschied bzw. die sozioökonomische Kluft zwischen Henry und John und andererseits das queere Begehren zwischen diesen beiden Figuren. Und dann kam die eben beschriebene politische Frage dazu. Was mich in einem produktiven Sinn an der Vorlage irritiert hat, war, dass Shakespeare letztendlich innerhalb der Notwendigkeiten des Historienstücks verbleibt und von den Turbulenzen der Macht und ihrer Wiederherstellung erzählt.
Was Shakespeare zensurbedingt nicht macht, ist, dieses Machtsystem selbst zu hinterfragen. Und dann gibt es noch einen vierten Punkt: Am Ende von "Heinrich IV" kündigt Shakespeare seinem Publikum an, dass seine Falstaff-Figur im nächsten Stück wieder vorkommen wird, aber sie taucht in seinem Folgestück "Heinrich V" nicht mehr auf. Dass er diese Figur so wegwischt, dass sie eigentlich für den Fortgang der Frage, was in diesem Staat hier politisch los ist, keine Rolle spielt, tut der Figur in meinen Augen Unrecht. Mit meiner Überschreibung wollte ich sehen, was passiert, wenn man über diesen sonderbaren Kerl nicht so einfach hinwegschreiten kann. Und fast noch wichtiger: Was ist, wenn dieses Staatssystem kein System ist, das man überhaupt bejahen möchte?
Verschiebung der Demokratie zu einer autoritären Staatsform
APA: Wie übersetzen Sie das in die Strukturen von heute?
Palmetshofer: In "Sankt Falstaff" geht es um die bereits abgeschlossene Verschiebung einer Demokratie hin zu einer illiberalen, autoritären Staatsform. Da ist ein Wechsel in der Regierungsform passiert, da ist ein machtstrategischer Coup gelungen und wir haben es mit einer anderen Staatsform zu tun. Und ein Politiker benimmt sich quasi wie ein König. Dabei war zum Zeitpunkt des Schreibens nicht abzusehen, dass es heute so etwas wie die No-Kings-Proteste in den USA geben würde.
APA: Zum Zeitpunkt der Uraufführung wurde Donald Trump zum zweiten Mal zum US-Präsidenten angelobt ...
Palmetshofer: ... Und es war nicht zu ahnen, um wie viel schlimmer diese zweite Amtszeit sein wird. Dass da tatsächlich rechtsstaatliche und demokratische Prinzipien aktiv angegriffen werden, dass sich der Diskurs weiter verschärft. Was aber im Vorfeld sichtbar war - und dafür muss man gar nicht unbedingt in die USA blicken -, ist, wie die rhetorischen politischen Mechanismen funktionieren. Davon handelt das Stück zu großen Teilen: Wie über bestimmte Diskursformen, über eine bestimmte Art von Sprache, der Boden bereitet wird, um konkrete machtpolitische Strategien möglich zu machen.
"Wir sehen, was ihr hier tut, und wir sind da, wir weichen nicht"
APA: Haben Sie angesichts der jüngsten Proteste die Hoffnung, dass jetzt jene Menschen, die die Demokratie bisher als selbstverständlich genommen haben, aufwachen und sich etwas Neues formiert?
Palmetshofer: In meinem Text versuche ich, eine Form von Hoffnung durchscheinen zu lassen: Dass politische Unrechtssysteme einerseits über unvorhergesehene Ereignisse stürzen können, und andererseits, dass sich eine Öffentlichkeit bildet, die dem autoritären System durch ihre einschüchternde Präsenz zeigt: Wir sehen, was ihr hier tut, und wir sind da, wir weichen nicht. Innerhalb eines bestimmten Zeitfensters, in dem nicht schon alles ins Totalitäre gekippt ist, solange die demokratischen Strukturen noch bestehen, sind uns mit demokratischen Mitteln noch nicht die Hände gebunden. Das macht Hoffnung.
APA: Sie sind seit vielen Jahren mit Ihren Überschreibungen erfolgreich. Was reizt Sie an diesem Genre im Vergleich zu Stücken ohne Vorlage?
Palmetshofer: Das ist tatsächlich von Fall zu Fall unterschiedlich. Und für mein vorheriges Stück, "Die Verlorenen", gab es zum Beispiel keine Vorlage. Was ich an Bearbeitungen aber mag, ist, dass es so etwas wie einen Sparring-Partner auf der Textebene gibt und dadurch schon vorweg so etwas wie eine Aufgabe, oder ein Problem, das es zu knacken gilt. Man sitzt nicht ganz alleine am Tisch, weil es noch die Stimme eines anderen gibt. Das ist ein bisschen wie Teamarbeit, ohne dass es ein reales Team gibt. Wenn ich dramaturgisch darauf blicke, gibt es Theaterstücke, bei denen man mit dem Regiezugriff sehr weit kommt, um den Stoff für die Gegenwart aktuell zu greifen. Und dann gibt es wiederum Stoffe, bei denen man tatsächlich eher über die Textebene gehen muss, um sie in die Gegenwart zu holen.
Sprachverrohung auf Seiten der illiberalen Politik
APA: Das Gegenteil vom einsamen Schreiben sind ja die Stückentwicklungen im Ensemble, oft ohne Autorin oder Autor, wo nicht selten die Sprache auf der Strecke bleibt. Sie sind ein Autor, der die Sprache sehr stark in den Fokus nimmt, gar mit Versmaß arbeitet. Welche Rolle spielt die Sprache in Ihren Stücken?
Palmetshofer: Sprache ist mir sehr wichtig und gerade in der Arbeit mit dieser Vorlage umso mehr. Es gibt in Shakespeares Stücktext eine sonderbare Spaltung zwischen der sehr geformten Sprache der Macht und der Sprache in der Kneipe, die fast ein bisschen wie formlose Prosa klingt. Es gibt da im Sprachgestus bei Shakespeare eine starke Schichten- oder Klassendifferenz. Ich will hingegen zeigen, dass auch die Sprache der Ohnmächtigen in diesem Container-Club, in dieser Nachtwelt, in diesem Safe Space, der Sprache der Macht in nichts nachsteht und dass es gleichzeitig eine Sprachverrohung aufseiten der illiberalen Politik gibt. Und durch die strenge sprachliche Form, durch diese künstlerisch geformte Sprache in meinem Stück, können die Figuren mehr sagen oder wahrhaftiger sprechen, als sie es im Alltag tun würden. Ihre Sprache ist wie ein Instrument, eine Hilfestellung, um sich zu offenbaren oder ihren Schmerz zu zeigen.
APA: Sie waren unter Andreas Beck, bei dem Sie in München nun auch als Dramaturg tätig sind, am Schauspielhaus Wien Hausautor. Wie bewerten Sie die umstrittene kulturpolitische Entscheidung, das aktuelle Team nach einer Amtszeit abzulösen, und die Übernahme der Bühne durch Sara Ostertag?
Palmetshofer: Mir ist der Erhalt von dem, was ich mit dem Schauspielhaus als Ort der Gegenwartsdramatik verbinde, sehr wichtig. Ich frage mich, ob es kulturpolitisch nicht möglich gewesen wäre, eine Situation zu verhindern, in der Künstler:innen, die einander gewogen sind und kooperieren, in die Lage geraten, jetzt mit Argwohn aufeinander zu schauen. Das ist etwas, das Kulturpolitik eigentlich verhindern muss. Das ist eine ganz unglückliche Situation.
(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E - "Sankt Falstaff" von Ewald Palmetshofer im Burgtheater, österreichische Erstaufführung, Premiere am 9. Mai, 19 Uhr. Regie: Karin Henkel, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Teresa Vergho, Musik: Matthias Grübel. Mit Birgit Minichmayr, Maria Happel, Bibiana Beglau, Tristan Witzel, Tim Werths und Oliver Nägele. Weitere Termine: 19., 22. und 24. Mai sowie am 8., 20. und 27. Juni. www.burgtheater.at )






